ISLAMABAD: Der pakistanische Präsident Asif Ali Zardari ist am Morgen des 19. Dezembers nach 13-tägiger Abwesenheit zum Zwecke ärztlicher Behandlung aus Dubai, wo er während seines Exils gelebt hatte, abrupt nach Pakistan zurückgekehrt. Eine offizielle Erklärung der Regierung zu Zardaris Gesundheitszustand gab es nicht, aber seine Anhänger teilten mit, dass er einen leichten Schlaganfall erlitten habe, bei dem er für mehrere Minuten das Bewusstsein verloren habe.
Zardaris plötzliche Rückkehr heizte die Spekulationen über seine Zukunft, aber auch – und dies ist wichtiger – über die Zukunft ziviler Herrschaft in Pakistan an. Seine Entscheidung folgte auf ein dreistündiges Treffen zwischen Ministerpräsident Yusuf Raza Gilani und General Ashfaq Pervez Kayani, dem Oberbefehlshaber der pakistanischen Armee. Zardaris gewähltes Ziel – es war Karachi, Pakistans größte Stadt und seine politische Basis, und nicht die Hauptstadt des Landes, Islamabad – lässt die Tiefe der derzeit unter der Oberfläche köchelnden Krise erahnen.
Zardari ist seit 2008 an der Macht; er wurde acht Monate nach dem Mord an seiner Frau, Benazir Bhutto, ins Amt gewählt. Selbst als 2010 eine Verfassungsänderung den Ministerpräsidenten zum Chef der Exekutive machte, blieb Zardari der wichtigste Entscheider. Sein politischer Aufstieg steht damit im Einklang mit der südasiatischen Tradition quasidemokratischer Dynastiepolitik: Er übernahm die Führung der 1967 von Bhuttos Vater Zulfikar Ali Bhutto gegründeten Pakistanischen Volkspartei (PPP) und ernannte seinen Sohn zum Co-Vorsitzenden der Partei, wobei er seine Entscheidung mit einem handschriftlichen Testament seiner Frau begründete. Um die Verbindung zu unterstreichen, wurde der Sohn in Bilawal Bhutto Zardari umbenannt.
Doch nachdem er seine Gegner drei Jahre lang erfolgreich ausmanövriert hatte, scheint Zardari das aktuelle politische Umfeld fehlinterpretiert zu haben, denn Pakistan ist nicht mehr das Land, in dem seine Frau und sein Schwiegervater an der Macht waren. In seinem Versuch, nach den alten Regeln zu spielen, beging er mehrere Fehler, die ihn letztlich sein Amt und die Bhutto-Familie ihre Macht kosten könnten.
Wie viele andere führende pakistanische Politiker vor ihm baute Zardari auf die Macht Amerikas, um sich zu halten, wo er ist. Dies hat eine Weile funktioniert, doch ein angeblicher Versuch, die USA offener in die pakistanische Politik einzubinden, hat seine Stellung geschwächt, statt sie zu stärken. Tatsächlich scheint die Botschaft des Arabischen Frühlings, der die alten, korrupten Abmachungen, die so viele autokratische Herrscher überall in der islamischen Welt an der Macht hielten, beendete, an Zardari und seinen Verbündeten vorbeigegangen zu sein.
Es wurde weithin angenommen, dass Husain Haqqani, Pakistans Botschafter in den USA, versuchte hatte, zur Verhinderung eines weiteren Militärputsches Amerikas Hilfe zu gewinnen. Ein nicht unterschriebenes Memorandum, das auf Haqqanis Vorschlag hin abgefasst worden sein soll, wurde an Admiral Mike Mullen, zu diesem Zeitpunkt Vorsitzender der gemeinsamen Stabschefs der USA, geschickt; hierin wurde im Austausch gegen amerikanische Hilfe angeboten, die Extremisten in den pakistanischen Stammesgebieten, die die US-Bemühungen zum Rückzug aus Afghanistan komplizierten, zu bekämpfen. Die von den quirligen pakistanischen Medien als „Memogate“ bezeichnete Affäre zwang Haqqani zum Rücktritt und versetzte den Obersten Gerichtshof in die Lage, seine Autorität geltend zu machen und die Angelegenheit zu untersuchen.
Das Gericht hatte Zardari im Rahmen seiner Untersuchung einer Abmachung zwischen dem früheren Präsidenten Pervez Musharraf und Benazir Bhutto schon zuvor im Auge. Bhutto hatte im Austausch gegen die Einstellung der Korruptionsverfahren gegen sie, Zardari sowie mehrere Freunde und Vertraute zugestimmt, Musharraf nach den für Dezember 2007 anberaumten Wahlen zu unterstützen. Die an einer demokratisch gewählten Regierung in Pakistan, die den Kampf gegen den Terrorismus fortführen würde, interessierte Bush-Administration soll die Abmachung eingefädelt haben.
Der Oberste Gerichtshof hat diese Abmachung jetzt kassiert und die Regierung angewiesen, die Korruptionsverfahren – darunter eines in der Schweiz, wo Zardari angeblich Dollarbeträge in zweistelliger Millionenhöhe geparkt haben soll – wieder aufzunehmen. Die Regierung sträubte sich, und nun arbeitet das Gericht darauf hin, sicherzustellen, dass die Exekutive seiner Anordnung Folge leistet.
Zardaris größter Fehler freilich könnte seine Entscheidung gewesen sein, seinen 23-jährigen Sohn für die Machtübernahme vorzubereiten. Zulfikar Ali Bhutto salbte Frau und Tochter als Co-Vorsitzende der PPP für den Fall, dass er vom Militärregime, das ihn stürzte, hingerichtet werden würde. Benazir Bhutto ihrerseits legte die Kontrolle über die Partei in die Hände ihres Mannes und ihres Sohnes. Diesmal freilich waren die aus dem Schlaf geweckten Bürger nicht geneigt, bereitwillig zu akzeptieren, dass die politische Führung so einfach vom Vater auf die Tochter, von der Frau auf den Ehemann und vom Vater auf den Sohn übertragen wird.
Ein politischer Wandel in Pakistan ist sicher, aber er wird sich auf eine Weise ereignen, die nicht vorhersehbar ist. Der Arabische Frühling, Amerikas abnehmender Einfluss in der islamischen Welt und die Entschlossenheit der Bürger, sich Gehör zu verschaffen, haben gemeinsam ein Umfeld entstehen lassen, das es so noch nicht gegeben hat und in dem die Unwägbarkeit die einzige Gewissheit ist.


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