Exit from comment view mode. Click to hide this space
Email | Print

Obamas Nahost-Misere

PARIS – Kaum hieß US-Präsident Barack Obama die aus dem Irak zurückkehrenden amerikanischen Truppen zu Hause willkommen und lobte die Stabilität und Demokratie des Landes, enthüllte eine nie dagewesene Welle von Gewalt – in Bagdad und anderswo – die Tiefe der politischen Krise im Irak. Ist diese Krise eine unglückliche Ausnahme oder eher ein Symptom für das Scheitern von Obamas Nahostdiplomatie von Ägypten bis Afghanistan?

Bei seinem Amtsantritt hatte Obama vier Ziele für den Nahen Osten genannt: die Stabilisierung des Irak vor dem Truppenabzug, den Abzug aus Afghanistan auf der Grundlage einer Position der Stärke und minimaler politischer Konvergenz mit Pakistan; Erreichen eines entscheidenden Durchbruchs im Nahost-Friedensprozess durch Druck auf den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu zum Stopp des Baus neuer Siedlungen; und die Einführung eines Dialogs mit dem Iran über die Zukunft seines Nuklearprogramms. In diesen vier Bereichen hat Obama offensichtlich wenig erreicht.

Im Irak haben die Vereinigten Staaten seit George W. Bushs Präsidentschaft danach gestrebt, einen mäßigenden Einfluss auf die Macht der Schiiten auszuüben, um dem Land die Entwicklung eines umfassenderen politischen Systems zu ermöglichen – insbesondere durch ein neues Gesetz über die Verteilung der Gewinne aus dem Ölexport unter den Gemeinschaften der Schiiten, Sunniten und Kurden. Leider ist genau das Gegenteil passiert. 

Kurdistan hat sich auf den Weg hin zu stärkerer Autonomie begeben, und die Sunniten werden immer mehr von einer sektiererischen und autoritären schiitischen Zentralregierung marginalisiert. Dies hat Auswirkungen auf die regionale Machtverteilung, da sich der Irak stärker an den Iran annähert, um den Einfluss der als Beschützer der Sunniten wahrgenommenen Türkei auszugleichen.

Die Bemerkung des irakischen Premierministers Nouri al-Maliki während einer kürzlichen Reise nach Washington, dass er sich über die Türkei mehr Sorgen mache als über den Iran, hat die enorme Kluft zwischen dem Irak und den USA sichtbar gemacht. Letztere scheinen jeglichen politischen Einfluss auf die Entwicklungen im Irak verloren zu haben. Tatsächlich entschieden sich die USA angesichts dieser beunruhigenden Entwicklung, ihre letzte Karte im Spiel mit Al-Maliki nicht auszuspielen: Waffenverkäufe.

Es kann kein Zweifel mehr daran bestehen, dass der Einmarsch in den Irak für die USA eine riesige strategische Niederlage war, da sie letztlich nur den Iran gestärkt hat. Trotzdem hat Obama keine mittelfristige Vision, wie er mit dem Ernst der Lage umgehen könnte – ein Fehler, der die USA über kurz oder lang teuer zu stehen kommen wird.

Zwei Dinge können passieren: Entweder führt eine engere Kontrolle des Iran durch Embargos auf Ölexporte zu positiven Ergebnissen und schwächt das Land, oder diese Kontrolle scheitert, was eine Teilnahme der USA an einem neuen Nahostkrieg unvermeidlich scheinen ließe. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass einige Mitglieder außenpolitischer Kreise in den USA die Vertiefung der Irak-Krise als Baustein für einen Grund zum militärischen Eingreifen im Iran benutzen.

Aber Obama ist kein Dummkopf. Er hat die Feindschaft des US-Kongresses gegenüber dem Iran und den dortigen Wunsch nach einer militärischen Konfrontation mit der islamischen Republik bemerkt. Trotzdem glaubt er, extreme Lösungen vermeiden zu können. In der Diplomatie kann alles passieren, und das schlimmste Szenario ist nie unabwendbar.

Das Problem ist, dass Obama stark dazu neigt, die Fähigkeit der USA zur Einflussnahme auf schwächere Akteure zu überschätzen. Was für den Irak gilt, trifft auch auf Afghanistan zu: Obama kann sich dazu gratulieren, Osama bin Laden ausgeschaltet zu haben, was zweifellos ein Erfolg war, aber einer, der die Wurzel des Problems nicht berührt hat. Trotz einer zehnjährigen Militärpräsenz mit 100.000 Soldaten und Kosten in Höhe von 550 Milliarden USD konnten die USA immer noch keine tragfähige Alternative zu den Taliban bieten. Schlimmer noch ist, dass die politische Allianz des Landes mit Pakistan bröckelt.

Tatsächlich haben sich die Beziehungen zwischen den USA und Pakistan auf ihren Stand vor dem 11. September 2001 zurück entwickelt, als sie von tiefem gegenseitigen Misstrauen bestimmt waren. Eine große Verantwortung für diese Situation liegt offensichtlich bei der pakistanischen Regierung. Aber wenn die USA nicht in der Lage waren, Pakistan in die Lösung des Afghanistan-Konflikts einzubeziehen, gibt dieser Fehlschlag lediglich Amerikas Weigerung wieder, den Pakistanis zu geben, was sie sich wünschen: eine Verschiebung des regionalen Machtgleichgewichts auf Kosten Indiens.

