Vielleicht muss man als Kreml-Chef ein ehemaliger KGB-Spion sein, um im diplomatischen Poker geschickt zu agieren. Tatsächlich zeigt sich Präsident Wladimir Putin auf dem internationalen diplomatischen Parkett ebenso gewandt, wie beim Management innerer Angelegenheiten. Seit Gustav Stresemann die Sowjetunion und den Westen erfolgreich gegeneinander ausspielte, hat es kein Politiker verstanden, derart schlechte Karten im Poker so effizient einzusetzen. Putins jüngste Schachzüge in Nordkorea und seine vorsichte Haltung gegenüber dem Irak sind nur zwei Beispiele aus der jüngsten Vergangenheit.
Die Diplomatie in ihrer traditionellen Form war nie Russlands große Stärke. In der Zarenzeit war Russland oft isoliert. Auch wenn Russland selbst Teil eines Bündnisses war - wie des Dreikaiserabkommens mit Bismarcks Deutschland und dem Habsburger-Reich, oder der Entente an der Seite Frankreichs vor dem Ersten Weltkrieg - wurde es auf Distanz gehalten.
Russische Machthaber begegneten ihrer Furcht vor Isolation - und Umzingelung - üblicherweise mit dem Versuch bedrohlich zu erscheinen. In der Sowjetära entwickelten sich die Grenzen mit Russlands Nachbarn zu unüberwindlichen Gräben. Die UdSSR war entweder von feindseligen oder schwachen, unterwürfigen Staaten umgeben. Stalin verlor auch keine Zeit, sich das kommunistische China nach Maos Revolution 1949 zum Feind zu machen.
Bis Boris Jelzin unternahm Russland nichts, um diese Klüfte zu überwinden. Allerdings kam Jelzin nie darüber hinweg, dass Russland seinen Status als Supermacht verloren hatte. Durch seine zeitweiligen Ausbrüche als Ausdruck verletzten russischen Stolzes galt er bald als unzuverlässig. Zugegeben, das demokratische Russland unter seiner Führung bekam eine gewisse Bedeutung in der globalen Diplomatie zuerkannt. In Jugoslawien traf der frühere Ministerpräsident Viktor Tschernomyrdin den finnischen Präsidenten Matti Ahtissari um eine Lösung der Kosovo-Krise zu besprechen. Dies kann jedoch kaum als Anerkennung russischer Unentbehrlichkeit gewertet werden. Außerdem drangen NATO-Truppen ohne russische Zustimmung in den Kosovo ein.
Als Realist durch und durch erkennt Putin die veränderte Situation in Russland. Dies ist jedoch keineswegs ein Eingeständnis von Schwäche. Ganz im Gegenteil: Es zeugt von seiner klaren Analyse der momentanen prekären Lage Russlands und der Erkenntnis, dass die Schaffung, Wiederherstellung und Aufrechterhaltung freundschaftlicher Beziehungen zu Russlands eine Voraussetzung für das Wiedererlangen von verlorenem Einfluss sind.
Seit Putin im Jahr 2000 sein Amt übernahm, ist er beinahe überall zum besten Freund aufgestiegen. Die Liste reicht vom irren weißrussischen Präsidenten Alexander Lukaschenko, über US-Präsident George W. Bush, Kanzler Gerhard Schröder, Japans Regierungschef Junichiro Koizumi, bis zu Chinas Präsidenten Jiang Zemin. Selbst der unberechenbare nordkoreanische Führer Kim Jong Il, der sein Land so gut wie nie verlässt, besuchte Putin in den letzten Jahren zwei Mal.
Tatsächlich ist Nordkorea ein Musterbeispiel für Putins Diplomatie. Als andere Staats- und Regierungschefs keinen Gedanken an Kim verschwendeten, pflegte Putin Kontakte zu ihm. Im Sommer 2002 bereiste der nordkoreanische Diktator in einem gepanzerten Zug der Transsibirischen Eisenbahn Russland, um sich über ,,systemkonformen" - d.h. nicht ausschließlich westlich orientierten - Kapitalismus zu informieren.
Kim schien zu glauben, dass es in Russland, obwohl es mit seiner sowjetischen Vergangenheit abgeschlossen hatte, noch genug Sozialismus gab, um mit seinem Land zusammen zu arbeiten. Der Nutzen dieses ,,erzieherischen Experiments" war, dass Putin zu den wenigen Menschen gehört, auf die Kim Jong Il hört.
Aber Putins Diplomatie zielt darauf ab, freundschaftliche Beziehungen in jeder Richtung zu pflegen. Sogar als Kim in Moskau war, halfen russische Diplomaten in Pjöngjang einen amerikanischen Spion in Nordkorea zu schützen. Obwohl die russischen Bemühungen, ihre langjährigen Kontakte in Asien einzusetzen von Amerika früher mit Verachtung bestraft wurden, schien diese Hilfe die Amerikaner doch davon überzeugt zu haben, dass Russland der amerikanischen Nordkorea-Diplomatie tatsächlich von Nutzen sein könnte.
Zweifellos müssen zwischen den USA und Kim Jong Il abschließende Verhandlungen über die nordkoreanischen Atompläne geführt werden. Putin könnte dabei den diplomatischen Deckmantel abgeben, den der amerikanische Präsident braucht, um nicht den Eindruck zu erwecken, man verhandle direkt mit den Nordkoreanern. Präsident Bush erhält damit die Möglichkeit der Vorstellung entgegen zu wirken, man würde vor atomarer Erpressung in die Knie gehen.
Als diplomatischer Pragmatiker hat Putin die Lektionen aus der Vergangenheit gelernt und ist entschlossen, sein Land nicht als von Feinden umzingelt zu betrachten. Er sieht Russland vielmehr als Drehscheibe zwischen Ost und West und als Wachstumsmotor für Länder, in denen Nachfrage nach Schwerindustrieanlagen besteht, die in Russland hergestellt werden. Eine Eisenbahnverbindung zwischen Südkorea und Sibirien, um koreanische und japanische Güter in den Westen und russische Exporte nach Osten zu transportieren, könnte nur eines der positiven Ergebnisse seiner Bemühungen auf der koreanischen Halbinsel sein.
Natürlich hält sich im Westen noch immer ein gewisser Argwohn gegenüber Russland, vor allem hinsichtlich des Irak (wo die größte russische Ölgesellschaft, Lukoil, kürzlich einen Vertrag zur Erschließung neuer irakischer Ölfelder unterschrieb). Aber Putins Interventionen im UNO-Sicherheitsrat waren wesentlich moderater, als jene der historischen Verbündeten Amerikas Frankreich und Deutschland. Und das, obwohl Russland im Irak keine nationalen Interessen zu schützen hat und trotz des Risikos instabiler Verhältnisse in der Region, die auf den Süden Russlands mit seinen Millionen muslimischen Bürgern übergreifen könnten.
Viel zu lange verfolgte Russland in der Diplomatie den brutalen oder den byzantinischen Ansatz. Im ersten Fall wandten sich potenzielle Partner aus Angst ab, im zweiten blieben sie ratlos zurück. Zum Handwerkszeug eines Spions aber gehört, sich Kollaborateure zu suchen und sie zu hegen und zu pflegen. Diese Fähigkeiten werden nun vom russischen Geheimagent-Präsidenten zur Schau gestellt. Niemand beschwert sich.


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