Wednesday, October 22, 2014
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Besetzt die Hypothekenfinanzierer

WASHINGTON, DC – Die Mitwirkenden der Bewegung „Occupy Wall Street“ (Besetzt die Wall Street) haben recht mit ihrer Behauptung, dass das Gebaren der Großbanken bei der Vergabe, Bündelung und Verbriefung von Hypotheken nie ordnungsgemäß untersucht wurde. Schließlich war dieses Verhalten ein zentraler Punkt der Finanzkrise – und des Verlustes von acht Millionen Arbeitsplätzen. Aber dank der Bemühungen des New Yorker Generalstaatsanwaltes Eric Schneiderman und anderen hat nun in den USA eine ernsthafte Diskussion über einen außergerichtlichen Hypotheken-Vergleich zwischen den Generalstaatsanwälten und prominenten Unternehmen des Finanzsektors eingesetzt.

Momentan konzentrieren sich die Gespräche zwischen Vertretern der Bundesstaaten, der Regierung Obama und der Banken auf berichtete Missbräuche bei der Bedienung der Hypotheken, bei Zwangsversteigerungen und bei der Räumung der Immobilien. Allerdings werden führende Banken auch illegaler Verhaltensweisen bezichtigt. Sie sollen beispielsweise die Menschen zu Krediten überredet haben, indem sie sie über die tatsächlich zu bezahlenden Zinssätze täuschten und die aus diesen Kreditverträgen resultierenden hypothekarisch besicherten Wertpapiere gegenüber Anlegern falsch darstellten.

Wenn diese Anschuldigungen stimmen, fürchten die betroffenen Bankmanager womöglich, dass man in Zivilrechtsverfahren Beweise findet, die bei strafrechtlichen Verfolgungen verwendet werden könnten. In diesem Fall läge es natürlich im Interesse der Manager, diese Beweise aus den Gerichtssälen fernzuhalten – wie sie es jetzt gerade versuchen.

Der Schaden aufgrund dieses angeblichen Fehlverhaltens müsste in Umfang und Konstruktion eines außergerichtlichen Vergleichs berücksichtigt werden. Viele Amerikaner haben zu hohe Schulden. Man schätzt, dass ungefähr 10 Millionen Hypotheken „unter Wasser“ sind (also dass der Wert des Hauses geringer ist, als die aufgenommene Kreditsumme). Und auf den wichtigsten Immobilienmärkten in den USA fallen die Häuserpreise auch vier Jahre nach Beginn der Immobilienkrise weiter.

Wären es Geschäftskredite, würde man eine Umschuldung in Erwägung ziehen – also den Rückzahlungsplan ausweiten und die Hypothekensumme abschreiben. Aber auf dem amerikanischen Eigenheim-Hypothekenmarkt ist das weniger üblich. Weder wollen die Banken Millionen von Verhandlungen führen, noch sind sie gerne mit der Aussicht auf Verluste aus ihren Kreditportfolios konfrontiert.

Aus diesem Grund planen die Haushalte weniger auszugeben und ihre Schulden zurückzuzahlen. Bis zu einem gewissen Grad sind das die natürlichen Folgen eines jeden Kreditbooms. Und die Entschuldung der Haushalte in den USA wird lange Zeit dauern.

Politische Entscheidungsträger können nun auf drei verschiedene Arten reagieren. Erstens können sie nichts tun – offenbar die bevorzugte Variante der republikanischen Führung im US-Kongress, die sich vor kurzem brieflich an Notenbankchef Ben Bernanke wandte und forderte, dass er nicht versuchen möge, die Wirtschaft weiter anzukurbeln.

Zweitens kann sich die Politik weiterhin auf  konventionelle Geld- und Fiskalpolitik verlassen, um die Wirtschaft aus den Schwierigkeiten zu befreien. Dieser Ansatz wird trotz ihrer schwachen Leistung von der Regierung Obama noch immer bevorzugt. 

Drittens könnten wir einen alternativen Ansatz wählen, aufgrund dessen der Wert der unter Wasser stehenden Hypotheken direkt reduziert wird. Gegenwärtig würde jede Verbesserung der finanziellen Situation der Hauhalte die Wirtschaft direkt ankurbeln und Arbeitsplätze schaffen.

Beginnen wir mit einem Vorschlag von  Martin Feldstein, der ein Tauschgeschäft vorschlägt: Die Regierung sollte die Hypothekensummen reduzieren, wenn diese hinlänglich unter Wasser stehen, wobei sich Regierung und Banken die Verluste teilen. Im Gegenzug dafür muss der Kreditnehmer zustimmen, dass sein neuer Kredit „mit vollem Rückgriffsrecht“ ausgestattet ist. Das heißt, die Kreditgeber können im Falle einer Zahlungsunfähigkeit des Kreditnehmers auf dessen andere Vermögenswerte zurückgreifen. 

