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Obamamania

NEW YORK: Warum vergöttern die Europäer Amerikas neu gewählten Präsidenten Barack Obama? Dumme Frage, könnte man meinen. Er ist jung, gut aussehend, smart, inspirierend, gebildet, kosmopolitisch und verspricht vor allem eine radikale Abkehr von der Politik der unbeliebtesten amerikanischen Regierung aller Zeiten. Sein Rivale John McCain dagegen sprach vom Wandel, aber verkörperte für die meisten Europäer das Gegenteil.

Und doch ist etwas merkwürdig an der europäischen Besessenheit in Bezug auf einen schwarzen US-Politiker, wo wir doch alle wissen, dass ein schwarzer Präsident oder Ministerpräsident (schon gar einer, dessen zweiter Vorname Hussein ist) in Europa noch immer undenkbar ist. Aber vielleicht ist genau dies der Punkt.

Die Europäer haben schwarze amerikanische Stars schon lange gastfreundlich aufgenommen. Man denke an Josephine Baker, die Pariser und Berliner zu einer Zeit begeisterte, als Schwarze in vielen Teilen der USA nicht wählen oder auch nur dieselben Toiletten benutzen durften wie Weiße. Städte wie Paris, Kopenhagen und Amsterdam boten schwarzen amerikanischen Jazz-Musikern, die eine Auszeit vom institutionalisierten Rassismus suchten, eine Zuflucht. Dasselbe gilt für andere Künstler. James Baldwin etwa fand in Frankreich eine Heimat.

Da es nur sehr wenige Schwarze in Europa gab, war die Vergötterung schwarzer amerikanischer Stars unproblematisch. Sie verhalf den Europäern zu einem Gefühl der Überlegenheit gegenüber den Amerikanern; sie konnten sich aufgrund ihrer nicht vorhandenen Rassenvorurteile selbst auf die Schultern klopfen. Als nach 1960 Menschen aus nicht-westlichen Ländern in großer Zahl nach Europa strömten, erwies sich dies als Illusion. Doch diese Illusion war schön, so lange sie andauerte – und die derzeitige Obama-Manie könnte ein Element nicht nur der Hoffnung, sondern auch der Nostalgie enthalten.

Der zweite Grund für die europäische Liebesaffäre mit Obama ist, dass er als mehr als ein Amerikaner angesehen wird. Anders als John McCain, der Musteramerikaner und Kriegsheld, sieht Obama wie ein Weltbürger aus. Sein kenianischer Vater verhilft ihm zu jener Art von Glanz, die einst mit den Freiheitsbewegungen der Ditten Welt verbunden wurden. Nelson Mandela hat diesen Glanz geerbt; ja, er hat ihn personifiziert. Ein bisschen davon hat auch auf Obama abgefärbt.

Dies hat ihm zu Hause nicht geholfen. Tatsächlich hätte es ihm leicht schaden können. Republikanische Populisten bemühen sich traditionell und häufig sehr erfolgreich, ihre demokratischen Gegenspieler als „unamerikanische“ Elitisten, Intellektuelle und die Art von Personen darzustellen, die Französisch sprechen – also kurz gesagt, als „Europäer“.

Als Obama im Juni vor 200.000 jubelnden Deutschen seine mitreißende Rede in Berlin Tiergarten hielt, fielen seine Beliebtheitswerte zu Hause sogar, und zwar insbesondere im alten industriellen „Rust Belt“ in Ohio und Pennsylvania. Er war gefährlich nahe daran, zu „europäisch“ auszusehen. Doch die echten Europäer liebten ihn dafür.

Der Hauptgrund für die Obama-Manie freilich dürfte komplexerer Art sein. Es hat sich bei europäischen Kommentatoren und Experten in letzter Zeit eingebürgert, die USA als Großmacht abzuschreiben – schon gar als Großmacht, die inspiriert. Damit sind sie im Großen und Ganzen der öffentlichen Meinung gefolgt.

Viele liberal denkende Menschen haben, oft mit Bedauern, ihre tiefe Disillusioniertheit mit dem Amerika der düsteren Bush-Jahre zum Ausdruck gebracht. Sie waren damit aufgewachsen, Amerika als eine Nation zu sehen, zu der man aufschaut – als ein Symbol der Hoffnung, einen Ort, der nicht perfekt war, aber doch zu Träumen von einer besseren Zukunft inspirierte und großartige Spielfilme, steil in die Höhe ragende Wolkenkratzer, Rock ’n’ Roll, John F. Kennedy und Martin Luther King hervorbrachte. Dieses Bild war nun hoffnungslos mit dem Makel unverantwortlicher Kriege, offiziell sanktionierter Folterungen, plumpen Chauvinismus’ und außerordentlicher politischer Arroganz behaftet.

Bei anderen äußerte sich diese Disillusionierung in einer Pose hämischer Schadenfreude. Endlich war jene große, arrogante, in verhängnisvoller Weise verführerische Nation, die die Alte Welt so lange in den Schatten gestallt hatte, in die Knie gezwungen worden. Angesichts des wirtschaftlichen Aufstiegs Chinas, Russlands und Indiens sowie der amerikanischen Debakel im Nahen Osten war es verführerisch, zu glauben, dass die Macht der USA nicht mehr allzu viel wert sei. Eine multipolare Welt, dachten viele, wäre einem Fortdauern der Pax Americana bei weitem vorzuziehen.

Doch derartige Projektionen konnten ein quälendes Gefühl der Beklemmung nie ganz verbergen. Wie viele Europäer (oder, da wir schon mal dabei sind, Asiaten) wären wirklich glücklicher unter der überlegenen Macht Chinas oder Russlands? Hinter aller selbstbewusst klingenden Ablehnung amerikanischer Macht verbirgt sich noch immer ein gewisses Maß an Sehnsucht nach jener beruhigenderen Zeit, als die demokratische Welt sich kollektiv an die starken Schultern von Uncle Sam anlehnen konnte.

Auch dies dürfte eine Illusion sein. Zu viel hat sich seit dem Marshallplan, der Berliner Luftbrücke und der Kubakrise geändert. Doch glaube ich nicht, dass der amerikanische Traum in Europa schon in Gänze gestorben ist. Die Obama-Manie scheint ihn mit neuem Leben erfüllt zu haben.

Obamas Wahl zeigt, dass in den USA noch immer Dinge möglich sind, die andernorts undenkbar sind. Und so lange dies der Fall ist, ist es nach wie vor möglich, zu den USA als Primus inter Pares aufzusehen als dem Verteidiger unserer Freiheiten.

Die Europäer und andere mögen Chinas Aufstieg mit Ehrfurcht zur Kenntnis nehmen und darauf hoffen, einen Modus vivendi im Umgang mit Russland zu finden. Doch ohne die von jener außergewöhnlichen, das Schlimmste und Beste unserer ramponierten westlichen Welt verkörpernden Republik wären wir alle sehr viel schlechter dran. Tief in ihrem Herzen ist dies den meisten Europäern bewusst. Und das ist der Grund, warum sie über Barack Obamas Wahl derart aus dem Häuschen sind.

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