BERKELEY – Am 10. Juli wird ein sehr bedeutender Abkömmling Schwarzafrikas triumphal in das Mutterland zurückkehren.
„Das Imperium schlägt zurück“, sagen die Wissenschaftler und beziehen sich dabei auf die ehemals kolonisierten Völker, wie etwa Migranten aus Afrika und Indien, die sich in Europa und Nordamerika niederließen und die herrschenden Normen im Hinblick auf ethnische Zugehörigkeit oder Identität in Frage stellten. Auf seiner ersten offiziellen Reise nach Afrika schlägt US-Präsident Barack Obama auf neuartige Weise zurück. Sein Besuch in Ghana unterstreicht, in welchem Maß der positive Beitrag einer prominenten Person aus der Diaspora für Afrika erwünscht ist.
Allerdings zeigt Obamas Besuch bei aller Symbolträchtigkeit auch die Grenzen seiner Macht auf. Aufgrund der Belastungen durch die wirtschaftlichen Probleme Amerikas und der Kriege im Irak und in Afghanistan kann er keine kühnen Schritte unternehmen oder große Versprechungen abgeben.
Tatsächlich bleibt Obama sechs Monate nach seiner Amtsübernahme hinter den Erwartungen zurück. Im Hinblick auf die Bereinigung der gewaltvollen Konflikte in der Region – in Darfur, im östlichen Kongo und Somalia – hat er einen höchst vorsichtigen Ansatz gewählt. Auf Distanz ging er auch zu den politischen Kalamitäten in Afrika – allen voran in Simbabwe, wo er sich Forderungen verweigerte, die Amtsenthebung von Robert Mugabe zu unterstützen.
Obamas Vorsicht ist vernünftig. Er möchte schließlich nicht als „Präsident Afrikas“ abgestempelt werden. Aber weil er sich für Zurückhaltung und gegen Intervention entschied, enttäuschte er die gewöhnlichen Afrikaner ebenso wie internationale Aktivisten.
Ebenso wie seine Vorgänger George W. Bush und Bill Clinton möchte Obama chaotische Verwicklungen in innenpolitische Agenden Afrikas vermeiden. Bush unternahm nichts, um das Morden in Darfur zu beenden oder Mugabes Entfernung von der Macht voranzutreiben. Clinton verabschiedete sich nach dem Tod amerikanischer Soldaten in Mogadischu schändlicherweise aus Somalia – und blieb angesichts des Völkermordes in Ruanda untätig.
Für Obama bildet Afrika bislang hauptsächlich den Hintergrund, vor dem er seine amerikanische Identität definiert. In seinen Memoiren Ein amerikanischer Traum erzählt er, dass er sich während seines ersten Besuchs in Kenia, dem Heimatland seines Vaters, mehr denn je als Amerikaner - und weniger als Afrikaner - fühlte.
Durch seinen Entschluss, der ehemaligen britischen Kolonie Ghana einen Besuch abzustatten, die im 18. und 19. Jahrhundert als Drehscheibe des internationalen Sklavenhandels fungierte, umging Obama das Kenia seines Vaters, das in bittere Stammesfehden verwickelt und mit einer schamlos korrupten Regierung geschlagen ist.
Im Gegensatz dazu verkörpert Ghana die Sonnenseite Afrikas. Erst kürzlich gingen dort wohl organisierte Wahlen über die Bühne, die mit der Machtübernahme der Opposition endeten. Die Wirtschaft wächst und die ethnischen Beziehungen in diesem diesbezüglich höchst facettenreichen Land sind genauso gut wie in anderen Teilen der Welt.
Obama wird sich lediglich zwei Tage in Afrika aufhalten. Man erwartet, dass er Amerikas Rolle bei der Förderung guter Regierungsführung und der Gewaltlosigkeit herausstreichen wird – Ziele, die lange ganz oben auf der öffentlichen Agenda Amerikas standen. Obamas neue Priorität – die Ausweiterung der amerikanischen Unterstützung für afrikanische Bauern – ist Ausdruck der klugen Erkenntnis, dass die Entwicklung der Landwirtschaft rasch dazu führen kann, viele Afrikaner in ländlichen Gebieten aus ihrer Armut zu befreien.
