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Naomi Wolf

Afghanistans feministische Revolution

Naomi Wolf

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2009-04-30

Am 16. April demonstrierten über 300 afghanische Frauen, darunter viele Studentinnen, in Kabul gegen ein Gesetz, das gerade vom Parlament verabschiedet worden war und das Frauen in einer Weise eingeschränkt hätte, wie es die Taliban nicht besser hätten ersinnen können. Das Gesetz würde Vergewaltigung in der Ehe zulassen, die Bewegungsfreiheit von Frauen ohne die Erlaubnis von Männern einschränken, z. B. um zu arbeiten oder zu studieren, und einer Frau sogar vorschreiben, sich nach den Wünschen ihres Mannes zu kleiden.

Die Frauen, die von einer Menge aufgebrachter Männer mit „Huren“ und anderen Schimpfwörtern bedacht wurden, marschierten 3 Kilometer unter einem Hagel von Beschimpfungen und gaben ihre Petition gegen das Gesetz an den Gesetzgeber ab. Beide Kammern des Parlaments hatten das Gesetz verabschiedet, Präsident Hamid Karsai hatte es unterschrieben. Noch betrifft das Gesetz nur die schiitische Minderheit, es könnte aber auch schwebende Gesetzesverfahren beeinflussen und in die Rechte von nicht-schiitischen Frauen eingreifen.

Als die westlichen Medien die Frauen befragten, hörten sie oft einen Slogan im Stile des westlichen Feminismus: „Dieses Gesetz macht Frauen zum Eigentum der Männer“. Im Westen war der Kontrapunkt zu dem Gedanken der Frau als Eigentum des Mannes eine sehr individualistische Forderung persönlicher Unabhängigkeit – das Treffen von Entscheidungen hauptsächlich auf der Grundlage der persönlichen Wünsche der Frau, nicht so sehr als Frau, Mutter, Mitglied einer Gemeinschaft oder Gläubige.

Feministische Dogmen aus dem Westen können afghanischen und anderen Frauen in den Entwicklungsländern zwar in ihrem Widerstand gegen bestimmte Formen männlicher Unterdrückung helfen, aber es ist keineswegs unsere Aufgabe, wie viele westliche Feministinnen glauben, „unseren” Feminismus missionarisch in die Welt zu exportieren. Im Gegenteil, der Feminismus, der von Frauen wie diesen afghanischen Heldinnen ausgedrückt wird, sollte uns im Westen unsere eigenen Mängel vor Augen führen.

Die Kerntheorie, mit der aufstrebende Feministinnen in traditionelleren und religiösen Gesellschaften arbeiten, unterscheidet sich sehr vom Feminismus westlicher Prägung – und ist in einigen Aspekten viel tiefgründiger und humaner. In Indien haben mir Feministinnen eine Vision der weiblichen Gleichberechtigung nahe gebracht, die nicht ich-, sondern familienbezogen war und die dem Dienst an der Gemeinschaft, nicht so sehr der Selbstverwirklichung, verpflichtet war. Sie sahen ihren Kampf nicht als einen kulturellen oder ideologischen Konflikt zwischen Männern und Frauen, sondern eher als einen sehr praktischen Ansatz für ein Leben ohne Gewalt und sexuelle Nötigung, ohne erzwungene Eheschließungen von Kindern, ohne die Verbrennung von Bräuten und ohne Gleichberechtigung.

Der daraus folgende Konsens in Indien zur Unterstützung von weiter reichenden Rechten und größeren Freiheiten für Frauen hat zwar einen gewissen Umbruch und auch Veränderungen verursacht (besonders in der wachsenden Mittelschicht), aber noch nicht das Grundvertrauen und die Wärme zwischen Männern und Frauen vergiftet – und wird dies vielleicht auch nie tun. Es ist auch unwahrscheinlich, dass die zersplitterte, individualisierte und einzelgängerische Gesellschaft samt ihrer zu einer Ware verkommenen Sexualität imitiert wird, die der ichbezogene westliche Feminismus propagiert.

Diese Version des Feminismus, die Idee, dass Frauen gleichberechtigt sind und trotzdem eine wichtige Rolle zu Hause spielen, die Familie über alles andere stellen und Rechte im Zusammenhang mit der Gemeinschaft und der Spiritualität sehen, scheint eine dringend gebrauchte Korrektur einiger Fehler des westlichen Feminismus. Im Idealfall entwickelte sich auch die Fortschrittsdynamik der Männer in den Entwicklungsländern, um Ideen des eigenständigen Menschen mit der Unterstützung der Familie, Gemeinschaft und anderer Bindungen zu verknüpfen, und die Männer im Westen würden auch davon lernen.

Intellektuell erinnern uns diese Frauen zudem daran, dass sich der westliche Feminismus nicht so hätte zu entwickeln brauchen und sich immer noch ändern kann, um eine zufriedenstellendere und humanere Definition von Gleichheit zu finden. Simone de Beauvoir, deren wegweisendes Buch Das andere Geschlecht die Grundlage für den Feminismus der Nachkriegszeit bildete, war eine Existentialistin, die weder Ehefrau, noch Mutter, noch Gläubige war. Also stellt ihre Werk die weibliche Freiheit natürlich in einen säkularen, vereinzelten und individualistischen Kontext, in dem „Freiheit“ Unabhängigkeit in ihrer reinsten Form bedeutet, nicht gleichberechtigte Integration in einen Zusammenhang von Familie, Gemeinschaft und sogar Gott.

Die gute Nachricht für alle Frauen in Ost und West ist, dass Präsident Karsai das Gesetz unter dem Druck der internationalen Kritik – nicht nur aus dem Westen – weniger als eine Woche nach dem Marsch änderte. Der globale Sturm der Entrüstung ist ein Beleg dafür, dass die dreißigjährige Strategie des westlichen Feminismus, das Establishment herauszufordern, die Welt positiv verändert hat.

Aber unser (westlicher) Moment der Führung in Sachen Feminismus ist vorbei – und das aus guten Gründen. Wir wissen jetzt, welche Probleme wir als Frauen im Westen haben, und wir kennen die Lösung, wenigstens theoretisch. Was uns noch fehlt, ist nicht die Analyse, sondern der organisatorische und politische Wille, die Lösung umzusetzen.

Die Führungsrolle geht also auf die Frauen in den Entwicklungsländern über. Ihre Agenda ist dringender und ihre Problem sind sehr viel ernster als unsere, weswegen es viel wichtiger für sie ist, angemessene Theorien für diese Herausforderungen zu entwickeln.

Wenn eine dieser mutigen afghanischen Frauen, die in Kabul demonstriert haben, den Bahn brechenden Text für die nächsten 50 Jahre nicht-westlichen Feminismus schriebe, und ich hoffe, sie oder eine ihrer Schwestern in den Entwicklungsländern tut dies gerade, wäre es zweifelsohne ein praktischer, auf die Gleichberechtigung fokussierter Text. Und vielleicht, da er wohl von einer Welt ausgeht, in der es um mehr geht als um konsumierende, miteinander wetteifernde unabhängige Wesen oder um den Krieg der Geschlechter, wäre er auch eine wertvolle Herausforderung der Binsenwahrheiten, die für uns westliche Feministinnen – und die Männer, die uns lieben – nur allzu selbstverständlich geworden sind.

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AUTHOR INFO

Naomi Wolf    Naomi Wolf
Naomi Wolf is a political activist and social critic whose most recent book is Give Me Liberty: A Handbook for American Revolutionaries.