The Worldly Philosophers
Die Zerschlagung des neoklassischen Monopols in der Ökonomielehre
Thomas I. Palley
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Über 25 Jahre hat der so genannte „Washington-Konsens“ – Maßnahmen, die darauf abzielen, die Rolle des Marktes auszuweiten und die des Staates einzuschränken – die Entwicklungspolitik beherrscht. John Williamson, der den Begriff „Washington-Konsens“ prägte, bezeichnete diese Maßnahmen im Jahr 2002 als „derartige Selbstverständlichkeiten, dass man sich auch auf einen Konsens einigen konnte.“
Damit ist es nun vorbei. Dani Rodrik, renommierter Ökonom der Universität Harvard, hat jüngst in seinem beeindruckenden neuen Buch One Economics, Many Recipes: Globalization, Institutions, and Economic Growth die intellektuellen Grundlagen des Washington-Konsens infrage gestellt. Rodriks These besagt, dass es zwar nur eine Ökonomielehre gibt, aber viele Wege, die in der wirtschaftlichen Entwicklung zum Erfolg führen.
Mit seiner unumwundenen Behauptung, es gebe nur „eine Ökonomielehre“ hat uns Rodrik einen großen Dienst erwiesen. Irgendeinen Kritiker, der behaupten würde, die Ökonomie lasse nur einen theoretischen Ansatz zu, würde man als paranoid bezeichnen. Rodriks Reputation hingegen eröffnet die Chance für eine Debatte, die andernfalls unmöglich wäre.
Die Theorie von den „vielen Wegen“ besagt, dass sich Länder erfolgreich entwickeln, wenn sie vielseitige, ihren lokalen Gegebenheiten angepasste Strategien verfolgen und sich nicht einfach nach allgemeinen, von Ökonomietheoretikern ersonnenen „Best Practice-Formeln“ richten. Das stellt den Washington-Konsens infrage, der aus diesen Einheitsformeln über Privatisierung, deregulierte Arbeitsmärkte, Finanzliberalisierung, internationale Wirtschaftsintegration und makroökonomische Stabilität auf Grundlage niedriger Inflation besteht.
Obwohl die Theorie der vielen Wege durchaus ihren Reiz hat, durch empirische Ergebnisse untermauert wird und den Geist des theoretischen Pluralismus anklingen lässt, ist die Behauptung von „einer Ökonomielehre“ dennoch fehlgeleitet, denn sie impliziert, dass die vorherrschende neoklassische Ökonomie die einzig wahre Ökonomielehre wäre.
Teilweise liegt die Schwierigkeit in der Darlegung dieser eingeschränkten Sichtweise darin, dass es unter den neoklassischen Ökonomen zwei Lager gibt: Einerseits diejenigen, die meinen, reale Marktwirtschaften würden eine Annäherung an den perfekten Wettbewerb darstellen und andererseits die Gruppe, die das anders sieht. Zu den Verfechtern des ersten Ansatzes zählt die „Chicagoer Schule“, zu deren herausragendsten Vertretern Milton Friedman und George Stigler gehören. Die zweite Gruppe besteht aus der mit Paul Samuelson assoziierten „MIT-Schule“. Rodrik zählt zur MIT-Schule, der auch so bekannte Namen wie Paul Krugman, Joseph Stiglitz und Larry Summers angehören. Diese Trennlinie verschleiert allerdings die grundlegende Uniformität der beiden Denkschulen.
Die Chicagoer Schule behauptet, dass reale Marktwirtschaften im Wesentlichen effiziente (so genannte „pareto-optimale“) Ergebnisse erzielen, die mit Public Policy nicht zu verbessern wären. Aus diesem Grund muss durch jede staatliche Intervention in die Wirtschaft irgendjemand schlechter gestellt werden.
Im Gegensatz dazu vertritt die MIT-Schule die Auffassung, dass reale Marktwirtschaften von umfassenden Marktversagen heimgesucht werden. Dazu zählen unvollkommener Wettbewerb und Monopole, Externalitäten im Zusammenhang mit Problemen wie der Umweltverschmutzung und die Unfähigkeit, für öffentliche Güter wie Straßenbeleuchtung oder nationale Verteidigung zu sorgen. Folglich können staatliche Eingriffe gegen diese Marktversagen – ebenso wie gegen die weit verbreitete Lückenhaftigkeit der Information und das Nichtvorhandensein benötigter Märkte – jeden besser stellen.
Keine dieser beiden Argumentationslinien hat etwas mit Fairness zu tun. Das steht auf einem anderen Blatt. Tatsächlich behauptet weder die Chicagoer Schule noch die MIT-Schule, dass die Ergebnisse des Marktes fair seien, weil nämlich die tatsächlichen Resultate von der ursprünglichen Verteilung der Ressourcen abhängen. Wäre die ursprüngliche Verteilung unfair, wären es auch gegenwärtige und zukünftige Ergebnisse.
