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Der Schuldenwahn

Thomas I. Palley

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2008-02-08

WASHINGTON, DC – Eine zweite große Zinssenkung in Amerika innerhalb von vierzehn Tagen und ein von Republikanern und Demokraten in trauter Eintracht beschlossenes Konjunkturpaket zeigen, dass die Entscheidungsträger in den USA eine Rezession unbedingt abwenden wollen, die als Folge zunehmender Kreditausfälle und sinkender Eigenheimpreise droht. Allerdings hat man ein noch grundlegenderes Problem übersehen: Um das Wachstum anzukurbeln, ist die amerikanische Wirtschaft auf die Inflation von Vermögenswerten und steigende Verschuldung angewiesen.

Darin verbirgt sich ein fundamentaler Widerspruch: Auf der einen Seite müssen Spekulationsblasen genährt werden, um das Wirtschaftswachstum aufrechtzuerhalten und auf der anderen Seite führen derartige Blasen, wenn sie platzen, zwangsläufig zu Finanzkrisen. 

Dieser Widerspruch hat weltweite Auswirkungen. Zahlreiche Länder haben sich hinsichtlich ihres Wachstums auf die amerikanischen Verbraucher und auf Investitionen in das Outsourcing verlassen, um die Versorgung dieser Verbraucher zu gewährleisten. Wenn der amerikanischen Blasenwirtschaft nun das Geld ausgeht, wird sich auch das globale Wachstum dramatisch verlangsamen. Es ist nicht klar, dass andere Länder den Willen oder die Fähigkeit besitzen, alternative Wachstumsmotoren zu entwickeln.

Die Widersprüche in der amerikanischen Wirtschaft sind Teil einer neuen Form von Konjunkturzyklus, der sich seit 1980 herausgebildet hat. Die Konjunkturzyklen unter den Präsidenten Ronald Reagan, George Bush sen., Bill Clinton und George W. Bush weisen untereinander starke Ähnlichkeiten auf, unterscheiden sich aber von den Zyklen vor 1980. Zu den Ähnlichkeiten zählen hohe Handelsbilanzdefizite, Arbeitsplatzverluste in der Produktion, Inflation der Vermögenswerte, ansteigender Verschuldungsgrad und Entkoppelung zwischen Löhnen und Produktivitätswachstum. 

Der neue Zyklus beruht auf Finanzbooms und billigen Importen. Die Finanzbooms sorgen für Kreditsicherheiten, die schuldenfinanzierte Ausgaben unterstützen. Außerdem werden Kredite durch die Lockerung von Vergaberichtlinien und neue Finanzprodukte erleichtert, die die Hebelwirkung steigern und die Palette an Vermögenswerten erweitern, aufgrund derer Kredite aufgenommen werden können. Billigimporte mildern die Auswirkungen stagnierender Löhne.

Diese Zyklusstruktur steht im Gegensatz zu jener vor 1980, die auf Lohnwachstum beruhte, das wiederum mit Produktivitätswachstum und Vollbeschäftigung gekoppelt war. Das Nachfragewachstum wurde durch Lohnwachstum angekurbelt und nicht durch das Aufnehmen von Krediten und Finanzbooms. Dadurch wurden Investitionen gefördert, die ihrerseits wiederum zu Produktivitätszuwächsen und Wirtschaftswachstum führten.

Die Unterschiede zwischen den alten und neuen Konjunkturzyklen spiegeln sich deutlich in der Haltung gegenüber dem Handelsbilanzdefizit wider. Früher wurden Handelsbilanzdefizite als ernsthaftes Problem betrachtet, als eine Nachfrageverringerung, die sich negativ auf Beschäftigung und Produktion auswirkte. Seit 1980 allerdings werden Handelsbilanzdefizite schlicht als das Ergebnis von Entscheidungen auf dem freien Markt abgetan. Außerdem betrachtet die Federal Reserve Handelsbilanzdefizite als durchaus hilfreich bei der Inflationsbekämpfung und die Politiker sehen dieses Defizit heute als Möglichkeit, die von stagnierenden Löhnen betroffenen Verbraucher freizukaufen.

