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Kann Wirtschaft ethisch sein?

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2009-06-15

MELBOURNE – An der Harvard Business School gibt es eine Neuerung. Die ersten Studierenden, die seit dem Ausbruch der globalen Finanzkrise ihr Studium der Business Administration abschließen, legen einen Eid ab, der sie verpflichtet, ihrer Arbeit „in ethischer Weise“ nachzugehen, „danach zu trachten, weltweit nachhaltigen wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Wohlstand zu schaffen“ und ihre Unternehmen „in gutem Glauben“ zu führen sowie diese gegen „Entscheidungen und Verhaltensweisen zu schützen, die zwar den eigenen Ehrgeiz fördern, aber das Unternehmen und jene Gesellschaften schädigen, denen die Unternehmen dienen.“

Obschon sich der Wortlaut des neuen MBA-Eides an eine, seit 2006 von der Thunderbird School of Global Management in Arizona verwendete Formel anlehnt, ist es dennoch höchst bedeutsam, dass die berühmteste Business School der Welt diese übernimmt.

Bis zur Entstehung dieses Artikels haben etwa 20 Prozent der Harvard-Absolventen den neuen Eid abgelegt. Zyniker werden natürlich fragen: „Und was ist mit den anderen 80 Prozent?“ Aber diejenigen, die diesen Eid schworen, sind Teil einer größeren, sich der Ethik zuwendenden Bewegung, die sich nach der jüngsten Flut von Enthüllungen über Unredlichkeit und Gier im Finanzsektor formierte.  Das Interesse an Vorlesungen über Wirtschaftsethik ist sprunghaft gestiegen und die Aktivitäten der Studierenden an führenden Wirtschaftsfakultäten konzentrieren sich mehr denn je auf die Frage, wie die Wirtschaft langfristigen sozialen Werten dienen kann.  

Die Wirtschaftsethik hatte immer mit anderen Problemen zu kämpfen als die Berufsethik in anderen Bereichen wie Medizin, Recht, Technik, Zahnmedizin oder Pflege. Eine Familienangehörige hatte kürzlich ein Problem mit den Augen und wurde vom Allgemeinmediziner zum Augenspezialisten überwiesen. Nach der Augenuntersuchung meinte er, es sei keine Operation nötig und schickte sie zum Allgemeinmediziner zurück.

Nichts anderes würde man sich von einem Arzt erwarten, der den ethischen Grundsätzen seines Berufsstandes genügt, sagen mir meine Freunde aus der Medizin. Im Gegensatz dazu ist es schwer vorstellbar, dass jemand zu einem Autohändler geht und dort gesagt bekommt, dass er eigentlich gar kein neues Auto braucht.

Im Fall der Ärzte geht die Tradition eines Eides auf ethisches Handeln auf Hippokrates zurück. Natürlich gibt es in allen Berufen schwarze Schafe, egal welcher Eid auch geschworen wird, aber viele Mediziner fühlen eine echte Berufung, im besten Interesse ihrer Patienten zu handeln.

Haben Manager in der Wirtschaft nun irgendeine andere Berufung als wirtschaftlichen Erfolg und Gewinnmaximierung? Jedenfalls ist sie schwer feststellbar. Tatsächlich leugnen viele Manager, dass es zwischen Eigeninteresse und den Interessen der Allgemeinheit überhaupt einen Konflikt gibt. Sie glauben, dass Adam Smiths „unsichtbare Hand“ sicherstellt, dass die Verfolgung der Eigeninteressen auf dem freien Markt auch den Interessen der Allgemeinheit dient.

In dieser Tradition schrieb der Ökonom Milton Friedman in seinem 1962 erschienen Buch Kapitalismus und Freiheit : „Es gibt eine und nur eine soziale Verantwortung eines Unternehmens: die Ressourcen so einzusetzen und die Aktivitäten so zu setzen, dass die Gewinne gesteigert werden, solange es sich dabei nur innerhalb der Spielregeln bewegt oder, anders gesagt, solange es sich ohne Täuschung oder Betrug dem offenen und freien Wettbewerb aussetzt.” Für die wahren Getreuen dieser Philosophie ist die Vorstellung, dass ein Manager nach etwas anderem als Gewinnmaximierung streben soll, schlicht Ketzerei. 

Obwohl durch die globale Finanzkrise Betrug im großen Stil sichtbar wurde, liegt der wahre Grund für die Krise nicht in diesem Betrug. Die Ursache ist vielmehr das Versagen des Marktes, die Eigeninteressen derjenigen, die Subprime-Hypotheken verkauften und wiederverkauften, mit den Interessen jener Investoren in den Finanzinstitutionen zu verbinden, die diese Finanzprodukte erwarben. Die Tatsache, dass es zu einer noch größeren Katastrophe gekommen wäre, wenn die Regierungen nicht bereit gewesen wären, mit dem Geld der Steuerzahler die Banken zu retten, war ein zusätzlicher Schlag ins Gesicht derjenigen, die uns erzählten, wir sollten doch dem unreguliertem Markt vertrauen.

