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Agiert Putin in selbstmörderischer Absicht?

Präsident Putin wird an diesem Wochenende in die Ukraine, dem Schauplatz seiner größten außenpolitischen Fehlleistung reisen. Angesichts seiner kurzsichtigen Aktionen zu Hause, wo er zunehmend unfähig erscheint, mit Institutionen, die in irgendeiner Form mit Autonomie ausgestattet sind, umzugehen, scheint das unglaubwürdig.

So hat Putin beispielsweise in den russischen Provinzen Wahlen abgeschafft. Von nun an werden Präsidialbeamte ein Land regieren, das so komplex und multinational wie die EU oder die USA ist. Nicht gerade eine Anleitung für anspruchsvolles Denken.

Tatsächlich sind gewählte Vertreter in Russland zu einer bedrohten Spezies geworden. Die schwarze Kunst des Kremls, Wahlen durch Täuschung und andere Methoden zu manipulieren – in Russland „politische Technologie“ genannt – wird gegenwärtig nur bei Wahlen im Ausland praktiziert, da dies die einzigen „Wahlen“ sind, bei denen sich der Kreml Sorgen machen muss, denn in Russland wurden sie weitestgehend entschärft. Die Abschaffung von Wahlen in Russland wird mit der Notwendigkeit der Terrorismusbekämpfung begründet. Mittlerweile werden damit alle angewandten Mittel gerechtfertigt.

Wie konnte es dazu kommen, dass, vor allem in Russland anscheinend jedes aktuelle Problem auf terroristische Anschläge und anti-terroristische Operationen reduziert wird? Armut, Rassismus und ideologische Altlasten sind gegenwärtig genauso sichtbar wie vor drei oder dreizehn Jahren. Der Terrorismus hat die Situation nicht verschlimmert. Die Sicherheitskräfte waren bei der Lösung der Probleme nicht hilfreich.

Im Gegenteil: Der „doppelte Terror”, der vom Terrorismus und Anti-Terrorismus hervorgerufen wird, lenkt die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit von den Problemen ab, die – wie sich einige von uns noch erinnern können – den Terror erst hervorgebracht haben. Die Wunden in Palästina und Tschetschenien, zwei Schauplätzen des Schmerzes und terroristischer Infektion, sind noch nicht verheilt. Ihre nationale Unabhängigkeit ist nun in noch weitere Ferne gerückt als vor Beginn der „Terrorismus-Ära”.

Natürlich war die Situation in der Vergangenheit alles andere als perfekt, doch überall schienen Regierungen und Völker besser imstande zu sein, Fehlschläge zu tolerieren. Wenn Schlachten verloren waren, begannen die Gespräche. Diese Gespräche führten schließlich zur Bildung respektierter Länder – von Italien im 19. Jahrhundert bis Indien Mitte des 20. Jahrhunderts und Eritrea gegen Ende des Jahrhunderts.

Versuchen Sie sich Präsident Putin als Russlands Staatsoberhaupt im Jahre 1920 vorzustellen, als Polen seine Unabhängigkeit von Russland erlangte, oder im Jahre 1991, als Georgien sie erlangte. Wäre er jemals zu Friedensgesprächen bereit gewesen? Heutzutage gerät Kiplings imperialistisches „Great Game” in einen Teufelskreis. Sicherheitskräfte reagieren auf den sich immer weiter verbreitenden Terrorismus, und der Terrorismus reagiert auf die Aufstockung der Sicherheitskräfte.

Je stärker die Geschütze sind, die aufgefahren werden, desto stärker scheint sich der Widerstand zu formieren. Je stärker der Widerstand, desto stärker die Geschütze, die aufgefahren werden. Die wirklich wichtigen Themen werden von den Verbrechen der Terroristen und den Fehlern der Sicherheitskräfte völlig überlagert. Mit jedem weiteren vollzogenen Kreis nähern sich beide Parteien – Terroristen wie Sicherheitskräfte – immer mehr einander an. Beide Seiten sind daran interessiert, das Spiel fortzusetzen.

Die sich gegenüber stehenden Parteien greifen zu denselben Waffen, entwickeln vergleichbare Taktiken und predigen Ideale, die sich mittlerweile immer mehr ähneln. So geht es weiter, bis sich die Regeln des Spiels ändern. Doch warum sollten sie das tun?

In der Geschichte Russlands hatte es schon einmal eine ähnliche Situation gegeben. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts begannen sozialistische Revolutionäre unter der Federführung von Evno Asef mit einer Serie von terroristischen Anschlägen gegen Staatsbeamte. Im weiteren Verlauf dieser gewaltsamen Auseinandersetzungen mutierte Asef zu einem Doppelagenten. Manchmal tötete er einen Beamten, der mit den Polizeikräften nicht auf gutem Fuß stand. Zu anderen Zeiten wollte die Polizei ihren wertvollen Agenten einfach nicht verraten.

Durch die gegenseitige Manipulation ließen sich die Terroristen und die Sicherheitskräfte kaum noch voneinander unterscheiden. Nennen Sie dies den „Asef-Effekt”. Wenn solch ein Bündnis erst einmal geschmiedet worden war, konnte nichts außer einer Revolution das Ganze stoppen – in diesem Falle war es die bolschewistische Revolution.

Das Spiel muss also gestoppt werden, und sei es auch nur zum Zwecke unseres Überlebens, der schuldlos Betroffenen. Wenn Sie in Ihrem Gegenüber kein menschliches Potenzial wahrnehmen, sprechen Sie nicht mit ihm. Sie benutzen ihn oder sie töten ihn. Der „Andere” wird somit mitten ins Zentrum der Sicherheitspolitik gerückt. Dies ist der Asef-Effekt in Aktion.

Die Bolschewisten machten dies mit der Bourgeoisie. Die Nazis machten es mit den Juden. Doch die klassischen „Empires“ lernten, es nicht mit den kolonialisierten Menschen zu machen. Im Verlauf der Zeit erfanden sie faszinierende Methoden der Kontrolle ihrer Subjekte, indem sie Bildung, Bestechung und Druck miteinander kombinierten. Die klassischen Empires lernten die große Kunst des Orientalismus´ und wussten, wie sie das Gespräch fortsetzen und gleichzeitig ihre Distanz wahren konnten.

Die Abschaffung der Demokratie in Russlands Provinzen, einschließlich der vorwiegend von Muslimen bewohnten Regionen wie etwa Tatarstan und Dagestan, ist ein tödlicher Akt. Frieden in diesen Regionen war eine der wenigen Errungenschaften, auf die das gegenwärtige Russland stolz sein konnte.

Agiert Putin also in selbstmörderischer Absicht? Leider nicht. Er verdankt seine Karriere Tschetschenien, so wie Bush seine Karriere dem Irak verdankt. Doch so entgegenkommend wie sich Tschetschenien auch verhält – das Land ist klein, arm und eigenwillig. Die Umwandlung großer Landstriche Russlands in neue “Tschetscheniens”, so die Berechnung von Putin und seiner Clique, werde – eher früher als später – dazu führen, dass sie ihre Karten im Terror- und Sicherheitsspiel mit Millionen von Muslimen in den ölreichen Ebenen Eurasiens ausspielen werden.

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