Im Gegenzug hat Pakistan die Zusammenarbeit mit den USA eingefroren, da die Regierung des Landes keinen Gewinn mehr darin sah, die Taliban zu bekämpfen. Das Risiko besteht darin, dass die USA bei ihrem Abzug aus Afghanistan – der gerade von 2014 ein Jahr vorgeschoben wurde – wieder Sanktionen gegen Pakistan verhängen könnten, gegen einen unzuverlässigen Atomstaat, der darauf mit Verstärkung seiner Beziehungen zu China und Unterstützung des islamistischen Terrorismus reagieren wird.

Auch hat Obama versucht, den Einfluss der USA dazu zu verwenden, als Teil seiner Nahoststrategie den israelisch-palästinensischen Konflikt zu lösen. Zunächst hatte er geglaubt, durch Druck auf Netanjahu zwecks Einstellung des Siedlungsbaus den Friedensprozess wiederbeleben zu können. Aber er wurde von seinem Verbündeten, der die Bedeutung des Israelproblems für die US-Innenpolitik kennt, schnell und geschickt ausmanövriert. Indem Netanjahu den Rest des US-Establishments gegen Obama aufbrachte, zwang er ihn zum Rückzug.

2009 hatte Obama das Ziel einer Beilegung des Konflikts durch das starke Engagement der internationalen Gemeinschaft. 2011 versicherte er, nur die Bereitschaft beider Seiten könne ein erfolgreiches Ergebnis sicherstellen. Offensichtlich können die USA zur Lösung dieses Konflikts nicht viel beitragen.

Für die ständigen Fehlschläge Obamas im Nahen Osten gibt es keine umfassende Erklärung, aber ein paar Faktoren verdienen Berücksichtigung: die Zunahme der Anzahl asymmetrischer Konflikte, in denen die traditionelle Ausübung militärischer Macht wenig effektiv ist; die zunehmend unklaren Grenzen zwischen schwierigen Verbündeten und unnachgiebigen Gegnern; und große politische Differenzen zwischen einem US-Präsidenten der Mitte und einem Kongress, der mehr denn je von extremen Ideen bestimmt wird. 

Aber Obama trägt einen Großteil der Schuld selbst. Im Gegensatz zum allgemeinen Eindruck hat er für die Welt keine echte strategische Vision zu bieten – ein Mangel, der sich in seiner schnellen Kapitulation vor den Gegnern seiner Vorschläge widerspiegelt. Obama hat oft einen Plan A, aber nie einen Plan B. Um eine erfolgreiche Außenpolitik zu führen, reicht ein Plan A niemals aus.

Reprinting material from this Web site without written consent from Project Syndicate is a violation of international copyright law. To secure permission, please contact us.

Exit from comment view mode. Click to hide this space

Comments (0)

You need to login in order to leave a comment. If you do not yet have an account, please register.

Show comments of
close

The two commenting options explained

Watch a 1 minute video
to discover how you can comment on the entire article or a specific paragraph. The two images below also explain the two ways of commenting.

1) Entire article comment
Once logged in, simply click inside the comment box where it says "Enter text here." Enter and post your comment.

2) Paragraph comment
Please log in first. Then click to the left of the desired paragraph. Your cursor will automatically move to the comments box. Enter and post your comment.

  1. Commented

    Paul A. Myers

    Obama is not and has not failed. Bush failed. As a consequence, Obama is engaged in a major foreign policy reconfiguration in the Middle East and South Asia that will last well into the middle of the decade.

    First, to "contain" requires that active military forces be disengaged from the region. You "contain" from the periphery. When you get your conventional land forces out, then your sea and air power have greater leverage.

    As to a so-called Middle East peace process concerning Israel, that was, is, and will be for the foreseeable future simple political theater. Israel thinks that it can contribute to Obama's defeat in the presidential election and that its reward will be continued de facto control of the West Bank. This will probably set up some future crisis of unknowable proportions and consequences. But that decision is being made by the Israeli government, not Obama.

    The United States has a lot fewer "vital interests" in the region than its previous commitment of forces and money would indicate. Once its commitment is scaled to the level of its real interests, then the United States will be in a better position to protect those interests.

  2. Commented

    Zsolt Hermann

    I would take the last paragraph as an example:

    "...But Obama himself bears a large part of the blame. Contrary to what one might think, he does not have a real strategic vision of the world – a shortcoming reflected in his quick capitulation in the face of opposition to his proposals. Obama often has a plan A, but never a plan B. When it comes to conducting a successful foreign policy, plan A is never enough..."

    It is true not only about Obama, but about everybody. That Obama is less successful than his predecessors is not his fault, but it is due to how the world has changed.

    Every leader and in fact every human being only examines each situation from a subjective, self calculating point of view, we only allow in information about any situation that interests us, that we can profit from. Each personal, national and international conflict is assessed and solved this way, the only time people, or nations connect is when they have some mutual benefit from the connection.

    Previously this very short sighted, subjective vision could be partially successful as the world was still fragmented, polarized and those temporary alliances, double crossings could yield some benefit for the big players.

    But today the world has become completely round, interconnected and interdependent. If I touch one part of the network that brings immediate changes on the other side, and if my initial action is negative the negative action comes back to me multi fold.

    Today the only way we can achieve success in anything from diplomacy to economics is if before any planning or action we take into consideration the whole system with all of its elements, and their weaknesses and strength. Whether we like it or not we are mutually responsible for each other not because or morality or ethics, or because we are such angels, but in an integral system my success and prosperity depends on the well being of everybody else.

    When diplomacy starts to resemble such a scenario, when leaders will have such "strategic vision" than we will have a true chance for lasting peace all around the world.

Top Project Syndicate commentaries

Email this article

Your name is required.

Your email is required.


Your friend's name is required.

Your friend's email is required.


A message is required.