WEEKLY SERIES

THOUGHT LEADERS

GLOBAL PERSPECTIVES

INTERNATIONAL INSIGHT

MIND AND MATTER

SPECIAL SERIES

PROJECT SYNDICATE

Naomi Wolf

Die Erneuerung der Nachrichtenwelt

Naomi Wolf

English Spanish Russian French German Czech Chinese Arabic
2009-10-30

NEW YORK – Letzte Woche grassierten Gerüchte aus der Printmedienwelt: Einhundert Reportern aus der Nachrichtenredaktion der New York Times soll eine Abfindung gezahlt werden – wenn sie sich weigern, verlieren sie ihren Job; gravierende Einschnitte bei britischen Zeitungen; Personalkürzungen bei Condé Nast – die Stellen von acht angesehenen Redakteuren der Zeitschrift Glamour wurden gestrichen. In den Vereinigten Staaten und anderen Ländern hat man das Gefühl, dass sich der seit Langem vorhergesagte Zusammenbruch der Nachrichtenverlage beschleunigt und nun eine Art kritische Menge erreicht hat.

Ein allgemeines Gefühl unter Kollegen aufgreifend erzählte mir vor Kurzem die Leiterin einer berühmten Journalistenschule: „Wir bereiten die Studierenden auf einen Beruf vor, den es so, wie wir ihn kennen, nicht mehr geben wird, wenn sie mit ihrer Ausbildung fertig sind.“

Die Realität lässt sich unmöglich verbergen: Zeitungsleser, zumindest im Westen, werden älter; die jüngeren Leser beziehen ihre Informationen lieber online, wo sie bei Weitem weniger Zeit darauf verwenden, tatsächlich Nachrichten zu lesen, als die Leser von Printmedien. Dazu kommt – was für die Branche am schmerzlichsten ist –, dass Menschen, die bereit waren, für Zeitungen zu bezahlen, nicht bereit sind, für dieselben Inhalte auf einem Bildschirm zu zahlen.

Doch bedeutet das den Tod der Nachrichtenbranche oder ihre Evolution? Ich denke, wir erleben gerade, wie etwas Neues entsteht.

Es gibt viel am Verschwinden des älteren Nachrichtenmodells zu betrauern. Ich hatte die Ehre bei der Premiere von The Most Dangerous Man in America dabei zu sein, dem neuen Dokumentarfilm über Daniel Ellsberg und seine gewagte Weitergabe der Pentagon-Papiere an die New York Times 1971 – gegen den Willen der US-Regierung. Damals standen Zeitungen im Blickpunkt der Öffentlichkeit und konnten ein wirksamer Störenfried sein. Präsident Richard Nixon war es unmöglich, das zu ignorieren, was auf der Titelseite der New York Times gedruckt wurde.

Das Internet bringt viele Vorteile, aber ein Opfer unserer Segmentierung in Online-Subkulturen ist der Verlust eines gemeinsamen Fokus. Für Präsidenten oder Premierminister ist es einfach, tausend Websites zu ignorieren; die Vielzahl an Informationsquellen und Stimmen online hat die Macht der Medien, Politiker zur Rechenschaft zu zwingen, paradoxerweise geschwächt.

Doch hat das Hinscheiden des alten Nachrichtenmodells auch eine heilsame Wirkung. Die Beziehung der Menschen zu Autoritätsfiguren – Ärzten, Politikern, religiösen Führern oder auch Journalisten – ist nicht mehr sklavisch ehrerbietig. Das bedeutet aber, dass Zeitungen, um zu überleben, ihren herablassenden Ton und ihr Hierarchieempfinden nach dem Motto „Wir entscheiden, was wichtig ist“ aufgeben müssen und kooperativere Dokumentationsarten und Möglichkeiten für Rückmeldungen der Bürger schaffen müssen.

