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Raubtierkapitalisten und Professoren

WASHINGTON, D.C.: Sind Amerikas große Universitäten noch immer die unerschütterlichen Hüter des Wissens, Vorreiter des technologischen Fortschritts und Anbieter von Chancen, die sie einst waren? Oder sind sie – teilweise – zu skrupellosen Komplizen einer immer raffgierigeren Wirtschaftselite geworden?

Am Ende seines Oscar-prämierten Dokumentarfilms Inside Job befragt Charles Ferguson führende Ökonomen zu ihrer Rolle als bezahlte Cheerleader der exzessiven Risikobereitschaft und unseriösen Geschäftspraktiken des Finanzsektors im Vorfeld der Krise von 2008. Einige dieser prominenten Wissenschaftler erhielten hohe Summen, um die Interessen der Großbanken und anderer Unternehmen im Finanzsektor zu unterstützen. Wie Ferguson in diesem Film und in seinem kürzlich erschienenen ernüchternden Buch Predator Nation zeigt, werden viele derartige Zahlungen selbst heute noch nicht vollständig offen gelegt.

Raubtierkapitalismus ist eine völlig angemessene Bezeichnung für die Aktivitäten dieser Banken. Weil ihr Scheitern den Rest der Volkswirtschaft traumatisieren würde, erhalten sie einen einzigartigen Schutz – z. B. besondere Kreditlinien von den Notenbanken und gelockerte aufsichtsrechtliche Regeln (Maßnahmen, wie sie in den USA, Großbritannien und der Schweiz derzeit antizipiert werden oder in den letzten Tagen angekündigt wurden).

Infolgedessen werden die Leute, die diese Banken führen, dazu ermutigt, eine Menge riskanter Wetten einzugehen, darunter Aktivitäten, die von ihrer Art her reines Glücksspiel sind. Wenn alles gut läuft, profitieren die Banker; geht es schief, ist das überwiegend das Problem anderer. Dies ist ein intransparentes, gefährliches staatliches Subventionssystem, das letzten Endes sehr hohe Transfers von den Steuerzahlern hin zu ein paar Leuten an der Spitze des Finanzsektors umfasst.

Um den Fortbestand dieses Systems zu gewährleisten, verteilen die globalen Megabanken große Geldspenden an die Politiker. So sagte der CEO von JPMorgan Chase, Jamie Dimon, kürzlich vor dem Bankenausschuss des US-Senats über das manifeste Versagen des Risikomanagements aus, das seinem Unternehmen einen geschätzten Handelsverlust von sieben Milliarden US-Dollar bescherte. OpenSecrets.org schätzt, dass JPMorgan Chase (Amerikas größte Bankholding) 2011 Parteispenden in der Größenordnung von acht Millionen Dollar leistete und dass Dimon und sein Unternehmen Spenden an die meisten im Ausschuss sitzenden Senatoren geleistet hatten. Es überrascht nicht, dass die Fragen der Senatoren überwiegend sanfter Art waren. Die breiter ausgerichtete Lobbying-Strategie von JPMorgan Chase scheint sich auszuzahlen; die „Untersuchung“ eines unverantwortlichen, systembedrohlichen Missmanagements dürfte aller Wahrscheinlichkeit in eine Reinwaschung münden.

Zur Unterstützung ihrer politischen Strategie verfolgen die globalen Megabanken außerdem hochkomplexe Desinformations- bzw. Propagandakampagnen, die das Ziel verfolgen, für die Subventionen, die sie erhalten, zumindest den Anschein der Seriosität zu erwecken. Und dies ist der Punkt, an dem die Universitäten ins Spiel kommen.

