Sunday, November 23, 2014
0

Osama bin Ladens Pakistan

NEU-DELHI – Die Tötung von Osama bin Laden durch US-Spezialeinheiten bei einem Hubschrauberangriff auf ein ausgedehntes Luxusanwesen in der Nähe von Islamabad ruft die Gefangennahme andere Al-Qaida-Führer in pakistanischen Städten in Erinnerung. Wir sehen erneut, dass sich die wahren terroristischen Zufluchtsorte nicht entlang der pakistanischen Grenzen zu Afghanistan und Indien befinden, sondern im pakistanischen Kernland.

Dies wiederum unterstreicht eine weitere grundlegende Realität – dass der Kampf gegen internationalen Terrorismus nicht gewonnen werden kann, ohne Pakistan zu entmilitarisieren und zu entradikalisieren, unter anderem durch die Herstellung eines neuen Gleichgewichts zwischen Zivilgesellschaft und Militär und indem der skrupellose Geheimdienst (Inter-Services Intelligence, ISI) des Landes in die Schranken verwiesen wird.

Andere Terroristenführer, die seit dem 11. September in Pakistan festgenommen wurden – einschließlich Chalid Scheich Mohammed, der Nummer drei von Al-Qaida; Abu Zubeida, zuständig für die operative Führung des Netzwerks; Yasser Jazeeri; Abu Faradsch al-Libi und Ramzi Binalshibh, einer der Koordinatoren der Terroranschläge vom 11. September – sind ebenfalls in pakistanischen Städten ausfindig gemacht worden. Wenn überhaupt etwas am Versteck von bin Laden überraschend ist, dann seine Lage im Schatten einer Militärakademie in der Garnisonsstadt Abbottabad.

Das unterstreicht lediglich den großen Schutz, den bin Laden aus einflussreichen Kreisen der pakistanischen Sicherheitsbehörden genossen haben muss, um dem Fangnetz der US-Fahnder fast zehn Jahre lang entgehen zu können. Der Durchbruch bei den Bemühungen ihn zur Strecke zu bringen erfolgte erst, als die USA, auch auf die Gefahr hin ihre langjährigen Verbindungen zum pakistanischen Militär und Geheimdienst abreißen zu lassen, eine Reihe von CIA-Agenten, Sondereinsatzkräften und Mitarbeitern privater Militärunternehmen ohne Wissen des pakistanischen Militärs tief im Inneren von Pakistan einsetzte.

Da viele ihrer wichtigen Führungsköpfe getötet oder festgenommen wurden und bin Laden sich in Pakistan verkrochen hatte, hat die stark zersplitterte al-Qaida in den letzten Jahren die Fähigkeit eingebüßt, einen massiven internationalen Anschlag auf die Beine zu stellen oder die US-Interessen offen herauszufordern. Mit dem Tod von bin Laden wird al-Qaida als Organisation wahrscheinlich verkümmern.

Ihre gefährliche Ideologie wird voraussichtlich trotzdem weiterleben und staatlich geförderte nichtstaatliche Akteure motivieren. Hierbei wird es sich in erster Linie um Elemente handeln, die über die Fähigkeit verfügen transnationale Terroranschläge, wie 2008 in Mumbai, durchzuführen. Selbst in Afghanistan ist der größte Feind des US-Militärs nicht al-Qaida, sondern die wieder auflebenden Taliban, die in Pakistan ein sicheres Auffangbecken gefunden haben.

Aus diesem Grund wird sich der Brennpunkt des Interesses vermutlich auf das Terrorgeflecht innerhalb Pakistans und die Rolle und die Beziehung der dortigen staatlichen und nichtstaatlichen Akteure untereinander verlagern. Bezeichnenderweise hat Admiral Mike Mullen, der US-Vorsitzende der Joint Chiefs of Staff, zum ersten Mal öffentlich eine Verbindung zwischen dem pakistanischen Militär und Teilen der Milizen hergestellt, die in Afghanistan Anschläge auf US-Streitkräfte verüben. In Pakistan entstandene islamistische Milizen agieren weiterhin offen und die pakistanische Armee und der Geheimdienst sind weiterhin unwillig, ihre trauten Verbindungen zu Extremisten und terroristischen Elementen zu kappen.

