The Asian Century
Wie Japan die Instabilität auf den globalen Finanzmärkten schürt
Thomas I. Palley
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In den letzten Jahren galt das allgemeine Interesse vor allem dem Thema, welche Rolle der chinesische Leistungsbilanzüberschuss bei der Entstehung der heutigen weltweiten Finanzungleichgewichte spielt. Inwieweit die japanische Niedrigstzinspolitik zu diesen Ungleichgewichten beiträgt, wurde weniger hinterfragt. Nachdem die globale Finanzunsicherheit steigt, ist es Zeit für einen japanischen Kurswechsel.
Japan führte seine Politik der extrem niedrigen Zinsen in den 1990er Jahren ein, um seiner Wirtschaft nach dem Platzen der Vermögenspreisblase wieder ein Fundament zu geben. Mit der Zeit allerdings haben diese Niedrigstzinsen hochspekulative Finanzgeschäfte gefördert, nämlich den „Carry-Trade“. Dabei nehmen Spekulanten Yen-Kredite zu niedrigen Zinssätzen auf, kaufen dafür Dollars und andere Devisen, die wiederum anderswo in ertragreicheren Investitionsformen angelegt werden.
Dieser Carry-Trade weist zwei charakteristische Merkmale auf. Erstens trägt er zur Abwertung des Yen und zur Aufwertung des Dollar bei, da die Carry Traders aus dem Yen aussteigen. Zweitens erhöht sich dadurch die globale Nachfrage nach Anlagen, wodurch es wiederum zu einer Vermögenspreisinflation kommt.
Die Abwertung des Yen gegenüber dem Dollar hat zum Fortbestand hoher US-Handelsdefizite gegenüber Japan beigetragen. Außerdem kamen dadurch ostasiatische Länder unter Druck, ihre Wechselkurse zu niedrig anzusetzen, um gegenüber Japan wettbewerbsfähig zu bleiben. Angesichts der unterbewerteten chinesischen Währung haben die zwei größten Ökonomien Ostasiens die Wechselkurse in der gesamten Region fixiert, wodurch der Handelsbilanzüberschuss in der Region auf Kosten von Arbeitsplätzen und Wachstum in der übrigen Weltwirtschaft steigt.
Aus Japan abgeflossene Finanzmittel sind auf andere Finanzmärkte verlagert worden, wodurch die Vermögenspreise aufgrund der Jagd nach Erträgen gestiegen und die Zinssätze gesunken sind. In den USA hat dies die Arbeit der Federal Reserve erschwert. Die Fed versucht zur Vermeidung einer Inflation, das Nachfragewachstum zu bremsen und die Immobilienpreisblase abzukühlen, aber durch die Carry-Trade-Spekulanten ist die Kreditaufnahme erleichtert worden.
Vor allem aber erzeugt der Carry-Trade eine weltweite monetäre Unsicherheit, weil er grundlegende – und gefährliche – Ungleichgewichte schafft. Erstens: Carry Traders nehmen Kredite in Yen auf, investieren aber in Dollars und anderen Währungen. Zweitens nehmen Carry Traders in Japan kurzfristiges Geld auf , investieren aber in längerfristige Anlagen außerhalb Japans. Eine unerwartete Yen-Aufwertung könnte ebenso wie eine unvermittelte Schließung der Zinskluft mit Japan zu enormen Wechselkursverlusten im Carry-Trade führen. Derartige Verluste oder auch nur eine Vermutung in diese Richtung haben das Potenzial, sich wie eine Epidemie auszubreiten, da die Carry Traders ihre Positionen an den US-Märkten schließen, um ihre Kredite in Japan zurückzuzahlen.
Zusätzlich zu den globalen Gefahren des Carry-Trade, könnte die Niedrigstzinspolitik auch schlecht für Japan selbst sein. Dies deshalb, weil sich die extrem niedrigen Zinsen negativ auf japanische Haushalte auswirken und den Verbrauch bremsen könnten. Dieser Effekt ist womöglich stärker als der Vorteil, den ein schwacher Yen für japanische Exporte bietet.
Höhere Zinssätze können den Verbrauch ankurbeln, wenn sie sich auf die Einkommen stärker auswirken als die gestiegenen Sparanreize. Das könnte in Japan mit seiner rasch alternden Bevölkerung durchaus der Fall sein. Die momentan extrem niedrigen Zinsen rufen bei den Menschen möglicherweise Ängste hinsichtlich der Angemessenheit ihrer zukünftigen Einkommen hervor. Steigende Zinsen könnten diese Befürchtungen mildern und damit das Verbrauchervertrauen und die Ausgaben steigern.
Überdies wären steigende Zinssätze eine Form von expansiver Geldpolitik. Dies deshalb, weil Japan hohe Staatsschulden hat und steigende Zinszahlungen dafür den Haushalten zusätzliches Geld bringen würde.
Die japanische Politik der überaus niedrigen Zinsen war nach dem Platzen der Vermögenspreisblase gerechtfertigt, aber Japan hat seine Wirtschaft schon längst stabilisiert. Heute trägt diese Politik zu einer globalen Instabilität des Finanzwesens bei und verzögert möglicherweise auch Japans wirtschaftlichen Erfolg, weil sie zur Verunsicherung der Verbraucher beiträgt. Das heißt, Japan sollte sich mit allem Nachdruck von seiner Niedrigzinspolitik verabschieden, wenngleich dies schrittweise erfolgen sollte, um eine geordnete Abwicklung spekulativer Positionen zu gewährleisten.
Thomas Palley war Chefökonom der US-China Economic and Security Review Commission und ist Autor des Buchs Post-Keynesian Economics.
Copyright: Project Syndicate, 2007.
www.project-syndicate.org
Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier
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