Entscheidend bei diesem Vorschlag ist die Zustimmung der Banken. Es handelt sich um eine freiwillige Umschuldung, die von keiner Behörde vorgeschrieben ist. Prinzipiell sollten die Banken diesem Vorschlag einiges abgewinnen können, weil die Wahrscheinlichkeit eines Zahlungsausfalls bei umgeschuldeten Krediten geringer ist. In der Praxis allerdings haben die Banken Hypothekenumschuldungen immer wieder auf die lange Bank geschoben – und entlassen lieber Mitarbeiter, statt neue einzustellen, die ihnen helfen, eine Initiative des notwendigen Ausmaßes zu bewältigen.  

Feldstein rechnet, dass sich die einmaligen Kosten einer Reduktion der Hypothekensummen auf etwa 350 Milliarden Dollar belaufen. Natürlich wird es unter den gegenwärtigen haushaltspolitischen Umständen schwierig, zusätzliche Ressourcen aus dem Budget freizumachen. 

Aber 350 Milliarden Dollar ist ungefähr der Betrag, den der Finanzsektor insgesamt in einem durchschnittlichen Quartal während des Kreditbooms verdiente – und die Profite haben in den letzten Quartalen diese Niveaus erreicht oder überschritten. Wenn also die Banken die gesamten Kosten der Abschreibung übernähmen, würden die meisten von ihnen nicht mehr als den Gewinn eines Jahres – aufgeteilt auf mehrere Jahre – verlieren.

Diese Gewinne aus den Zeiten des Booms waren in jedem Fall übertrieben, weil sie dem Risiko nicht angepasst waren. Und als sich die Abwärtsrisiken materialisierten, wurden die Verluste größtenteils sozialisiert – der primäre Grund, warum die US-Staatsschulden in den letzten Jahren so sprunghaft anstiegen. Unter diesen Umständen ist es nur gerecht, Aktionäre und Chefetagen um die Zahlung eines relativ geringen Beitrags zu bitten.

Natürlich warnt man auf dem Finanzsektor mancherorts vor den entsetzlichen Folgen. Tatsächlich könnten die Aktienpreise fallen und es ist durchaus möglich, dass Gehälter und Boni zumindest kurzfristig gekürzt werden. Andererseits würde man aber mit einer Einigung, die die Bedrohung durch zukünftige rechtliche Schritte endgültig beseitigt, eine riesige schwarze Wolke auflösen, die über den größten Kreditgebern - einschließlich der Bank of America – schwebt und die auch für den Rest des Finanzsystems enorme Risiken birgt.

Sollten die Banken jemals für die sozialen Kosten ihres Verhaltens zur Verantwortung gezogen werden, würde die Rechnung weit über 300 bis 400 Milliarden Dollar betragen. Realistisch eingeschätzt machen die gesamten Rechtsrisiken der Finanzinstitutionen über eine Billion Dollar aus – vor allem, wenn dargelegt werden kann, dass die an die Anleger verkauften „hypothekarisch besicherten Wertpapiere“ überhaupt nicht durch Hypotheken besichert waren, weil die ordnungsgemäßen gesetzlichen Formalitäten nie erledigt wurden.

Jede Einigung sollte auch die explizite Zustimmung der Banken enthalten, wonach diese eine Änderung des amerikanischen Konkursrechts unterstützen, um die Einbeziehung von Hypotheken in das übliche Gerichts-Prozedere zu ermöglichen.  Wenn uns die „Occupy Wall Street”-Bewegung etwas lehrt, dann, dass überschuldete Haushalte das letzte sind, was die amerikanische Wirtschaft braucht.  

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  1. CommentedRobert Mullen


    A better analysis: There is no entity capable of deciding the value of houses or mortgages, or when they are "sufficiently underwater". Nor any one capable of deciding if the owner, the lender, or other circumstances caused the problem or who deserves to benefit from the solution.
    The best solution: The home owner has the option now of mailing in the keys -- they should determine if that is in their interest and do it, rather than throwing good money after bad. The government should allow them (via guarantees), on the same basis as anyone else, to get loans for new housing if they have enough income, when they have a down payment, and if they are a good risk (ignoring for this purpose the fact that they defaulted on their previous mortgage.)
    This will have the effect of putting more homes on the market, but also more buyers. The banks will be faced with well deserved losses on the loans they never should have made -- the more risky the loan, the bigger their loss. The homeowners will lose also, but in proportion to the excess size of the house they "bought" -- in short they may well wind up in a smaller house, or renting. The banks will have the opportunity to lend wisely to the new buyers in the market.
    Note this plan requires no voluntary action by the bankers, only the homeowners and the government need to act.
    The worthy public policy objective is to put folks in a home they can afford, if they can afford one. It should not be to keep everyone in the specific home they were in when the "music stopped". If most of the homeowners that are underwater mail in their keys, many will wind up in a very similar home across the street or down the block from the home they currently occupy.
    And the market will have cleared.

    The proposed transition to "full recourse loans" is a trick, a trap. It will be the final nail in the coffin for the middle class, ensuring that homeowners pay the full cost of the whole fiasco. If there is a movement to full-recourse, you can bet it will be followed by a long gradual deflation, squeezing every ounce of savings out of the middle class.

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