Saturday, October 25, 2014
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Obamas Erholung?

CAMBRIDGE – Die Wahlen in den Vereinigten Staaten im November rücken immer näher und die republikanischen Herausforderer von Präsident Barack Obama behaupten, seine Politik hätte nichts zur Erholung von der Rezession beigetragen, die er im Januar 2009 geerbt hat. Wenn überhaupt, so seine Kontrahenten, hätten seine Konjunkturprogramme, die Bankenrettungen und die aggressive Geldpolitik von US-Notenbankchef Ben Bernanke die Lage nur verschlimmert.

Obamas Unterstützer aus den Reihen der Demokratischen Partei halten dagegen, seine Politik habe eine zweite Große Depression abgewendet und die US-Wirtschaft arbeite sich seither kontinuierlich aus einem tiefen Loch heraus. Beobachter der politischen Mitte kommen typischerweise zu dem Schluss, dass die Debatte nicht abschließend zu klären ist, weil man nicht wissen kann, was andernfalls geschehen wäre.

Es spricht einiges dafür, dass die Regierungspolitik zwar nicht wirkungsvoll genug war, die Wirtschaft rasch wieder gesunden zu lassen, den zunehmenden wirtschaftlichen Niedergang aber tatsächlich aufgehalten hat. Die Beobachter aus der Mitte haben allerdings recht damit, dass nicht zu beweisen ist, was anderenfalls geschehen wäre. Ebenso richtig ist, dass sich Regierungspolitik selten sofort erheblich auf die Wirtschaft auswirkt.

Bemerkenswert ist hingegen Folgendes: Egal, ob man den Republikanern, den Demokraten oder den Beobachtern aus der politischen Mitte zuhört: Man gewinnt den Eindruck, dass Wirtschaftsstatistiken in der Phase des Amtsantritts von Präsident Obama keine erkennbaren Verbesserung aufweisen. Tatsächlich könnte die Realität unterschiedlicher kaum sein.

Das gilt in besonderem Maße, wenn man die revidierten Daten betrachtet, aus denen ersichtlich wird, dass die US-Konjunktur im Januar 2009 in weitaus schlechterer Verfassung war, als damals berichtet wurde. Im Januar 2009 wurde die annualisierte Wachstumsrate für die zweite Hälfte des Jahres 2008 offiziell auf -2,2% geschätzt. Aktuelle Zahlen belegen jedoch, dass der Rückgang wesentlich drastischer war – horrende -6,3%. Das ist der Hauptgrund, warum die Wirtschaftstätigkeit in den Jahren 2009 und 2010 sehr viel geringer gewesen ist als prognostiziert worden war – und der Grund, warum die Arbeitslosigkeit so viel höher war.

Im letzten Quartal des Jahres 2008 hatte die wirtschaftliche Talfahrt Höchstgeschwindigkeit erreicht und befand sich quasi im freien Fall. Den monatlichen BIP-Schätzungen des hochangesehenen Wirtschaftsforschungsinstitutes Macroeconomic Advisers zufolge handelte es sich konkret um den Dezember – dem Monat vor der Amtseinführung von Präsident Obama. Wie aus den nachstehenden Diagrammen eindeutig ersichtlich ist, kehrte sich der Wachstumsverlauf wie durch ein Wunder um, sobald die Amtszeit von Obama begann und entwickelte sich in den Jahren 2008-09 zu einem klaren „V“-Muster.

Im zweiten Quartal des Jahres 2009 begann sich die Wirkung des Konjunkturpaketes mit voller Kraft zu entfalten und das amerikanische Ökonomengremium National Bureau of Economic Research (NBER) erklärte den Juni desselben Jahres offiziell zum Ende der Rezession. Das reale BIP-Wachstum fiel im dritten Quartal wieder positiv aus, verlangsamte sich Ende 2010 und Anfang 2011 jedoch erneut, was mit dem beginnenden Auslaufen der Konjunkturprogramme der Regierung Obama zusammenfällt.

Bei anderen Wirtschaftsindikatoren, wie etwa Zinsdifferenzen und der Rate der Arbeitsplatzverluste, erfolgte Anfang 2009 ebenfalls eine Trendwende. Die Arbeitsmarkterholung hinkt der Erholung des BIP normalerweise hinterher – daher die „Aufschwünge ohne Jobs“ der letzten Jahrzehnte. Offizielle Zahlen zu  monatlichen Beschäftigungsverlusten und -zuwächsen zeigen jedoch auch in diesem Bereich eine deutliche V-Kontur auf: Wie aus der untenstehenden Darstellung ersichtlich ist, setzte das Ende des freien Falls der Beschäftigung im Privatsektor genau mit der Amtseinführung von Obama ein.