Bei einer jüngsten Sitzung des Runden Tisches der Commodity Futures Trading Commission (CFTC) zitierte ein neben mir sitzender Vertreter des Bankensektors aus einem Aufsatz eines renommierten Professors für Finanzwesen von der Universität Stanford, um seine Haltung in Bezug auf eine bestimmte aufsichtsrechtliche Regelung zu untermauern. Er unterließ es dabei, zu erwähnen, dass dieser Professor für den Aufsatz eine Zahlung von 50.000 Dollar von der Securities Industry and Financial Markets Association (SIFMA), einer Lobby-Gruppe, erhalten hatte. (Der Professor, Darrell Duffie, legte die Höhe dieses Honorars offen und spendete es für einen wohltätigen Zweck.)

Warum sollten wir derartige Arbeiten ernst nehmen – oder ernster als jede andere bezahlte Beratungstätigkeit, etwa von einer Anwaltskanzlei oder von jemand anderem, der für die Branche arbeitet?

Die Antwort ist vermutlich, dass die Universität Stanford ein hohes Prestige genießt. Als Institution hat sie Großes geleistet. Und ihr Lehrkörper ist einer der besten der Welt. Wenn ein Professor einen Aufsatz im Auftrag einer Branchengruppe verfasst, profitiert die Branche vom Namen und Ruf der Universität – in gewissem Sinne mietet sie sie. Natürlich betonte der Banker am Runden Tisch der CFTC den Namen „Stanford“, als er aus dem Aufsatz zitierte. (Ich will hier nicht diese bestimmte Universität kritisieren; tatsächlich wirken andere Mitglieder des Lehrkörpers von Stanford, darunter Anat Admati, an vorderster Front bei dem Bemühen um sinnvolle Reformen mit.)

Ferguson ist der Ansicht, dass diese Form akademischer „Beratung“ allgemein außer Kontrolle geraten sei. Ich bin gleicher Meinung, doch dürfte es schwierig sein, sie im Zaum zu halten, solange die Universitäten und „systemrelevanten“ Banken weiter so eng verflochten sind.

In diesem Zusammenhang war ich jüngst enttäuscht, im Wall Street Journal ein Interview mit Lee Bollinger, dem Präsidenten der Columbia University, zu lesen. Bollinger ist ein Direktor der „Stufe C“ der Federal Reserve Bank von New York und wurde vom Direktorium des US-Zentralbankensystems ernannt, um das öffentliche Interesse zu vertreten.

In seinem anscheinend ersten Interview oder öffentlichen Statement zu Fragen der Bankenreform (oder sogar zu Finanzfragen) überhaupt war Bollingers wesentlicher Punkt, dass Dimon weiter Direktoriumsmitglied der New Yorker Fed bleiben sollte. Er erklärte in überraschend unakademischen Worten, dass jene „törichten“ Leute, die vorschlügen, dass Dimon zurücktreten oder ersetzt werden sollte, eine „falsche Vorstellung“ davon hätten, wie das System wirklich funktioniere.

Derzeit läuft eine Petition von mir an das Direktorium, Dimon von seinem Amt zu entbinden. Fast 37.000 Menschen haben die Online-Petition auf change.org bereits unterzeichnet, und ich bin optimistisch, dass ich in Kürze ein Gespräch mit führenden Mitarbeitern des Direktoriums mit Sitz in Washington, D.C. führen werde, um die Angelegenheit zu diskutieren.

Bollingers Intervention für Dimon könnte sich als hilfreich erweisen; schließlich ist die Columbia University eine der renommiertesten Universitäten der Welt. Andererseits könnte sie dazu beitragen, die öffentliche Debatte darüber voranzubringen, wie „systemrelevante“ Banker ihre stillschweigenden Subventionen aufrechterhalten.

Ich habe eine detaillierte Entgegnung auf Bollingers Position verfasst. Ich hoffe, dass Bollinger, im Geiste eines offenen akademischen Dialogs, darauf in öffentlicher Form reagiert – entweder schriftlich oder in dem er sich bereiterklärt, die betreffenden Fragen persönlich mit mir zu debattieren. Wir brauchen eine öffentlichkeitswirksamere Diskussion darüber, wie man die ungesunde Beziehung zwischen den Universitäten und subventionierten globalen Finanzinstituten wie JPMorgan Chase reformiert.

Aus dem Englischen von Jan Doolan