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Die Große Depression im Wirtschaftsgedächtnis

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2010-08-31

PARIS – Die Kontroverse in den USA und Europa zwischen den Verfechtern weiterer Konjunkturprogramme und den Befürwortern von Sparprogrammen sieht sehr nach einer Debatte über Wirtschaftsgeschichte aus. In dieser Diskussion, die wenig Ähnlichkeit mit konventionellen wirtschaftspolitischen Auseinandersetzungen zeigt,  haben sich beide Seiten mit der Großen Depression der 1930er Jahre – sowie auch mit der jahrhundertelangen Geschichte von Staatsschuldenkrisen – beschäftigt. 

Das Lager der Konjunkturprogramm-Befürworter verweist häufig auf den Schaden durch die Ausgabenkürzungen in den USA im Jahr 1937, also vier Jahre nach Franklin Roosevelts Wahl zum US-Präsidenten und der Einführung des New Deal. Berechnungen des Ökonomen Paul van den Noord zufolge, führte der Staatshaushalt von 1937 netto zu einer fiskalischen Kontraktion von drei Prozentpunkten des BIP – gewiss kein zu vernachlässigender Betrag. Das Wirtschaftswachstum sank von 13 Prozent im Jahr 1936 auf 6 Prozent im Jahr 1937 und das BIP schrumpfte im Jahr 1938 um 4,5 Prozent, während die Arbeitslosigkeit von 14 auf etwa 20 Prozent anstieg. Obwohl die Haushaltspolitik nicht der einzige Grund für den Double-Dip war, trug die zeitlich schlecht geplante Ausgabenkürzung sehr wohl dazu bei.

Ähnelt unsere Situation also der im Jahr 1936 und besteht durch die Ausgabenkürzungen in vielen Ländern die Gefahr, eine ähnliche Double-Dip-Rezession heraufzubeschwören?

Diesem Vergleich sind klare Grenzen gesetzt. Zunächst einmal ist seit der Finanzkrise viel weniger Zeit verstrichen, die Rezession war bei weitem nicht so tief und die Erholung trat schneller ein. Außerdem gibt es heute keine analogen Entwicklungen zu den Vorkommnissen zwischen dem Aktiencrash von 1929 und den Sparprogrammen des Jahres 1937 – vor allem Amerikas Hinwendung zum Protektionismus im Jahr 1930 und die Währungsturbulenzen der darauf folgenden Jahre haben kein aktuelles Äquivalent.

Dennoch illustrieren die Entwicklungen des Jahres 1937 die Gefahren eines Versuchs, die öffentlichen Finanzen zu einer Zeit zu konsolidieren, da der private Sektor für eine sich selbst erhaltende wirtschaftliche Erholung immer noch zu schwach ist. (Ein anderer Fall mit ähnlichen Folgen war die Anhebung der Mehrwertsteuer in Japan im Jahr 1997, die zu einem Zusammenbruch des Verbrauchs führte).

Auch die Verfechter von Haushaltskürzungen stützen sich auf Argumente aus der Geschichte. Die Ökonomen Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff untersuchten historische Staatsschuldenkrisen und erinnern uns daran, dass die entwickelte Welt von heute die Geschichte der Staatsbankrotte vergessen hat. Ein besonders bezeichnendes Beispiel ist die Zeit nach den Napoleonischen Kriegen im frühen 19. Jahrhundert, als eine Reihe finanziell ausgelaugter Staaten ihren Verbindlichkeiten nicht mehr nachkommen konnte. Auch die 1930er Jahre sind in diesem Zusammenhang von Bedeutung. In diesem Zeitraum kam es in Europa zu einer weiteren Serie von Staatsbankrotten, nicht zuletzt in Deutschland.

In dieser Hinsicht lehrt uns die Geschichte, dass Bankrotte nicht auf arme, schlecht geführte Länder beschränkt sind. Der Bankrott ist für alle eine Bedrohung, vor allem in Zeiten hoher Kapitalmobilität, wenn die Staaten zu sehr auf ausländische Kreditgeber angewiesen sind und sich in ernsten Finanznöten wiederfinden, wenn diese Kapitalzuflüsse versiegen.

