Joseph S. Nye
"Soft Power" und der Kampf gegen den Terrorismus
Joseph S. Nye
Beim letztjährigen Weltwirtschaftsforum in Davos fragte George Carey, der ehemalige Erzbischof von Canterbury, US-Außenminister Colin Powell, warum sich die USA eigentlich ausschließlich auf ihre "Hard Power", ihre "harte" (militärische) Machtausübung, konzentrierten, statt sich auch auf "Soft Power"-Aktivitäten, also diplomatische Projekte zur Völkerverständigung, zu besinnen. Powell antwortete, dass die USA auf Hard Power zurückgegriffen hätten, um den Zweiten Weltkrieg zu gewinnen, doch er fuhr fort: "Was folgte unmittelbar auf die Hard Power? Stellten die USA auch nur gegenüber einer einzigen europäischen Nation irgendwelche Herrschaftsansprüche? Nein. Soft Power war Teil des Marshall-Plans¼ Dasselbe taten wir in Japan."
Nach dem Ende des Irakkrieges sprach ich auf einer Konferenz in Washington, die unter anderem von der US-Army gesponsert wurde, über das Konzept der Soft Power (das ich selbst entwickelt hatte). Einer der Sprecher auf dieser Konferenz war US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld. Nach einer Pressemitteilung "hörten die ranghöchsten Militärs aufmerksam und wohlwollend zu", doch als ein Anwesender aus dem Publikum Rumsfeld nach seiner Meinung zum Konzept der Soft Power fragte, antwortete dieser: "Ich habe keine Ahnung, was der Begriff bedeutet."
Eine von Rumsfelds Regeln ist, dass " Schwäche eine Provokation" sei. In einem gewissen Ausmaß hat er damit recht. Wie Osama bin Laden schon bemerkte, bevorzugen die Menschen ein starkes Zugpferd. Doch Macht (engl. "Power"), definiert als die Fähigkeit andere zu beeinflussen, hat viele verschiedene Gesichter, und Soft Power ist nicht gleichbedeutend mit Schwäche. Im Gegenteil: Gerade das Versagen, Soft Power effektiv einzusetzen, ist es, was Amerika im Kampf gegen den Terrorismus so stark schwächt.
Soft Power ist die Fähigkeit, das zu bekommen, was man möchte, indem man die Unterstützung Anderer gewinnt, statt sie zu bedrohen oder zu bezahlen. Sie beruht auf Kultur, politischen Idealen und Richtlinien. Wenn Sie Andere für das, was Sie wollen, durch Überzeugungskraft gewinnen können, brauchen Sie nicht so viel Geld für irgendwelche Lockmittel auszugeben, um sie in die gewünschte Richtung zu lenken.
Hard Power, die auf Zwang und Nötigung als Druckmittel zurückgreift, erwächst aus militärischer und wirtschaftlicher Macht. In einer Welt, in der einige Staaten und terroristische Organisationen mit Gewalt drohen, bleibt sie weiterhin ein wichtiges Mittel. Doch das Soft Power-Konzept wird in Zukunft immer wichtiger werden, wenn es darum geht, Terroristen davon abzuhalten, neue Unterstützer anzuwerben und die Bereitschaft zur internationalen Kooperation zu gewinnen, die für den Kampf gegen den Terrorismus unbedingt erforderlich ist.
Die USA sind mächtiger als jedes andere Land seit Gründung des römischen Reiches, doch genau wie Rom sind sie weder unbesiegbar noch unverwundbar. Rom erlag nicht etwa einem anderen aufstrebenden Reich, sondern den Angriffswellen barbarischer Völker. Man könnte die modernen High-Tech-Terroristen als die neuen Barbaren bezeichnen. Allein ist es den USA einfach nicht möglich, Jagd auf jeden einzelnen mutmaßlichen Al-Qaida-Führer zu machen. Ebensowenig können sie nach Belieben Kriege führen, ohne andere Länder gegen sich aufzubringen.
Der vier Wochen dauernde Krieg im Irak war eine drastische Zurschaustellung der militärischen Hard Power der USA, in deren Folge ein bösartiger Tyrann beseitigt wurde. Doch was nicht beseitigt wurde, war Amerikas Verwundbarkeit durch den Terrorismus. Und was unsere Soft Power, die Unterstützung Anderer zu gewinnen, betrifft, war es ein äußerst kostspieliges Unterfangen.