Die Chicagoer Ökonomen vertreten die Ansicht, die Ergebnisse einer realen Marktwirtschaft seien in erträglichem Maße unfair und, noch wichtiger, die Versuche, diesen unfairen Resultaten entgegenzuwirken seien zu kostspielig, weil das Hineinregieren in die Märkte zu wirtschaftlicher Ineffizienz führt. Sie meinen, dass staatliche Interventionen, aufgrund bürokratischer Inkompetenz und des Strebens nach politischer Rente dazu neigen, ihre eigenen kostspieligen Fehlschläge zu produzieren, während private Interessen versuchen, die Politik zu ihren Gunsten zu steuern.
Die Ökonomen vom MIT neigen zur gegenteiligen Ansicht. Fairness ist wichtig, die reale Welt ist in unerträglichem Maße unfair und Staatsversagen kann durch gute institutionelle Ausstattung und Demokratie verhindert werden.
In diesen unterschiedlichen Denkweisen spiegelt sich zwar die intellektuelle Reichhaltigkeit der neoklassischen Ökonomie wider, sie sind aber keine Rechtfertigung für die Behauptung, dass es nur eine Ökonomielehre gäbe. Im Gegenteil: Heterodoxe Ökonomen wie Thorsten Veblen und Joseph Schumpeter brachten schon vor langer Zeit Themen aufs Tapet, die heute als brisante Fragen der neoklassischen Ökonomie gelten, wie beispielsweise die Rolle sozialer Normen und die Beziehungen zwischen technologischer Innovation und Konjunktur.
Die heterodoxe Ökonomie hingegen vertritt theoretische Konzepte, die der neoklassischen Ökonomie in ihren beiden aktuellen Ausprägungen fundamental entgegenstehen. Diese Konzepte führen zu stark unterschiedlichen Erklärungen der realen Welt, einschließlich der Einkommensverteilung und der bestimmenden Faktoren für wirtschaftliche Aktivität und Wachstum. Überdies führen sie auch zu unterschiedlichen politischen Empfehlungen.
Der verstorbene Robert Heilbronner – einer von Schumpeters namhaftesten Studenten – betrachtete die Ökonomielehre als „weltliche Philosophie“. Ebenso wie sich Philosophen hinsichtlich der Natur von Wahrheit und Verständnis uneinig sind, herrscht unter den Ökonomen keine Einigkeit über die Funktionsweisen der realen Welt. In der Ökonomie sollten, ebenso wie in anderen Sozialwissenschaften, Paradigmen koexistieren können. Doch in der Praxis hat die Vorherrschaft des Glaubens an „eine Ökonomielehre“, vor allem in Nordamerika und Europa zunehmend zu einer begrenzten und ausschließenden Betrachtung in dieser Disziplin geführt.
Diese Realität ist schwer zu vermitteln. Ein Grund dafür ist, dass neoklassische Ökonomen wie Stiglitz und Krugman manche Ansicht der heterodoxen Ökonomen teilen und diese gemeinsamen Ansichten leicht in übereinstimmende Beurteilung münden. Ein weiterer Grund ist, dass heterodoxe Ökonomen und Vertreter der MIT-Schule auch in manchen wirtschaftspolitischen Fragen übereinstimmen, auch wenn ihre Argumentationen voneinander abweichen. Schließlich nehmen die meisten Menschen ungläubig zur Kenntnis, dass Ökonomen so dreist den Anspruch erheben können, dass es in der Ökonomielehre nur eine Sichtweise geben könne.
Die Theorie der „vielen Wege“ bereichert den neoklassischen Beitrag in der Entwicklungsdebatte und viele ihrer Vorschläge werden auch bei heterodoxen Ökonomen Unterstützung finden. Dennoch lässt diese These die tiefen intellektuellen Trennlinien im Hinblick auf Wirtschaftsentwicklung, Handel und Globalisierung außer Acht, weil man die Legitimität derartiger Meinungsverschiedenheit nicht anerkennt.
Durch die Wiederholung der Behauptung von der „einen Ökonomielehre“ entlarvt Rodrik ungewollt auch die der heutigen Ökonomielehre innewohnende Zensur. Die große Herausforderung besteht nicht in der Anerkennung der Tatsache, dass viele Wege zum Erfolg führen, sondern vielmehr darin, in der ökonomischen Analyse und Wirtschaftspolitik Raum für andere Perspektiven zu schaffen.
Thomas Palley war Chefökonom der US-China Economic and Security Review Commission und ist Autor des Buchs Post-Keynesian Economics.
Copyright: Project Syndicate/Institute for Human Sciences, 2008.
www.project-syndicate.org
Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier
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