Zum neuen Konjunkturzyklus gehört auch eine Geldpolitik, die das Augenmerk von den Reallöhnen hin zu den Preisen von Vermögenswerten lenkt. Während die Geldpolitik in der Zeit vor 1980 stillschweigend darauf abzielte, zur Erhaltung der Beschäftigung und der Löhne eine Untergrenze auf dem Arbeitsmarkt einzuziehen, ist man heute stillschweigend darauf aus, das gleiche bei den Vermögenspreisen zu tun. Hier geht es nicht darum, dass die Fed Anlegern aus der Klemme hilft. Vielmehr ist die Wirtschaft derart anfällig für sinkende Preise von Vermögenswerten geworden, dass die Fed zu Interventionen verpflichtet ist, um noch weiter reichenden Schaden zu verhindern.

Alle diese Merkmale waren in der aktuellen expansiven Phase vorhanden. Das Lohnniveau stagnierte trotz starken Produktivitätswachstums, während sich das Handelsbilanzdefizit zu neuen Rekordhöhen aufschwang. In der Produktion gingen 1,8 Millionen Jobs verloren. Vor 1980 stiegen die Beschäftigungszahlen am Produktionssektor während jedes Aufschwungs und lagen immer über den Spitzenwerten des vorangegangenen Aufschwungs. Zwischen 1980 und 2000 stiegen die Beschäftigungszahlen während der Aufschwungphasen weiterhin, erreichten aber nie den Spitzenwert der früheren Aufschwungphase. Diesmal sind die Beschäftigungszahlen während der expansiven Phase aber sogar gesunken – ein beispielloser Vorgang in der amerikanischen Geschichte.

Die maßgebliche Rolle der Inflation der Vermögenswerte ist vor allem als Folge der Immobilienblase spürbar, die auch die Rolle der Geldpolitik in den Vordergrund stellt. Trotz massiver Steuersenkungen im Jahr 2001 und der Erhöhung der Militär- und Sicherheitsausgaben, erlebten die USA ein fortgesetztes beschäftigungsfreies Wachstum. Das zwang die Fed, die Zinssätze über einen längeren Zeitraum auf einem historischen Tiefststand zu halten. Die Zinsen wurden nur aufgrund von Ängsten hinsichtlich des instabilen Aufschwungs schrittweise angehoben. 

Diese niedrigen Zinssätze halfen dem Aufschwung letztlich durch eine Immobilienpreisblase auf die Beine, die wiederum zu einer schuldenfinanzierten Ausgabenorgie der Verbraucher führte und einen Bauboom auslöste. Unterdessen trugen fortgesetzte niedrige Zinsen zu einer „Jagd nach Erträgen“ am Finanzsektor bei, die schließlich zur Missachtung von Kreditrisiken führte.

Auf diese Weise leistete die Fed ihren Beitrag zur Subprime-Krise. Zur Ehrenrettung der Fed sei jedoch gesagt, dass es niedriger Zinsen bedurfte, um die expansive Phase zu erhalten. In Wirklichkeit wird die Fed durch den neuen Zyklus in eine unsichere Position gezwungen, in der sie einerseits, um eine Rezession abzuwenden, den Preisverfall von Vermögenswerten verhindern muss und andererseits aber Spekulationsblasen zu fördern hat, um den Aufschwung zu sichern. 

Selbst wenn es der Fed und dem US-Finanzministerium daher gelingt, die Rezession abzuwehren, stellt sich die Frage, wie das zukünftige Wachstum angekurbelt werden soll. Bei hoher Verschuldung und Immobilienpreisen, die weit höher liegen, als durch ihr Verhältnis zum Einkommen gerechtfertigt, erscheint der Konjunkturzyklus in der Struktur der letzten zwanzig Jahre erschöpft.

Es reicht nicht, nur die aktuelle Krise zu bekämpfen. Die Politik muss auch einen stabilen, langfristigen Kurs planen und dazu gehört, das in den letzten 25 Jahren vorherrschende Denkmodell einer erneuten Prüfung zu unterziehen. Das bedeutet, den Handelsbilanzdefiziten, die zu einer geringeren Ausgaben und den Verlust von Arbeitsplätzen führen, ein Ende zu setzen und den Zusammenhang zwischen Löhnen und Produktivität wiederherzustellen. Auf diese Weise können Löhne die Schulden und die Inflation der Vermögenswerte als Motor des Nachfragewachstums wieder ablösen. 

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AUTHOR INFO

Thomas I. Palley is a fellow of the New America Foundation.