Nochmals: Diese Daten belegen nicht, dass sich die Politik von Präsident Obama unmittelbar bezahlt gemacht hätte. Zusätzlich zu den verzögert einsetzenden Auswirkungen politischer Maßnahmen existieren viele andere Faktoren, die die Konjunktur Monat für Monat beeinflussen, was es erschwert die wahren Ursachen herauszukristallisieren, die bestimmten Ergebnissen zugrundeliegen.

Angesichts dieser Schwierigkeit ist gesunder Menschenverstand ein probater Ausgangspunkt, um zu beurteilen, ob das im Januar 2009 auf den Weg gebrachte Konjunkturpaket positive Auswirkungen gehabt hat. Wenn die Regierung 800 Milliarden US-Dollar für solche Dinge wie den Ausbau des Fernstraßennetzes, Gehälter für Lehrer und Polizisten, die kurz vor der Entlassung standen und Ähnliches ausgibt, hat das Auswirkungen. Arbeiter, die sonst keinen Job hätten, haben jetzt einen und können einen Teil ihres Einkommens für Waren und Dienstleistungen ausgeben, die von anderen Menschen produziert werden und erzeugen einen Multiplikatoreffekt.

Wer behauptet, dass diese Ausgaben Einkommen und Beschäftigung nicht zu einem Schub verhelfen (oder dass sie schädigend sind), glaubt offenbar, dass irgendwo in der Wirtschaft ein neuer Arbeitsplatz entsteht, sobald ein Lehrer entlassen wird oder sogar, dass dieser Lehrer umgehend einen neuen Job findet. Beides kann nicht stimmen, nicht wenn die Arbeitslosigkeit so hoch und ihre durchschnittliche Dauer wesentlich länger als gewöhnlich ist.

Diese Leute glauben auch, dass das öffentliche Defizit die Inflation und die Zinssätze in die Höhe treibt und andere Ausgaben von Verbrauchern und Unternehmen dadurch verdrängt werden. Die Zinssätze bewegen sich aber auf außergewöhnlich niedrigem Niveau – sie sind sogar niedriger als im Januar 2009 –, während sich die Kerninflation auf ein Tempo verlangsamt hat, das es seit Anfang der 1960er-Jahre nicht gegeben hat. Die Gegebenheiten der letzten vier Jahre – hohe Arbeitslosigkeit, schwache Produktionsleistung, geringe Inflation und niedrige Zinssätze – sind genau die Bedingungen, für die traditionelle „keynsianische“ Abhilfemaßnahmen geschaffen wurden.

Weitgehend aus denselben Gründen, die der gesunde Menschenverstand nahelegt, wird auch anhand differenzierterer ökonomischer Prognosemodelle deutlich, dass die Konjunkturimpulse einen wichtigen positiven Effekt hatten. Das überparteiliche amerikanische Congressional Budget Office (CBO) berichtet, dass die Ausgabenerhöhung und die Steuersenkungen des Jahres 2009 der Konjunktur positiven Auftrieb verliehen haben und tatsächlich die zusätzlichen Multiplikatoreffekte hatten, die in traditionellen keynsianischen Modellen prophezeit wurden. Unter Berücksichtigung eines erheblichen Unsicherheitsbereichs schätzt das CBO, dass die Konjunkturprogramme das BIP bis zum vierten Quartal um 1,5-3,5%, relativ zur Entwicklung, die sonst eingetreten wäre, haben steigen lassen. Der BIP-Zuwachs im Jahr 2010, auf dem Höhepunkt der Wirkung des Konjunkturpakets, war in etwa doppelt so hoch.

Der Großteil der Öffentlichkeit interessiert sich natürlich nicht sonderlich für ökonometrische Modelle. Eine Kehrtwende muss mit bloßem Auge erkennbar sein, um die Wähler zu beeindrucken. Angesichts dessen muss man sich fragen, warum einfache Diagramme, wie etwa die „V“-Kurve für Wachstum und Besch��ftigung für 2008-2009, nicht immer wieder für die Argumentation herangezogen wurden –und werden.

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