Für die USA stellt Pakistan eine besonders schwierige Herausforderung dar. Obwohl Pakistan seit den Anschlägen vom 11. September 20 Milliarden Dollar Finanzhilfe zur Terrorismusbekämpfung zur Verfügung gestellt wurde, haben die USA bestenfalls widerwillige Unterstützung erhalten und sind im schlechtesten Fall mit doppelzüngiger Kooperation bedacht worden. Inmitten des zunehmenden Antiamerikanismus lösen sich die Fäden der in Widersprüchlichkeiten verstrickten US-Politik gegenüber Pakistan heute zusehends. Dabei ist Pakistan mit einem der weltweit geringsten Anteile der Steuereinnahmen am BIP stärker auf US-Finanzhilfe angewiesen als je zuvor.

Während die Amerikaner noch über die Tötung von bin Laden jubeln, muss sich die US-Regierung eingestehen, dass ihre gescheiterte Politik gegenüber Pakistan dieses Land ungewollt zum zentralen Zufluchtsort für Terroristen gemacht hat. Anstatt den Aufbau widerstandsfähiger ziviler Institutionen zu unterstützen, haben die USA das von Dschihadisten durchdrungene pakistanische Militärestablishment verhätschelt, am besten veranschaulicht durch das frische drei Milliarden Dollar schwere Militärhilfepaket, das für das kommende Haushaltsjahr veranschlagt worden ist. Nachdem der Diktator Pervez Musharraf aus dem Amt gedrängt worden war, ordnete die neue pakistanische Zivilregierung den Geheimdienst an, an das Innenministerium zu berichten, hat in diesem Bemühen die zivile Kontrolle durchzusetzen aber keine Unterstützung durch die USA erhalten, was die Armee in die Lage versetzt hat, das Bestreben rasch zu durchkreuzen.

Nach seiner Regierungsübernahme hat US-Präsident Barack Obama eine militärische Aufstockung in Afghanistan vorgenommen. In Pakistan hat er indes die finanzielle Hilfe aufstocken lassen und das Land so zum größten Empfänger von US-Finanzhilfen werden lassen, obwohl sich die afghanische Taliban-Führung und Überbleibsel von al-Qaida weiter dort versteckt hielten. Die Verwicklung der USA in den falschen Krieg hat sich so nur noch weiter vertieft, und Pakistan ist ermutigt worden die afghanischen Taliban herauszufüttern, während die USA damit beschäftigt waren al-Qaida mit anhaltenden Angriffen zu schwächen.

Eines sollte klar sein: Die Geißel des pakistanischen Terrorismus geht eher von den Whisky schlürfenden Generälen aus, als von den Mullahs, die ihre Gebetsperlen befingern. Es sind die selbsternannten säkularen Generäle, die den Nachwuchs für den Dschihad heranziehen und den Taliban, der Extremistengruppe Lashkar e-Taiba, der Miliz des Islamistenführers Jalaluddin Haqqani und anderen Gruppen väterlich zur Seite stehen. Indem sie die Schuld an ihrer fortgesetzten Politik als Erfüllungsgehilfen von Terroristen ihren Mullah-Marionetten zuschieben, ist es den Generälen allerdings gelungen den USA weiszumachen, es sei entscheidend die religiösen Extremisten in Schach zu halten und nicht die „Puppenspieler“.

Tatsächlich ist Pakistans Abstieg zum Schlupfwinkel für Dschihadisten nicht unter einer Zivilregierung erfolgt, sondern unter der Herrschaft zweier militärischer Machthaber – einer hat die Truppen für den Dschihad genährt und sie entfesselt, ein weiterer hat sein Land an den Rand des Abgrunds geführt.

Ohne eine Reform der pakistanischen Armee und des Geheimdienstes ISI kann dem transnationalen Terrorismus kein Ende bereitet werden – und in Pakistan kann keine echte Nationenbildung erfolgen. Wie kann Pakistan ein „normaler“ Staat sein, wenn seine Armee und sein Geheimdienst sich weiterhin der zivilen Kontrolle entziehen und die Entscheidungsmacht weiter in den Händen von Generälen liegt?

Nach dem Tod von Osama bin Laden kann sich al-Qaida nur wiederherstellen, wenn es dem pakistanischen Militär gelingt, erneut ein Stellvertreterregime in Afghanistan zu errichten. Solange die Macht nicht aus dem eisernen Griff des pakistanischen Militärs gelöst und der Geheimdienst ISI nicht zurechtgestutzt wird, bleibt Pakistan wohl der Ausgangspunkt der terroristischen Bedrohung, der sich die Welt gegenüber sieht.

  • Contact us to secure rights

     

  • Hide Comments Hide Comments Read Comments (0)

    Please login or register to post a comment

    Featured