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Nigeria muss vom Abgrund weggezogen werden

Wieder einmal deutet alles darauf hin, dass Nigeria kurz vor dem politischen Zusammenbruch steht: Diesmal droht das Parlament dem Präsidenten Olesegun Obasanjo mit einem Amtsenthebungsverfahren. Allerdings wäre es nicht das erste Mal, dass Nigeria mit einer überraschenden Lösung aufwartete. Immer wieder warnen "Afrikaexperten" vor dem bevorstehenden Zusammenbruch des Landes, und immer wieder hat Nigeria standgehalten, wie unsicher auch immer.

Die Kräfte, von denen Nigerias Einheit und Stabilität untergraben werden, sind ebenso verschiedenartig wie einflussreich. Aber die Faktoren, die dieses riesige Land mit sehr unterschiedlichen Sozialsystemen und mehr als 120 Millionen Einwohnern zusammenhalten, sind ebenso mächtig und hartnäckig und bewahren das Land immer wieder davor, auseinander zu fallen - auch dann, wenn sich sogar die optimistischsten unter den ausländischen Beobachtern auf das Schlimmste gefasst machen.

Diesmal sind es die zunehmenden Spannungen im Vorfeld der Präsidentenwahlen im nächsten Jahr, die zum zweiten Mal seit dem Ende der Militärherrschaft 1999 abgehalten werden. Arbeitslose Jugendliche aus den Städten und ethnische Milizen sind für die Zunahme der bewaffneten Raubüberfälle und der politischen Gewalt in Städten wie Lagos und Warri im Süden und Kaduna und Kano im Norden verantwortlich. Die politisch-ökologische Krise in den Gemeinschaften am Niger-Delta, die von der Ölförderung abhängen, droht, außer Kontrolle zu geraten, während eine aufgebrachte Jugend und verarmte Frauen Ölgesellschaften und staatliche Behörden beschuldigen, ihre Umwelt zu zerstören und ihr Öl zu nehmen, ohne dafür etwas zurückzugeben.

Aber kaum ein Außenseiter versteht, wie komplex das Beziehungsgeflecht ist, das die Nigerianer aneinander bindet. Fulani-Viehhirten und Schlachter, eigentlich aus dem Norden des Landes, sind ein durchaus vertrautes Erscheinungsbild in Städten und Dörfern im Osten. Igbo-Kaufleute und Handwerker bevölkern den berühmten Markt von Kano und die Märkte anderer Städte. Lagos, das Handelszentrum der Nation, ist die Stadt der Vermischungen und Hybriden, in der keine ethnische Gruppe dominiert.

Die Chefetagen der Unternehmen sind ein weiterer wichtiger Faktor, der Nigeria zusammenhält. Ein Netz ineinander verwobener Beteiligungen der Finanzunternehmen und Banken, Ölraffinerien und der boomenden Telekom-Industrie schweißt Großindustrielle, Generäle a.D. und mächtige Stammesfürsten zu einer Familie zusammen, die zwar erbittert streitet, aber doch einen überraschend starken Zusammenhalt beweist.

Während die Geschäftselite sich überwiegend aus den drei großen ethnischen Gruppen- Hausa-Fulani, Igbo und Yoruba - rekrutiert, weiß man in diesen Kreisen, dass das Öl der Motor der Wirtschaft ist und dass das meiste Öl wiederum aus dem Nigerdelta kommt, das von Minderheiten-Gruppen bewohnt wird, wie den Ogoni und den Ijo. Diese Erkenntnis, dass letztlich alle gleichermaßen von einem wertvollen Rohstoff abhängig sind, der sich außerhalb ihres Einflussgebietes befindet, vereint die Interessen der drei großen ethnischen Gruppen. Das Interesse, das jede Gruppe gleichermaßen daran hat, dass die Petrodollar weiterhin ins Land fließen, leistet einen großen Anteil an der Vereinigung des nigerianischen Kaleidoskops bestehend aus Emiraten, Königreichen, Dorfrepubliken und unabhängigen Stämmen.

Eine vereinte nigerianische Nation entsteht langsam aber sicher aus diesem Durcheinander an unterschiedlichen Stimmen. Die Völker Nigerias sind sich darüber im Klaren, dass keines von ihnen allein mächtig genug ist, um den anderen seine Lebensweise aufzuzwingen. So finden sie oft sehr geschickte Mittel und Wege, um die Unterschiede zu überwinden. Nigerianer nehmen immer häufiger mehrere Identitäten an, indem sie auf ihre ethnischen oder religiösen Ursprünge zurückgreifen und diesen Identitätenmix als die Grundlage ihrer nationalen, nigerianischen Identität benutzen.

Nigerianer empfinden es immer weniger als lästig, zwischen ihren verschiedenen Identitäten ein Gleichgewicht herzustellen, weil sie erkannt haben, dass dieser Balanceakt wirtschaftliche, kulturelle und politische Vorteile haben kann. Die Speisekarte eines typischen nigerianischen Restaurants zum Beispiel ist lebendiger Ausdruck dieser ineinanderfließenden Identitäten. Dort steht dann vielleicht "Suya" (gegrilltes Fleisch), eigentlich eine Hausa-Spezialität, die aber jetzt im ganzen Land beliebt geworden ist. Nigerianer aus den oberen oder mittleren Gesellschaftsschichten bestellen Biere der Marken "Gulder" oder "Star", die in Lagos gebraut werden.

Ähnlich verhält es sich mit der Begeisterung für die "Super Eagles", der Fußballmannschaft des Landes, die durch alle ethnischen Gruppen hindurch geht. Und während eine aufstrebende lokale Videofilmindustrie, ähnlich Indiens "Bollywood", Schauspieler, Produzenten, Regisseure und Vertriebsgesellschaften nach Lagos zieht, wo die meisten dieser Filme gedreht werden, entsteht in Wahrheit eine ganz eigene, eben "nigerianische" Kultur.

Das soll nicht heißen, dass die Einflüsse, die das Land entzweien, bereits besiegt seien. Ein deutliches Zeichen dafür, dass die Kräfte der Uneinigkeit noch immer tiefe Wurzeln haben, ist ein vor kurzem gefälltes Todesurteil durch Steinigung, das von einem moslemischen Sharia-Gericht in Nordnigeria über eine Frau gefällt wurde.

Das Aufkeimen von islamischem Fundamentalismus in Nordnigeria resultiert teilweise aus der tiefen Unsicherheit der politischen Elite der Region, die fürchtet, ihre Macht und ihren Einfluss zu verlieren. Aber harsche Scharia-Urteile werden zwar von Ausländern verurteilt, könnten eine aber eine Chance für die Befürworter der nigerianischen Einheit sein. Sollen die destruktiven ethnischen Spannungen und Konflikte zwischen den verschiedenen Regionen des Landes abgebaut werden, muss reale Macht auf die Regionalregierungen übertragen werden, einschließlich Steuer- und Bildungshoheit sowie der Verantwortung für Polizei und Landnutzung, die typisch sind für amerikanische Staaten, Regionen und Städte.

Natürlich besteht die Gefahr, dass der Aufbau der lokalen und regionalen Regierungen gerade separatistischen Bestrebungen Vorschub leistet. Aber es lohnt sich, das Risiko einzugehen. Die Lockerung der Zwänge, in die die Völker Nigerias durch einen übertrieben zentralistischen, autoritären Staat gepresst werden, würde ihnen die Möglichkeit geben, ihre Identität mit größerer Freiheit zu bewahren und gleichzeitig die Vorteile zu erkennen, die eine Bestätigung und Vertiefung eines wachsenden Einheitsgefühls für sie bringen würde.

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