Nach dem Ende des Irakkrieges zeigten Meinungsumfragen dramatische Einbrüche bei den Popularitätswerten der USA, und das selbst in Ländern wie Großbritannien, Spanien und Italien, deren Regierungen den Krieg unterstützten. In den islamischen Ländern, deren Unterstützung bei der Verfolgung von Terroristen sowie dem Aufspüren von Schwarzgeldern und gefährlichen Waffen dringend benötigt wird, sank Amerikas Ansehen ins Bodenlose.
Der Krieg gegen den Terrorismus ist kein "Kampf der Kulturen" - der Islam gegen den Westen -, sondern ein Bürgerkrieg innerhalb der islamischen Zivilisation zwischen Extremisten, die zur Durchsetzung ihrer Ansichten und Visionen auf Gewalt zurückgreifen, und einer gemäßigten Mehrheit, die im Rahmen der Ausübung ihres Glaubens Dinge möchte wie Arbeit, Bildung, ein funktionierendes Gesundheitswesen und ein Mindestmaß an Menschenwürde. Wenn diese gemäßigte Mehrheit nicht gewinnt, wird auch Amerika nicht gewinnen.
Amerikanische Soft Power wird auf Osama bin Laden und andere Extremisten natürlich überhaupt keine Anziehung ausüben. Im Umgang mit ihnen hilft nur Hard Power. Doch Soft Power wird eine entscheidende Rolle dabei spielen, die Unterstützung der Gemäßigten zu gewinnen und den Zustrom neuer Rekruten zu den Extremisten zu unterbinden.
Während der Zeit des Kalten Krieges verband die Eindämmungsstrategie des Westens gegen den Kommunismus die Hard Power militärischer Abschreckung mit dem Soft Power-Ansatz, auf die Menschen hinter dem Eisernen Vorhang eine Anziehung auszuüben. Parallel zur Eindämmungsstrategie nagte der Westen nämlich am Selbstvertrauen der Sowjets durch westliche Rundfunkberichterstattung, Studenten- und Kulturaustausch und nicht zuletzt durch den Erfolg der kapitalistischen Wirtschaft. Ein ehemaliger KGB-Offizieller bestätigte dies: "Austauschprogramme waren ein trojanisches Pferd für die Sowjetunion. Beim allmählichen Zusammenbruch des sowjetischen Systems spielten sie eine herausragende Rolle." Präsident Dwight Eisenhower befand sich schon im Ruhestand, als er sagte, er hätte seinerzeit dem Verteidigungsetat Gelder entnehmen und sie zur Stärkung der US Information Agency verwenden sollen.
Nach dem Ende des Kalten Krieges waren die US-Amerikaner eher an Etatkürzungen als an Investitionen in Soft Power-Projekte interessiert. Im Jahre 2003 berichtete eine US-amerikanische Beratergruppe, der sowohl Republikaner als auch Demokraten angehörten, dass die USA für diplomatische Öffentlichkeitsarbeit in muslimischen Ländern nur $150 Millionen ausgeben würden - was in ihren Augen viel zu wenig sei.
Tatsächlich beträgt die Gesamtsumme, die das US-Außenministerium für Programme zur diplomatischen Öffentlichkeitsarbeit und für internationale Rundfunkberichterstattung ausgibt, gerade mal etwas über $ 1Milliarde - ungefähr genauso viel, wie Großbritannien oder Frankreich zu diesem Zweck ausgeben, die jedoch nur ein Fünftel so groß sind wie die USA und über einen Verteidigungsetat von lediglich 25 Prozent des US-Budgets für denselben Zweck verfügen. Niemand würde vorschlagen, dass die USA genauso viel Geld für das Schmieden neuer Ideen wie für das Schmieden von Waffen ausgeben sollten. Doch es mutet schon recht seltsam an, dass die USA vierhundertmal so viel Geld in Hard Power-Projekte investieren wie in Soft Power-Projekte. Würden die USA auch nur 1% ihres Verteidigungsetats in Soft Power-Vorhaben investieren, wäre dies eine Vervierfachung ihrer gegenwärtigen Ausgaben für diese Schlüsselkomponente zur Terrorismusbekämpfung.
Wenn die USA diesen Krieg wirklich gewinnen wollen, müssen die führenden Politiker des Landes bei der Kombination von Soft Power und Hard Power zu "Smart Power" entschieden überlegter und intelligenter vorgehen.
Copyright: Project Syndicate, April 2004.
Aus dem Englischen von Andreas Zantop
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