Nochmals: Diesen Vergleichen sind Grenzen gesetzt. Vor allem eine Obergrenze für Staatsschulden ist aus vergangenen Ereignissen nur schwer zu ermitteln. Nach dem Zweiten Weltkrieg beliefen sich die britischen Staatsschulden auf 250 Prozent des BIP, dennoch ging Großbritannien nicht bankrott. Eine wichtige Erkenntnis aus der Geschichte ist allerdings, dass untragbare haushaltspolitische Strategien viel eher zu Staatsbankrotten führen, wenn diese Haushaltsprobleme nicht weginflationiert werden können. Das war unter gold-basierten Währungsregimes wie dem Goldstandard des 19. Jahrhunderts so und es ist auch heute in Ländern der Fall, die ihre Währungsautonomie aufgegeben haben, wie etwa die Mitglieder der Eurozone.  

In normalen Zeiten ist Geschichte eine Sache der Historiker und wirtschaftspolitische Debatten bauen auf Modelle und ökonometrische Schätzungen. Aber kurz nach dem Ausbruch der Krise 2007-2008 änderte sich das. Zentralbanker und Minister waren auf einmal besessen von der Erinnerung an die 1930er Jahre und sie taten bewusst das Gegenteil von dem, was ihre Vorgänger 80 Jahre zuvor getan hatten.

Damit hatten sie auch Recht. In außergewöhnlichen Zeiten ist die Geschichte ein besserer Ratgeber als Schätzmodelle mit Daten aus normalen Zeiten, weil die Geschichte eben Abweichungen berücksichtigt, was bei standardmäßigen Zeitreihentechniken nicht der Fall ist. Will man wissen, wie man mit einer Bankenkrise, dem Depressionsrisiko oder einem drohenden Staatsbankrott umgehen soll, ist es ganz natürlich, jene Zeiten unter die Lupe zu nehmen, in der solche Gefahren bestanden und sich nicht auf Modelle zu verlassen, die derartige Gefahren außer Acht lassen oder sie als weit entfernte Eventualität sehen. Die besten Wegweiser in Krisenzeiten sind die Theorie, mit der man das Wesen eines Problems erfasst und die Lehren aus der Vergangenheit. Alles dazwischen ist praktisch nutzlos.  

Sich auf die Geschichte zu verlassen, birgt allerdings die Gefahr, dass wir über keinerlei Entscheidungsgrundlagen verfügen, welche Vergleiche relevant sind. Lose Analogien können leicht als Beweise angesehen werden und vielfältigste Erfahrungen können angeführt werden, um eine spezielle Sicht der Dinge zu propagieren. Für politische Entscheidungsträger (deren wirtschaftsgeschichtliches Wissen generell begrenzt ist)  besteht daher die Gefahr, sich in widersprüchlichen historischen Verweisen zu verheddern.

Die Geschichte kann ein wichtiger Kompass sein, wenn vergangene Ereignisse eindeutig die  Richtung vorgeben. Aber eine planlose Hinwendung zur Geschichte birgt das Risiko, eine konfuse Art der Meinungsäußerung zu werden. Staatsführung aufgrund von Analogien kann leicht in wirre Staatsführung münden.

Jean Pisani-Ferry ist Direktor der europäischen Denkfabrik Bruegel.

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eaanders 10:24 03 Sep 10

After a few decades of all the rewards of productivity increases going to capitalists and little or none to middle class working people, consumers are broke and working off their debts, thereby killing demand, while the piles of capitalist money are overwhelming the paucity of capital investment opportunities. The only thing that will get us back to square one is to tax the capital away from the capitalists and completely remove the income tax on people making less than the median wage. (about $50,000) These middle class people spend their income and create most of the demand. So, this will reinvigorate the demand for goods and services and rebalance the available capital with the need for capital to finance real growth. This balance must be maintained if we want to avoid asset bubbles in the future.



AUTHOR INFO

Jean Pisani-Ferry is Director of Bruegel, an international economics think tank, Professor of Economics at Université Paris-Dauphine, and a member of the French Prime Minister’s Council of Economic Analysis.