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Mürrische alte Männer

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2009-10-27

LONDON –  Mit dem Erreichen des Rentenalters habe ich mir die Berechtigung erworben, als mürrischer alter Mann zu agieren. Ich sollte meine Kinder und die Studenten an der Universität Oxford, wo ich Kanzler bin, mit meinem Gejammer langweilen, wie alles vor die Hunde geht. Allerdings sehe ich die Dinge nicht ganz so.

Ich kam im Jahr 1962 an die Universität. Mein erstes Semester fiel zeitlich mit der Kuba-Krise zusammen. Die Welt schien am Rande einer Atomkatastrophe zu stehen. Das waren die Zeiten, als der Weltfrieden durch eine Konzept aufrechterhalten wurde, das treffenderweise als MAD -  wechselseitig zugesicherte Zerstörung  - bekannt war. War diese Welt schlechter und gefährlicher als heute, da unsere wichtigsten nuklearen Sorgen darin bestehen, wie man die Weiterverbreitung verhindern und jenen Vertrag stärken kann, der diese Weiterverbreitung in der letzten Generation verhindert hat?

Nach meinen Jahren in Oxford ging ich als Student in die USA und besuchte Alabama. Sie erinnern sich vielleicht an die Geschichte von Richard Nixon, als er die Unabhängigkeitsfeierlichkeiten in Ghana besuchte. Bei einem Galaempfang wandte er sich an einen Gast, den er irrtümlich für einen Einheimischen hielt und fragte ihn, wie denn das so sei, wählen zu können und unter dem Schutz des Rechtsstaates die Freiheit zu genießen. „Ich kann das nicht wissen“, antwortete der Mann, „ich bin aus Alabama“.

Während meines Erwachsenenlebens bewegten wir uns von der Ermordung von Bürgerrechtsaktivisten in den USA bis zur Wahl eines schwarzen Präsidenten. Nichts worüber man nörgeln könnte.

In anderen Bereichen haben unsere größten Probleme eine Art Hegelsche Qualität. Sie resultieren nämlich aus der Lösung vergangener Probleme oder aus vergangenen Erfolgen. Man denke beispielsweise an die uns bevorstehende größte Herausforderung, die man durchaus als existenziell bezeichnen kann: die globale Erwärmung und den Klimawandel.

Im letzten Jahrhundert wurde die Welt reicher. Die Weltbevölkerung hat sich vervierfacht, die Zahl der Menschen, die in Städten leben, wuchs um das Dreizehnfache und wir verbrauchten mehr von allem. Der Wasserverbrauch stieg um das Neunfache, der Energieverbrauch um das Dreizehnfache. Die Industrieproduktion schoss auf das Vierzigfache ihres Niveaus zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Aber – und jetzt kommt der echte Hammer  – die Kohlendioxidemission stiegen um das Siebzehnfache. Das ist das größte Problem, vor dem wir stehen: das unvorhergesehene Ergebnis dieser wachsenden wirtschaftlichen Aktivitäten und des Wohlstandes.

Auch ein Blick auf die Vorbereitungen für den Klimagipfel in Kopenhagen, bei dem wir versuchen werden, ein neues globalen Abkommen zur Bekämpfung des Klimawandels zu schließen, macht mich keineswegs mürrisch. Zumindest nehmen die großen Player das Anliegen einmal ernst. Die USA verleugnen den Sachverhalt nicht mehr. Präsident Barack Obama und seine Berater akzeptieren die wissenschaftlichen Beweise dafür, was mit uns passiert. In China scheint es die politische Führung mit ihrem Engagement zur Senkung des Kohlendioxidausstoßes ihrer riesigen Wirtschaft ernst zu sein.

Die großen Probleme bestehen natürlich darin, wie wir die Verantwortung für den Kohlendioxidausstoß in der Vergangenheit aufteilen, wie wir nationale Gesamtemissionen und Pro-Kopf-Zahlen ausgleichen – China führt die Rangliste in der ersten Kategorie an und die USA, Australien sowie Kanada sind die wichtigsten Missetäter in der zweiten – und wie wir den Technologietransfer aus den Industrieländern in Schwellenländer und arme Volkswirtschaften bewerkstelligen. Wenn wir diese Probleme nicht frühestmöglich lösen, wird es in dieser Hinsicht viel zu lamentieren geben.

In dieser Hinsicht scheinen alte Männer ihr politisches Ablaufdatum überschritten zu haben. Lassen Sie mich das erklären. Meine Generation hat ihr ganzes Leben lang Erfolg im Sinne von BIP-Wachstum definiert:  Mehr Geld in mehr Taschen, mehr Ressourcen für öffentliche Programme und mehr Arbeitsplätze. Nichts davon wird notwendigerweise ein Maß für den zukünftigen Erfolg sein. Wir müssen mehr über die Qualität des Wachstums sprechen. Der französische Präsident hat dieses Thema völlig zu Recht auf das Tapet gebracht.

Ich sage nicht, dass Wachstum schlecht ist. Das erzählen Sie mal den Armen. Wir sollten aber die richtige Art von Wachstum propagieren – ein Wachstum nämlich, das uns nicht unserer Zukunftsaussichten beraubt.

Wir müssen die Nachhaltigkeit des Wachstums auf eine Weise definieren, die unseren Bürgern attraktiv erscheint. Momentan begrüßen die Menschen zwar nachhaltiges Wachstum, aber bei Wahlen entscheiden sie sich nicht für die praktischen Auswirkungen dieses Wachstums.

Die deutschen Wähler sträuben sich gegen jedes Ansinnen, den durch große und teure Autos entstehenden Umweltschaden zu begrenzen. Britische Wähler stellen sich hinter die Fernfahrer, wenn es Proteste gegen den Ölpreisanstieg gibt – nicht zuletzt aufgrund der Einführung höherer Energiesteuern. Ideen für Kohlendioxidsteuern stoßen überall auf Widerstand.

Ich habe fünf Enkelkinder unter vier Jahren. Bis sie das Rentenalter und die Lizenz zu meckern erreicht haben, werden wir in den siebziger oder achtziger Jahre dieses Jahrhunderts stehen. Hoffen wir’s! Wie viel Grund werden sie dann wohl haben, uns aufgrund unseres gegenwärtigen Verhaltens zu grollen?

Chris Patten war der letzte britische Gouverneur von Hongkong und EU-Kommissar für Außenbeziehungen. Gegenwärtig ist er Kanzler der Universität Oxford.

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