Der MBA-Eid ist ein Versuch, die Friedmansche Sicht der sozialen Verantwortung von Unternehmen durch etwas ganz anderes zu ersetzen, nämlich durch Manager, die sich der Förderung des langfristigem und nachhaltigem Wohlstandes für alle verpflichten. Dieses Gefühl einer Berufsethik wird durch Formulierungen im Eid vermittelt, wo von zukünftigen Unternehmensführern verlangt wird, „mich und andere Manager in meinem Verantwortungsbereich so zu entwickeln, dass der Berufsstand gedeiht und zum Wohlergehen der Gesellschaft beiträgt“.  

An anderer Stelle wird die Rechenschaftspflicht gegenüber Peers betont - das Gütesiegel jeder akademischen Selbstregulierung. Als übergeordnetes Ziel des Berufsstandes der Manager wird, wie bereits erwähnt, nicht weniger als die Schaffung „weltweit nachhaltigen wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Wohlstandes“ definiert.

Kann ein derartiger Kodex in der von Wettbewerb geprägten Geschäftswelt wirklich Fuß fassen? Die größte Hoffnung auf Erfolg ist in einem Kommentar zu erkennen, den Max Anderson, einer der für den Eid der Absolventen zuständigen Betreuer, einem Reporter der New York Times gab: „Wir haben das Gefühl, dass wir unserem Leben mehr Sinn verleihen und die Unternehmen zum Wohle der Allgemeinheit führen wollen.“ Würden die Geschäftsleute ihre Interessen in diesem Sinne wahrnehmen, könnten wir die Entwicklung einer auf Ethik basierenden Berufsauffassung von Managern miterleben.

Peter Singer ist Professor für Bioethik an der Universität Princeton und Laureate Professor an der Universität Melbourne. Zuletzt  ist als Buch von ihm erschienen: The Life You Can Save: Acting Now to End World Poverty.

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AimeeColleen 12:35 23 Jun 09

Der MBA Eid auf Deutsch: http://blog.careermee.com/


BTJ46 01:34 08 Jul 09

After 25 years as a management consultant, I'm afraid I'm more than a little cynical. I can attest that there is an increasing interest in meaningful work and the greater good amongst many workers and even some CEOs, but the bottom line remains the bottom line.

There is now increasing discussion in some companies about how to use 'CSR' -- a telling acronym for 'corporate social responsibility' -- in order to 'build the brand' and deliver higher profits.

The real problem is not in the hearts and minds of managers but is systemic. Current market mechanisms deliver punishments and rewards based on quarterly earning and profit statements that have a real impact on what a company is able to do with even the best intentions. And some of those punishments are dealt out by the managers of my 401K and Pension Plan -- so I'm even personally complicit.

The real solution is social -- increased regulation to change the playing field and fair taxes that represent full the social costs of corporate practices and provide a substantial safety net for all. Some regulation might use market mechanisms to change behavior -- like cap and trade or a carbon tax -- but those sort of changes need to be applied socially and equally to all. They can't depend on the good intentions of even the best managers.


BillCooke 10:27 02 Sep 09

A number of teachers and researchers in business and management schools are involved in something called Critical Management Studies. People interested in what business schools do might want to google the term and also put it into scholar google.

Speaking as one of these teachers and researchers, I think a code of ethics is not the answer, and indeed that Peter Singer's tacit acceptance of the social-professional role of the manager typifies the broader problem, as does colluding with Harvard MBA students in their central position complex. (famously, see Henry Mintzberg on Harvard MBA pedagogy, eg http://www.henrymintzberg.com/pdf/leadershipbush.pdf ; which, its anti-Bushism aside, is a fairly mainstream critique)

And can Peter Singer really believe the underlying cause of the crisis is "a failure of the market", as if the market is some reified thing out there that developed a glitch ? Not to do with underlying social structures, or human behaviour ? Not to do, um, with managerialist greed and hubris ? In between the notion that is was fraudsters and that is was market failure, surely we must recognise that those responsible saw themselves, until the crash, as heroes, as the good guys, and noone who said otherwise could gain any social purchase.

Look, too, to the conflations of business, management, and organization in this piece (eg in the last paragraph). Part of the problem of the present day is that there are many organizations which are not businesses, and should not be run like them (eg in the public sector). Would Peter Singer welcome an MBA to run his organization[s], Princeton and Melbourne, even one who wanted to do so for the "greater good".

Finally, as a point of interest, the most important ranking of MBA courses is that of the Financial Times. In compiling the ranking, one of the key indicators used is how much more money MBA students earn once they graduate. I think that reveals a certain set of ethics in itself.



AUTHOR INFO

Peter Singer is a Professor of Bioethics at Princeton University and Laureate Professor at the University of Melbourne. His books include Animal Liberation, Practical Ethics, and The Life You Can Save.