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Putin von Arabien

BEIRUT – Beinahe unbemerkt gewinnt Russland momentan viel von dem Einfluss im Nahen Osten zurück, den man nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion verlor. Seit der russischen Invasion in Georgien im August überschlagen sich arabische Satellitenprogramme und Internetseiten mit Diskussionen über die Rolle der Region in einem aufkeimenden „neuen Kalten Krieg“. Ist der Schirmherr der arabischen Welt während des Kalten Krieges wirklich zurück und wenn ja, was würde dies für den Frieden in der Region bedeuten?

Mit dem Niedergang der UdSSR war auch des Ende des Kommunismus gekommen, den die Muslime als Widerspruch zu ihrem Glauben betrachten. Der Kommunismus hinderte zwar nie ein mit den USA verfeindetes arabisches Regime daran, Waffenlieferungen aus dem Russland der Sowjetzeit zu beziehen, aber er verhinderte sehr wohl, dass Russland jene Art von vertraulichem Einfluss gewann, den sich Amerika bei seinen regionalen Verbündeten sicherte. Heute begrüßen sogar die Islamisten die Rückkehr Russlands als lokalen Akteur, der ihnen im Kampf gegen die Hegemonie der Amerikaner den Rücken stärkt. Dabei vergessen sie aber geflissentlich, wie brutal Russland in den 1990er Jahren die tschetschenischen Muslime unterdrückte.

Diese Entwicklung markiert eine völlige Abkehr von den in den 1950er Jahren herrschenden Gepflogenheiten. Damals unterstützten die USA den Islam als Bollwerk gegen den Kommunismus. Die amerikanischen Verbündeten im Nahen Osten, allen voran Saudi Arabien, rechtfertigten den amerikanischen Einfluss damit, dass es sich bei den Amerikanern um Christen handelte, die eben zu den Ahl al-Kitab (Schriftbesitzern) gehören. Die Sowjets dagegen wurden regelmäßig als gefährliche Feinde Gottes geschmäht. 

Heute ist das Ansehen der USA im Nahen Osten auf einem Tiefpunkt angelangt und Russland trachtet danach, dieses Vakuum zu füllen. Selbst Amerikas engste Verbündete – Saudi Arabien, Ägypten und Israel – sind angreifbar, weil sie mit der aggressiven Expansion „radikaler Kräfte“ zu kämpfen haben, die durch den Iran, Hamas, Hisbollah, Syrien und den irakischen Widerstand verkörpert werden. In der herrschenden Atmosphäre des Aufruhrs und der Konfusion beschimpfen radikale Islamisten die Amerikaner als barbarische Kreuzritter, die den Kommunisten als Feinde des Islam den Rang abgelaufen haben. Für die konservative Mehrheit in der Region sind die USA mit ihrer Popkultur und der liberalen Demokratie tatsächlich ein viel problematischerer Verbündeter als die autokratischen und wohlstandsliebenden Russen.

Der russische Vormarsch in der Region begann mit dem Staatsbesuch des früheren Präsidenten Wladimir Putin im Iran im Oktober 2007 – dem ersten Besuch eines russischen Staatsoberhauptes seit Stalins Visite in Teheran im Jahr 1943. Natürlich half Russland dem Iran, sein Atomprogramm in Gang zu bringen und bewahrte das iranische Regime oft vor strengeren UNO-Sanktionen. 

Russland betrachtet seine Beziehungen zum Iran als Mittel, um seinem diplomatischen Einfluss im gesamten Nahen Osten zum Durchbruch zu verhelfen, wo die USA seit dem Ende des Kalten Krieges (erfolgreich) bestrebt waren, den Kreml an den Rand zu drängen. Das andere Ziel Russlands ist, für den Atomreaktor Bushehr eine Ausnahme von den UN-Sanktionen zu erwirken, denn dieser wurde in Russland für den Iran gebaut. Finanzieller Druck auf den Iran mit Billigung der UNO würde die russischen Gewinne aus dem Verkauf von Brennstoff für den Reaktor gefährden, der kurz vor seiner Inbetriebnahme steht.

Zum ersten Mal in seiner Geschichte im Nahen Osten kann sich Russland auf wirklich mächtige lokale Verbündete verlassen. Die Sowjetunion verlor Ägypten im Jahr 1972 und zog sich 1989 von den Marinestützpunkten in Syrien zurück. Nun hat Russland strategische Abkommen mit dem Iran unterzeichnet und baut in Syrien seine Militärstützpunkte wieder auf, nachdem Präsident Bashar Al-Assad bei einem Besuch im Moskau kurz nach dem Ende des Kriegs in Georgien unverfroren um die Unterstützung des Kremls warb. Der Iran ist darauf aus, seine Partnerschaften mit Russland öffentlich zu verkünden. Darüber hinaus werden Russland Zugeständnisse gemacht, um der Bedrohung durch Amerika und Israel etwas entgegenzusetzen und um bei der Durchführung des Atomprogramms mehr Zeit zu gewinnen.  Auch die Hamas ist stolz auf ihre Verbindungen mit Russland und zwar so sehr, dass sie als eines von nur drei Regimes weltweit die Unabhängigkeit Abchasiens und Südossetiens anerkannte - jener Regionen also, denen Russland bei ihrer Abspaltung von Georgien half.

Als Reaktion auf die gescheiterte Nahost-Politik Amerikas im Irak, Iran, Syrien, dem Libanon oder Palästina scheint Russland nun seinen Reichtum durch die Ölverkäufe für die Bildung eines neuen Blocks gegen die amerikanische Präsenz einzusetzen. Sogar im Irak macht Russland Fortschritte. Man hat dem Land  rund 12 Milliarden Dollar Schulden aus der Zeit Saddams erlassen und arbeitet nun auf den Bau einer Ölpipeline vom Irak nach Syrien hin, die Russlands angestrebte Kontrolle der Öl- und Gastransporte weiter vorantreiben soll. Außerdem ist Russland bereit und willens, mehr hochentwickelte Waffen nach Syrien und in den Iran zu liefern.

Kurzfristig hat Russland mit den hohen Ölpreisen im Rücken nichts zu verlieren, aber langfristig scheint die russische Nahost-Politik in zweifacher Weise fehlgeleitet. Ein mit Atomwaffen ausgestatteter Iran vor der Haustür liegt gewiss nicht im Interesse Russlands, vor allem nicht angesichts der zunehmenden Radikalisierung der 20 Millionen muslimischen Bürger in Russland – der einzig wachsenden Bevölkerungsgruppe. Tatsächlich war der Iran ein eifriger Unterstützer der tschetschenischen Separatisten, die Russland beinahe ein Jahrzehnt bekämpfte, um sie zu besiegen.

Nachdem die Muslime in den nächsten Jahrzehnten eine größere Rolle in der russischen Innenpolitik spielen werden, wäre es klug, wenn Russland Interesse an der Realität des Nahen Ostens zeigte. Die Unterstützung der radikalsten Elemente in der Region wird diese nur so weit stärken, dass sie eines Tages dann ihre Aufmerksamkeit auf die „unterdrückten“ Muslime in Russland lenken.

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