„Die Administration plant in den nächsten Jahren, substanzielle Beträge in die landwirtschaftliche Entwicklung zu investieren“, sagte Johnnie Carson, Obamas Wahl als Vize-Außenminister für afrikanische Angelegenheiten, im Vorfeld der Präsidenten-Reise.
Nicht erwarten sollte man, dass sich Obama gegen den umstrittensten Aspekt in den Beziehungen der USA mit Afrika stellt, nämlich das neue amerikanische Afrika-Kommando. Bush, der dieses Kommando ins Leben rief, gestand dem US-Verteidigungsministerium neue Kompetenzen zu, um in Afrika zivile Themen zu bearbeiten und um militärische Partnerschaften mit Regierungen in der Region einzugehen.
Es ist auch nicht wahrscheinlich, dass sich Obama dazu äußert, ob er die militärische Rolle der USA in der Region zurückschrauben wird oder ob Amerikas zunehmende Abhängigkeit von afrikanischem Öl - und nicht Obamas Erbe – der wahre Grund für sein Werben um die Afrikaner ist. Obamas Mangel an Aufrichtigkeit wird ihm in den USA nicht schaden, wo innenpolitisches Kalkül Vorrang hat. In Wahrheit ist sein Afrika-Besuch eine Honorierung seiner treuesten afroamerikanischen Unterstützer, die bei der Wahl im November in überwältigendem Ausmaß für ihn stimmten und nach wie vor eine tragende Säule seiner Basis bilden.
Für Afroamerikaner hat Ghana eine spezielle Bedeutung. Das Land spielte beispielsweise eine wichtige Rolle in der amerikanischen Bürgerrechtskampagne. Im Jahr 1957, als die gesetzliche Rassentrennung in den USA noch verankert schien, nützte der erste Präsident Ghanas, Kwame Nkrumah, anlässlich der Unabhängigkeit seines Landes von Großbritannien, die Gelegenheit, um auf die Ungerechtigkeiten hinzuweisen, denen schwarze Amerikaner tagtäglich ausgesetzt waren. Er lud Martin Luther King, Jr. zu seiner Amtseinführung ein und bot dem aus Atlanta stammenden Bürgerrechtskämpfer zu ersten Mal eine globale Plattform.
Malcolm X, der nationalistische schwarze Führer, besuchte Ghana zwei Jahre später und noch einmal im Jahr 1964. Nkrumah lud W.E.B. Du Bois, den bedeutendsten schwarzen Intellektuellen des 20. Jahrhunderts, im Jahr 1961 nach Ghana ein. Du Bois wurde ein Bürger des Landes und lebte bis zu seinem Tod in Ghana. Hunderte Afroamerikaner leben heute das ganze Jahr über in Ghana und manche ganz in der Nähe des Cape Coast Castle, einer Festung, von wo menschliche Fracht verschifft wurde, bis die Briten dem Sklavenhandel im Jahr 1807 ein Ende setzten.
Als gebildeter und überaus reflektierender Mensch weiß Obama, dass die schwarzen Amerikaner seinen Besuch in Ghana ganz anders sehen werden als die weißen Amerikaner. Seine Neigung, Afrika durch die amerikanische Brille zu betrachten, ist deshalb sowohl verständlich als auch unvermeidlich. Doch seine afrikanischen Wurzeln verleihen ihm die einzigartige Möglichkeit, die amerikanischen Beziehungen zu Afrika zu verändern, indem er die Bedeutung afrikanischer Eigenständigkeit und Leistungen hervorhebt und gleichzeitig danach trachtet, die amerikanische Hilfe intelligenter und effektiver zu gestalten.


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