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Occupy-Bewegung im Vorlesungssaal?

CAMBRIDGE – Anfang letzten Monats wurde an der Harvard-Universität der stets gut besuchte Einführungskurs in die Wirtschaftswissenschaften meines Kollegen Greg Mankiw, Economics 10, bestreikt. Kritikpunkt der Studierenden: der Kurs verbreite konservative Ideologien unter dem Deckmantel der Wirtschaftswissenschaften undtrage dazu bei, die soziale Ungleichheit zu vertiefen.

Die Studierenden sind Teil eines wachsenden Protests gegen die moderne Ökonomie, wie sie in den führenden akademischen Institutionen der Welt gelehrt wird. Die Ökonomie hatte natürlich immer ihre Kritiker, aber die Finanzkrise und ihre Folgen haben ihnen neue Munition gegeben und scheinen die alten Vorwürfe gegen unrealistische Annahmen, die Verdinglichung der Märkte und die Missachtung sozialer Belange zu bestätigen.

Mankiw seinerseits war der Meinung, die Studierenden seien „schlecht informiert“ gewesen. Es gebe keine Ideologie bei den Wirtschaftswissenschaften, entgegnete er ihnen. Er zitierte John Maynard Keynes, der darauf hinwies, dass die Ökonomie eine Methode sei, die den Menschen helfe, klar zu denken und die richtigen Antworten zu finden, ohne dass es vorher bereits fest stehende Schlussfolgerungen gebe.

Natürlich ist ein gesunder Skeptizismus verzeihlich, aber wenn man nicht seit Jahren in das fortgeschrittene Studium der Ökonomie eingetaucht ist, können die verschiedenen Ansätze für politische Maßnahmen in einem typischen Aufbaustudium der Wirtschaftswissenschaften je nach Kontext außerordentlich verwirrend sein. Einige der Grundannahmen, die Ökonomen zur Analyse der Welt verwenden, favorisieren die freien Märkte, andere nicht. Ein großer Teil der Forschung widmet sich sogar dem Versuch, zu verstehen, wie staatliche Intervention die Wirtschaftsleistung verbessern kann. Und die Erforschung nicht wirtschaftlicher Motive sowie das Verhalten sozialer Kooperativen werden immer mehr fester Bestandteil der ökonomischen Forschungsarbeit.

Wie der letzte große internationale Ökonom Carlos Diaz-Alejandro formulierte: „Inzwischen kann jeder intelligente Doktorand durch sorgfältige … Auswahl seiner Annahmen ein in sich logisches Modell entwerfen, das so gut wie jede politische Empfehlung enthält, die er von Anfang an favorisierte“. Und das in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts!

Trotzdem wird Ökonomen immer wieder vorgeworfen, sie seien zu engstirnig und zu ideologisch, weil sie sich selbst im Wege stünden, wenn es darum ginge, die Theorien auf die reale Welt anzuwenden. Anstatt die ganze Palette an Perspektiven zu vermitteln, die ihre Disziplin biete, verließen sie sich zu sehr auf bestimmten Lösungen – oft auf die, die am besten mit ihren persönlichen Ideologie übereinstimmten.

Nehmen wir die globale Finanzkrise. Die Makroökonomie und die Finanz verfügen durchaus über die erforderlichen Instrumente um zu verstehen, wie die Krise entstanden ist und wie sie verlief. Tatsächlich ist die Fachliteratur voll von Modellen zu Finanzblasen, asymmetrischerInformation, Anreizverzerrungen, sich selbst erfüllenden Krisen und Systemrisiken. Aber in den Jahren vor der Krise haben viele Ökonomen die Bedeutung dieser Modelle heruntergespielt, zugunsten von Modellen für effiziente und sich selbst korrigierende Märkte, was dazu führte, dass der Staat die Finanzmärkte nur ungenügend überwachte.

In meinem Buch Das Globalisierungs-Paradox stelle ich das folgende Gedankenexperiment an. Nehmen wir an, ein Journalist fragt einen Professor der Wirtschaftswissenschaften nach dessen Ansicht, ob freier Handel mit Land X oder Y eine gute Idee sei. Wir können relativ sicher sein, dass der Ökonom, wie die meisten anderen seines Berufsstands, ein leidenschaftlicher Befürworter des freien Handels sein wird.

Jetzt geht aber der Reporter undercover als Student in das Doktorandenseminar desselben Professors zum Thema Internationale Handelstheorie– und stellt dieselbe Frage: „Ist freier Handel gut?“ Ich bezweifele, dass die Antwort dieses Mal so schnell und unmissverständlich ausfallen würde. Der Professor wird eher seinerseits fragen: „Was genau meinen sie mit „gut“? und: „Gut für wen?“

Der Professor würde dann lange und ausdauernd referieren und letztlich zu der Schlussfolgerung kommen: “Wenn also die lange Liste an Bedingungen, die ich gerade genannt habe, erfüllt ist, und angenommen, wir können die Gewinner besteuern, um die Verlierer zu entschädigen, hat freier Handel das Potential, das Wohlergehen aller zu steigern.“ Wenn er in der rechten Stimmung wäre, würde der Professor hinzufügen, dass die Folgen des freien Handels auf die Wachstumsrate einer Wirtschaft auch nicht klar seien und von ganz anderen Voraussetzungen abhingen

Aus einer direkten, uneingeschränkten Befürwortung der Vorteile des freien Handels wurde so eine Aussage mit vielen Einschränkungen. Seltsamerweise gilt das Wissen, das der Professor uneingeschränkt und mit großem Stolz seinen fortgeschrittenen Studenten weitergibt, als unangemessen (oder gefährlich) für das allgemeine Publikum.

Die Lehre in der akademischen Grundausbildung leidet an demselben Problem. In unserem Eifer, die Kronjuwelen unserer Profession auszustellen – Markteffizienz, die unsichtbare Hand, den Wettbewerbsvorteil – übergehen wir die Komplikationen und Feinheiten des echten Lebens, so anerkannt sie in der Disziplin auch sein mögen. Es ist, als würde ein Einführungskurs in die Physik eine Welt ohne Schwerkraft annehmen, weil dann alles so viel einfacher ist.

Unter angemessener Anwendung und mit einer entsprechenden Dosis an gesundem Menschenverstand hätten uns die Wirtschaftswissenschaften auf die Finanzkrise vorbereitet und bei der Ursachenbekämpfung in die richtige Richtung gewiesen. Aber die Wirtschaftswissenschaften, die wir brauchen, sind die, die wir im Seminarraum finden, nicht die, die Faustregeln propagiert. Es ist eine Ökonomie, die ihre Grenzen kennt und weiß, dass die richtige Botschaft vom Kontext abhängt.

Das Herunterspielen der Vielfalt der theoretischen Gerüste innerhalb ihrer eigenen Disziplin macht Ökonomen nicht zu besseren Analysten der realen Welt. Und beliebter macht es sie auch nicht.

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