Das heißt nicht, einfach Kommentare für einen online veröffentlichten Artikel zuzulassen; es bedeutet, mehr Gelegenheiten für Bürger zum Dokumentieren, Aufzeichnen, Bearbeiten und Redigieren von Nachrichten aus ihren eigenen Gemeinden zu schaffen. Aus dieser veränderten Machtbeziehung zwischen Redakteuren und Bürgern könnte sich eine neue Form entwickeln, die potenziell so mächtig werden könnte, wie der traditionelle Journalismus, wenn nicht mächtiger.

Erstens müssen Online-Nachrichtenportale nicht nur Links zu den Quellen enthalten, sondern auch zu Live-Filmmaterial, das idealerweise von Bürgern aufgenommen wurde. Ich habe zum Beispiel in Partnerschaft mit einem von Bürgern betriebenem Video-Nachrichtenkollektiv, The Glass Bead Collective, Kommentare verfasst. Dokumente mit Hyperlinks zu Videomaterial verfügen über eine starke Unmittelbarkeit, z. B. wenn man sieht, wie Veteranen von berittenen Polizeieinheiten bei einer Demonstration zum Fernsehduell der US-Präsidentschaftskandidaten niedergetrampelt werden oder wie Studenten beim jüngsten G-20-Gipfel in ihren Zimmern mit Gas angegriffen werden. Wenn mehr Bürger zu Dokumentarfilmern werden, müssen Online-Zeitungen ihre Beiträge so gestalten, dass sie die Realität mit einer gewissen visuellen Eindringlichkeit widerspiegeln, die neue Leser für selbstverständlich halten.

Zweitens müssen Nachrichtenmedien interaktiv sein: Sie sollten die Bürger z. B. regelmäßig im Schreiben von Berichten schulen, sodass die Redakteure wirklich vielfältige Beiträge (anhand von Quellen belegt, gut geschrieben und gut argumentiert) von Menschen aus allen Gesellschaftsschichten erhalten.

Und schließlich sollten die Bürger einen Nachrichtenartikel weiter bearbeiten können. Ausgerechnet auf Facebook erlebte ich das unglaubliche Potenzial neuer Medien, als ich einen Beitrag postete und dann meine „Community“ aufforderte, weiter zu recherchieren und zu diskutieren. Gewiss kamen mir einige dürftige Quellen unter, und die Zeitungen der Zukunft sollten ihren Lesern helfen, zu lernen, was eine gute Quelle ist und was guten Bürgerjournalismus ausmacht. Doch hatte ich auch viele erhellende Erlebnisse, da Menschen aus aller Welt mit allen möglichen Vorgeschichten mein Verständnis und meine Recherchen über so unterschiedliche Themen wie Militärrecht, religiöse Praktiken und Schweinegrippe vertiefen.

Bei jeder Medienverschiebung gibt es eine Zeit der Trauer für das alte Medium. Ich gebe nicht vor, den Heiligen Gral des Journalismus gefunden zu haben: einen nachhaltigen Businessplan für die Zeitung der Zukunft. Aber ich weiß, dass es bei Weitem wahrscheinlicher ist, dieses Ziel zu erreichen, wenn die Zeitungen ihre Leser ernst nehmen und sie zu Dokumentatoren ihrer eigenen Gemeinden und Situationen ausbilden. Wenn die Zeitungsherausgeber lediglich weiterhin die Liegestühle umräumen, verdient ihr elegantes, elitäres – und derzeit sinkendes – Schiff sein Schicksal.

Der Nachdruck von auf dieser Website veröffentlichen Materialien ohne schriftliche Einwilligung durch Project Syndicate stellt eine Verletzung internationalen Urheberrechts dar. Um eine entsprechende Nutzungsbewilligung einzuholen, wenden Sie sich bitte an distribution@project-syndicate.org.
English Spanish Russian French German Czech Chinese Arabic

You must be logged in to post or reply to a comment.
Please log in or sign up for a free account.



AUTHOR INFO

Naomi Wolf    Naomi Wolf
Naomi Wolf is a political activist and social critic whose most recent book is Give Me Liberty: A Handbook for American Revolutionaries.