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Verschreibungspflichtige Finanzprodukte

NEU-DELHI: Eine positive Begleiterscheinung der Finanzkrise von 2007-201? ist unsere Erkenntnis, dass Finanzprodukte so komplex und gefährlich wie Drogen oder Medikamente sein können. Diese Erkenntnis hat weltweit zu innovativen Ideen und Experimenten mit neuen Gesetzen, Verordnungen und Organisationen geführt.

In Indien hat die Regierung die Gründung eines Rates für Finanzstabilität und Entwicklung (FSDC) angekündigt, um die Koordinierungsprobleme bei der Regulierung zu lösen und für eine makroprudenzielle Aufsicht zu sorgen. In den USA könnten die Dodd-Frank-Reform der Wall Street und das Verbraucherschutzgesetz sowie neue Initiativen zur Überwachung der Sicherheit von Finanzprodukten die Finanzarchitektur verändern.

Eine ganze Reihe von Befürwortern dieser neuen Ideen haben öffentlich die Drogen- bzw. Medikamentanalogie benutzt. So wurde argumentiert, dass, hätten die USA 2007 eine der Food and Drug Administration vergleichbare Kommission über die Sicherheit von Finanzprodukten gehabt, der Markt nicht mit „Lockhypotheken“ überflutet worden wäre, dank derer sich Millionen von Haushalten in den Ketten ruinöser Kredite verfangen haben.

Ein besonderer Fortschritt der neuen Ideen, die derzeit in den USA, Europa, Indien, China und anderswo aufkommen, ist die Erkenntnis, dass es – wie bei Medikamenten und Spielzeug – unmöglich ist, vorab zu sagen, welche Finanzprodukte man zulasse sollte und welche nicht, denn wir können nicht vorherahnen, was für Produkte alles auf den Markt kommen können und werden. Daher also die Notwendigkeit einer Bewertungsstelle, die sich ein neues Produkt ansehen und sich eine Meinung darüber bilden kann, wie wünschenswert es ist.

Tatsächlich gibt es einen Besorgnis erregenden Aspekt der neuen Pläne: Sie müssen auf einem schmalen Grad wandeln zwischen jener rücksichtslosen Freiheit für Finanzinstitute, die zur jüngsten globalen Finanzkrise beigetragen hat, und einer Übervorsicht, die Innovation erstecken und Ineffizienzen hervorrufen kann.

Man betrachte etwa Lockkredite, die zunächst mit niedrigen Gebühren und völlig ohne Zinsen beginnen, bei denen später jedoch sehr viel höhere Kosten anfallen. Das sind sicher gefährliche Produkte, die dazu geführt haben, dass viele Familien in eine nicht zu bewältigende Schuldenfalle getappt sind. Doch können derartige Kredite für finanziell erfahrene Firmen und Haushalte, die guten Grund zu der Annahme haben, dass ihre künftigen Einnahmen deutlich höher liegen werden als ihre derzeitigen Einkünfte, von großem Wert sein. Sie können damit Investitionen tätigen, die sie sich sonst nie leisten könnten.

Dies ist nur ein Beispiel. Es ist unmöglich, die zahlreichen Finanzprodukte vorherzusehen, die der menschliche Verstand sich ausdenken kann und die in der Anwendung gefährlich, für manche aber auch von großem Nutzen sein können. Die von vielen der in unserer heutigen, krisenversehrten Welt derzeit erwogenen Regulierungsmaßnahmen ausgehende Gefahr ist, dass sie unsere Märkte möglicherweise zu stark regulieren – bis zu dem Punkt, wo sie das Aufkommen wertvoller neuer Produkte blockieren.

Doch es gibt einen Ausweg aus diesem Dilemma. Wir müssen bei der Erstellung neuer Finanzvorschriften die medizinische Analogie einen Schritt weiter verfolgen, indem wir das Äquivalent eines Arztrezepts erschaffen. Statt alle gefährlichen Produkte zu verbieten oder uneingeschränkt zuzulassen, müssen wir die Produkte kennzeichnen, die für einige, aber nicht für alle Kunden nützlich sind – bezeichnen wir sie hier mal als „verschreibungspflichtige Finanzprodukte“ – und eine Körperschaft amtlich registrierter Finanzfachleute ins Leben rufen, die befugt sind, dem Einzelnen den Kauf dieser Produkte zu bescheinigen.

Nehmen wir an, Sie wollen sich ein Haus kaufen. Ihre örtliche Bank bietet Ihnen dazu einen Kredit mit steigendem Zinssatz an – ein verschreibungspflichtiges Produkt. Sie können dann so einen Kredit abschließen, sofern ein amtlich registrierter Finanzfachmann einen derartigen Vertrag genehmigt.

Kurz gesagt: Genau wie wir Steroide nicht einfach verbieten können, weil sie gefährlich sind, sondern verlangen, dass die Käufer ein gültiges Rezept haben, sollten wir Vorsichtsmaßnahmen bezüglich der Art und Weise einführen, wie und von wem Finanzprodukte verwendet werden können. Diese Option würde die Liste der Produkte, die völlig verboten werden müssen, enorm verkürzen.

Wir sollten freilich die medizinische Konvention vermeiden, wonach jedes Produkt entweder frei verkäuflich oder verschreibungspflichtig ist, unabhängig davon, wer das Produkt kauft. Um das System schlank zu halten, sollte es eine Bestimmung geben, die bestimmte Einzelpersonen und Unternehmen – jene, die erfahren genug sind, um ihre eigenen Angelegenheiten zu regeln, oder wohlhabend genug, um ein finanzielles Scheitern zu bewältigen – von der Vorschrift  befreit, vor dem Kauf eines verschreibungspflichtigen Finanzprodukts die Genehmigung eines registrierten Finanzfachmanns einzuholen.

Der Grund, warum ich für eine solche Bestimmung eintrete, sind meine positiven Erfahrungen hier in Indien, wohin ich vor kurzem aus den USA umgezogen bin. Vor ein paar Monaten traf ich den Besitzer einer örtlichen Drogerie. Ohne ihn mit einem Rezept zu belasten, erzählte ich ihm etwas kleinlaut, dass ich auf eine längere Auslandsreise ginge und zur Vorsicht einen Streifen antibiotische Tabletten mitnehmen wolle. Er betrachtete mich von oben bis unten, um mich einzuschätzen, und erklärte dann: „Da Sie so lange unterwegs sein werden, würde ich vorschlagen, Sie nehmen zwei Streifen.“

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