Nicht nur Russland betrachtet Öl als ein Mittel zum Ausbau seiner Stellung auf der Welt. Das Mantra des seit Juni 2007 nach umstrittenen Wahlen im Amt befindlichen nigerianischen Präsidenten Umar Yar’Adua lautet, das Land bis 2020 zu einer der 20 größten Ökonomien der Welt auszubauen. Yar’Adua und seine Demokratische Volkspartei (PDP) kämpfen darum, in diesem schwierig zu regierenden und unruhigen Land mit seinen 140 Millionen Einwohnern geordnete Verhältnisse herzustellen und die Regierung betrachtet rasches Wachstum als Mittel, dieses Ziel zu erreichen.
Die Nigerianer können einen Funken Hoffnung gebrauchen. Olusegun Obasanjo, der erste, nach beinahe zwei Jahrzehnten der Militärdiktatur im Jahr 1999 gewählte Präsident Nigerias, übergab seinem Nachfolger Yar’ Adua im letzten Jahr ein Land, dessen Bevölkerung großteils in der Armutsfalle gefangen war. Angesichts eines Ölpreises um die 100 Dollar pro Barrel und energiehungriger Riesen wie den USA und China, die an Nigerias Tür klopfen, möchte Afrikas führende Öl produzierende Nation die Petrodollars dazu nützen, die wirtschaftliche Misere zu beheben und auf dem internationalen Parkett die Muskeln spielen zu lassen.
Auf dem Höhepunkt des letzten Ölbooms in den späten 1970er Jahren verstaatlichte die nigerianische Militärregierung die Anlagen der British Petroleum und wurde zur Vorkämpferin der panafrikanischen Zusammenarbeit, im Zuge derer man mehrere afrikanische Befreiungsbewegungen finanzierte. Es kam wiederholt zu Interessenskonflikten zwischen dem Westen und Nigeria, aber Nigeria hat seine Stellung immer behauptet.
Unfähige Regierungsführung und wirtschaftlicher Verfall in den 1980er und 1990er Jahren zwangen Nigerias Führer, sich geografisch näher liegenden Problemen zu widmen, wie den Bürgerkriegen in Liberia und Sierra Leone. Aber alte Gewohnheiten sind nun einmal schwer abzulegen. Nigeria versuchte immer, in Afrika und seiner Diaspora eine Führungsrolle zu spielen. Selbst in den turbulenten 1990er Jahren, als Nigeria nach der Hinrichtung des Minderheitenaktivisten Ken Saro-Wiwa durch das Regime unter General Sani Abacha zeitweilig aus dem Commonwealth ausgeschlossen wurde, war die regierende Elite darauf aus, Nigerias „rechtmäßige“ Stellung auf internationalem Parkett herzustellen.
Momentan gibt es Anzeichen für ein Wiedererstarken einer am Öl orientierten Außenpolitik. Letzten Oktober schloss sich Yar’Adua dem südafrikanischen und libyschen Widerstand gegen die Pläne der USA an, ihr neues regionales Militärkommando in Afrika, AFRICOM, auf dem Kontinent zu stationieren. Er wies die nigerianische Nationalversammlung an, Liberia 13 Millionen seiner insgesamt 43 Millionen Dollar bilateraler Schulden zu erlassen, nachdem die liberianische Präsidentin Ellen Johnson-Sirleaf ihr Angebot zurückzog, das neue Militärkommando in Liberia zu stationieren.
Das offizielle Nigeria ist peinlich darauf bedacht, jeden Zusammenhang zwischen diesem Geldgeschenk und Johnsons Absage an AFRICOM in Abrede zu stellen. Auch werden keinerlei Bedenken dahingehend geäußert, dass AFRICOM Teil eines amerikanischen Versuchs sein könnte, Kontrolle über die Öl produzierenden Staaten Westafrikas zu erlangen. Hinter vorgehaltener Hand allerdings hat Nigeria durchaus deutlich darauf hingewiesen, dass man in seinem Hinterhof keinerlei ausländische Einmischung im Hinblick auf eine entscheidende und strategische Ressource dulden werde.
Innenpolitisch wird dieses erneute außenpolitische Muskelspiel im anhaltenden Konflikt zwischen dem neuen, dem Präsidenten unterstellten Nationalen Energierat und den von der nigerianischen Niederlassung von Shell angeführten westlichen Ölgesellschaften deutlich. Dabei geht es um die Beendigung des produktionsbedingten Abfackelns von Gas. Die Regierung beharrt auf einem Ende dieser Praktiken im Januar 2008, während die Ölgesellschaften diese Frist aufgrund der wachsenden politischen Gewalt im Niger-Delta und der Zögerlichkeit der Regierung, ihren Teil der Betriebskosten zu begleichen, für unrealistisch halten. Sie bestehen auf einer Verlängerung der Frist um drei Jahre. Die nigerianische Aufsichtsbehörde für die Ölindustrie, Department of Petroleum Resources (DPR), wies die Behauptungen zurück und kündigte den Ölgesellschaften im Falle einer Übertretung der Frist saftige Strafen an.
Als man in den frühen 1990er Jahren verzweifelt an finanzielle Mittel in Hartwährungen kommen wollte, handelte man mit den Ölgesellschaften Verträge aus, die es diesen ermöglichten, neue Ölfelder zu erschließen und ihre Investitionen erst einmal wieder einzubringen, bevor man den Gewinn teilte. Nachdem die Gesellschaften nun enorme Ölvorkommen entdeckten, melden die von Yar’Adua ernannten nigerianischen Technokraten die Ansprüche des Staates auf ein größeres Stück vom Kuchen an. Das bedeutet auch das Ende der staatlichen Mitfinanzierung der Betriebskosten und verlangt von den Ölgesellschaften, sich an die Kapitalmärkte zu wenden, um diese Ausfälle wettzumachen.
Außerdem ließ der Chef des DPR, Tony Chukwueke, verlauten, dass man die Schaffung einer afrikanischen Version der staatlichen malaysischen Ölgesellschaft Petronas ebenso anstrebe wie die Umwandlung der trägen Nationalen Ölgesellschaft Nigerias in ein mächtiges Öl produzierendes Unternehmen, das die Märkte im Golf von Guinea sowie in anderen Schwellenregionen beherrschen kann.
Massiver Druck aus dem Westen auf Yar’ Adua soll ihn dazu bringen, diese Januar-Frist zu überdenken. Seine Wahl wird vor Gericht von anderen Kandidaten angefochten und westliche Unterstützung könnte eine Rolle bei der Stabilisierung seiner Regierung spielen. Yar’Aduas Berater jedoch, von denen manche eine Schlüsselrolle bei der Gestaltung der nigerianischen Außenpolitik in den 1970er Jahren innehatten, sind darauf erpicht, die Abfackelungsdebatte dazu zu benutzen, Yar’ Aduas Entschlossenheit und Stellung als panafrikanischer Führer unter Beweis zu stellen.
Aber wie in den 1970er Jahren wird der Erfolg der nigerianischen Diplomatie von der Fähigkeit der Regierung abhängen, im eigenen Land Legitimität zu erlangen. Dazu bedarf es der Reparatur und Verbesserung beschädigter Infrastruktur, der Schaffung wirtschaftlichen Wohlstands, effizienter sozialer Dienste und der Eindämmung des Aufruhrs in der Delta-Region. Noch ist nicht klar, ob Yar’ Aduas Regierung diesen Herausforderungen gewachsen ist.


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