Of Might and Right
Schwache starke Männer
Joseph S. Nye
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CAMBRIDGE – Die Geschichte ist über weite Strecken eine Geschichte der Kriegshelden, aber das enorme Potenzial menschlicher Führungskraft reicht von Attila dem Hunnenkönig bis zu Mutter Theresa. Die meisten Führer des Alltags bleiben unerwähnt. Die Rolle heldenhafter Führung in Kriegszeiten führt zu einer Überbetonung von Befehl, Kontrolle und harter militärischer Macht. In Amerika spielt sich die derzeitige Präsidentschaftsdebatte zwischen Senator John McCain, einem Kriegshelden, und Senator Barack Obama, einem ehemaligen Gemeinwesenarbeiter, ab.
Das Bild des Kriegsführers besteht bis heute. Der Autor Robert Kaplan verweist auf die Entstehung einer neuen „Kriegerklasse, grausam wie eh und je und besser bewaffnet”, zu der russische Mafiosi und lateinamerikanische Drogenbosse ebenso gehören wie Terroristen, die Gewalt verherrlichen wie einst die alten Griechen bei der Zerstörung Trojas. Kaplan argumentiert, dass moderne Führer auf gleicher Ebene reagieren müssen und dass moderne Führerschaft ein in der Vergangenheit verankertes heidnisches Ethos braucht.
Clevere Krieger wissen aber, wie man mit mehr als nur dem Einsatz von Gewalt führt. Soldaten scherzen manchmal, dass ihr Aufgabenbereich leicht zu beschreiben ist: „Menschen töten und Dinge zerstören“. Aber wie die Vereinigten Staaten im Irak herausfanden, kommt es auch auf die Herzen und den Verstand an und kluge Krieger benötigen die weiche Macht der Attraktivität ebenso wie die harte Macht des Zwanges.
Tatsächlich führte ein allzu simples Bild von Führerschaft im Stile eines Kriegers während der ersten Amtszeit von Präsident George W. Bush zu kostspieligen Rückschlägen hinsichtlich der Rolle Amerikas in der Welt. Im heutigen Zeitalter der Kommunikation ist es nicht der männliche moderne Achilles, der den besten Kriegsführer abgibt. Militärische Führungskraft erfordert heute Politiker- und Managerfähigkeiten.
Viele autokratische Herrscher – in Simbabwe, Myanmar, Weißrussland und anderswo – führen immer noch auf die altmodische Art. Sie verbinden Angst mit Korruption, um ihre Kleptokratien aufrechtzuerhalten, die vom „starken Mann“ und seinem Klüngel beherrscht werden. Ein Gutteil der Welt wird auf diese Art regiert.
Manche Theoretiker versuchen dies mit der Führungstheorie der „Alphamännchen“ zu erklären. Der Psychiater Arnold M. Ludwig beispielsweise sagt, dass menschliche Herrscher ebenso wie männliche Affen, Schimpansen oder Menschenaffen automatisch mehr Verantwortung für ihre jeweilige Gemeinschaft übernehmen, sobald sie den dominanten Status eines Alphamännchens erlangt haben.
Allerdings sind soziobiologische Erklärungsansätze von Führerschaft nur von bedingtem Wert. Bis jetzt konnte kein Führungs-Gen gefunden werden und aus Studien über eineiige und zweieiige männliche Zwillinge geht hervor, dass nur ein Drittel der Unterschiede bei der Übernahme von formellen Führungsrollen durch genetische Faktoren erklärt werden können. Dies deutet darauf hin, dass angeborene Charaktermerkmale zwar das Ausmaß beeinflussen, zu welchem Menschen verschiedene Rollen einnehmen, es lässt aber auch viel Raum für Erklärungen, wonach erlerntes Verhalten Ergebnisse beeinflusst.
Ein Effekt des traditionellen Erklärungsansatzes vom heroischen Krieger war die Bekräftigung der Annahme, dass Führer eher geboren als gemacht werden und dass die natürliche Veranlagung eine wichtigere Rolle spielt als das Umfeld. Die Suche nach den wesentlichen Charaktermerkmalen eines Führers beherrschte die Führungsforschung bis in die späten 1940er Jahre und ist auch heute noch ein verbreitetes Thema in der allgemeinen Diskussion.
Eine große, gutaussehende Person betritt einen Raum und „sieht aus wie ein Führer“. Verschiedene Studien zeigen, dass große Männer oft einen Vorteil haben und dass Konzernmanager größer sind als der Durchschnitt. Allerdings waren einige der mächtigsten Führer in der Geschichte wie Napoleon, Stalin und Deng Xiaoping nur ein wenig größer als 1,50 Meter.
Dieser auf Eigenschaften beruhende Ansatz ist bis heute noch nicht aus der Führungstheorie verschwunden, aber er wurde erweitert und flexibler gestaltet. Eigenschaften werden heute weniger als ererbte Charaktermerkmale, sondern als einheitliches Persönlichkeitsmuster betrachtet. In dieser Definition werden natürliche Veranlagung und Umwelteinflüsse kombiniert und das bedeutet, dass „Charaktereigenschaften“ bis zu einem gewissen Grad auch erlernt und nicht nur vererbt sein können.
Wir sprechen davon, dass Führungspersonen energiegeladener sind, risikobereiter, optimistischer, überzeugender und einfühlsamer als andere Menschen. Diese Charaktereigenschaften rühren jedoch zum Teil von der genetischen Ausstattung der Führungsperson her und teilweise von dem Umfeld, in dem diese Eigenschaften erlernt und entwickelt wurden.
Vor kurzem konnte mit einem überzeugenden Experiment die Wechselwirkung zwischen natürlicher Veranlagung und Umwelteinflüssen gezeigt werden. Eine Gruppe von Arbeitgebern wurde gebeten, Bewerber anzustellen, die nach ihrem Aussehen gereiht wurden. Wenn der Arbeitgeber nur den Lebenslauf zu Gesicht bekam, hatte Schönheit keinen Einfluss die Entscheidung.
Wenn jedoch auch Telefoninterviews durchgeführt wurden, schnitten gutaussehende Personen überraschenderweise besser ab, obwohl die Arbeitgeber sie dabei auch nicht sehen konnten. Lebenslange soziale Bestätigung aufgrund ihres genetisch bedingten Aussehens hat möglicherweise in den Stimmen dieser Menschen einen selbstbewussten Klang hinterlassen, der selbst über das Telefon hörbar war. Natürliche Veranlagung und Umwelteinflüsse sind also durch und durch miteinander verflochten.
Genetik und Biologie sind in Fragen der Führung von wesentlicher Bedeutung, aber nicht in dem Maße bestimmend, wie das der traditionelle Ansatz vom Kriegshelden nahe legt. Der Führungstyp „starker Mann“ funktioniert in Gesellschaften, die auf Stammesnetzwerken beruhen und auf die Ehre und Loyalität des Einzelnen oder der Familie aufbauen. Derartige soziale Strukturen sind allerdings wenig geeignet, den Anforderungen einer komplexen Informationsgesellschaft gerecht zu werden. In modernen Gesellschaften vermindern institutionelle Beschränkungen wie Verfassungen und unpersönliche Rechtssysteme die Bedeutung derartiger heroischer Figuren.
Gesellschaften, die auf heroische Führer ausgerichtet sind, entwickeln nur langsam eine Zivilgesellschaft und ein breit angelegtes soziales Kapital, die für die Führung in einer modernen vernetzten Welt nötig sind. Moderne Führerschaft dreht sich weniger darum, wer man ist oder als wer man geboren wurde, sondern vielmehr darum, was man gelernt hat und als Teil der Gruppe tut. Natürliche Veranlagung und Umwelteinflüsse sind miteinander verflochten, aber Umwelteinflüsse sind in der modernen Welt von viel größerer Bedeutung, als es im Paradigma vom Helden anerkannt wird.
Die moderne Informationsgesellschaft verlangt von uns, über den Ansatz vom „starken Mann“ in der Führungstheorie hinauszugehen. Es wird interessant, wie sich diese beiden klassischen Stereotype im diesjährigen amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf entfalten.
Joseph S. Nye ist Professor in Harvard und Autor des Buchs The Powers to Lead.
Copyright: Project Syndicate, 2008.
www.project-syndicate.org
Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier
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