Saturday, September 20, 2014
0

Eine neue Welle des Nationalismus

PARIS – Befindet sich die Welt an der Schwelle zu einer abermaligen Phase der Neuordnung, ähnlich der, wie man sie vor fast 20 Jahren erlebte?

In den 1990er Jahren führten der Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums und die brutale Implosion Jugoslawiens zu einem spektakulären Anstieg der Zahl neuer unabhängiger Staaten. Wollte man den Bewerben bei Olympischen Spielen oder Weltmeisterschaften folgen, musste man sich mit neuen Flaggen und neuen Nationalhymnen vertraut machen.

Nun könnte sich eine neue Welle der Identitätsfragmentierung von Afrika bis möglicherweise Europa anbahnen. Im Januar soll im Südsudan ein Unabhängigkeitsreferendum abgehalten werden. Findet dieses Votum wirklich statt, besteht wenig Zweifel, dass es zur Schaffung eines neuen Staates auf dem afrikanischen Kontinent führen wird, dem ersten seit der Abspaltung von Äthiopien im Jahr 1993. Auch Somalia, Côte d’Ivoire und sogar Nigeria könnten neue Staaten hervorbringen.

Über Jahrzehnte wurden die Grenzen in Afrika als das künstliche und willkürliche Werk unwissender und zynischer Kolonialbeamter verurteilt, das zu einer langen Reihe von Stammesauseinandersetzungen, wenn nicht gar ethnischen Säuberungen, führte. Aber niemand möchte die Grenzen neu definieren, vor allem nicht die pan-afrikanischen Organisationen. Je zerbrechlicher und instabiler das Gleichgewicht, desto zwingender die Aufrechterhaltung des Status quo.  

Wird also in Afrika eine neue Büchse der Pandora geöffnet? Werden dabei Dämonen freigesetzt, die man besser in Schach halten sollte? Oder ist der künstliche Status quo selbst daran schuld, dass die organisierte Gewalt mit schicksalhafter Regelmäßigkeit ausbricht?

Aufgrund des brutalen Verhaltens des sudanesischen Regimes in Khartum wurde die Entwicklung des Landes in Richtung Teilung sowohl unausweichlich als auch legitim. Die wichtigste Frage ist nun, ob diese Teilung als Vorbild und Präzedenzfall für andere Länder in Afrika gelten wird.

In Côte d’Ivoire beispielsweise nimmt der frühere Präsident Laurent Gbagbo Anleihen bei Robert Mugabe, dem autokratischen Präsidenten Simbabwes, und klammert sich auch nach seiner klaren Niederlage bei den letzten Präsidentenwahlen an die Macht. Infolgedessen ist die Teilung des Landes, basierend auf ethnischen und religiösen Unterschieden entlang einer Trennlinie zwischen Nord und Süd, nicht mehr undenkbar. Im Gegenteil: Sie wird zunehmend wahrscheinlich.

Dieser Trend in Richtung einer Identitätsfragmentierung ist aber kein rein afrikanisches Phänomen. Viel näher an meinem Standort ist in Europa Belgien betroffen, ein Land das sich offenbar damit abgefunden hat, absolute politische Lähmung als Preis für das Überleben zu bezahlen. Die Entwicklungen in Belgien haben auch Schockwellen nach Katalonien in Spanien ausgesandt, wo bei den Wahlen zum Regionalparlament im letzten November die seit sieben Jahren an der Macht stehende Links-Koalition gegen eine Koalition der Separatisten eine Niederlage einstecken musste.

Die Wirtschaftskrise betrifft alle Teile Spaniens. Aber ebenso wie die Anhänger der Lega Nord in Italien, beginnen sich auch viele Katalanen durch die Hervorhebung ihrer angeblich   harten Arbeitsmoral und ihres relativen Erfolgs gegen die „Faulheit der Spanier“ abzugrenzen. Warum sollten sie für „die“ arbeiten? Und natürlich spricht eine zunehmende Zahl von Deutschen über den Rest Europas genauso wie die Katalanen über die Spanier.

Gewiss, Europa ist nicht Afrika, wo Gewalt und Verzweiflung die Triebfedern dieser Fragmentierung sind. Im heutigen Europa ist die Gewalt nur wirtschaftlicher Natur. Aber nachdem die Wirtschaftskrise anhält – und womöglich noch schlimmer wird – könnten wir es mit weiteren Ausbrüchen des Populismus und Nationalismus zu tun bekommen, die wiederum in eine neue Welle der Fragmentierung münden könnten.

Ein Europa der 27 Staaten ist schon schwierig zu lenken. Die sich mitten in einer tief greifenden Identitätskrise befindende Europäische Union braucht keine neuen Staaten, sondern neue Ideen und ein neues Narrativ – einen qualitativen und keinen quantitativen Wandel. Natürlich kann man - so wie einst manche  - von einem „Europa der Regionen“ auf Grundlage des Modells der italienischen Stadtstaaten in der Renaissance träumen.

Der amerikanische Soziologe Daniel Bell sagte einmal, der Staat sei zu groß für die kleinen Probleme und zu klein für die großen. Aber im Zeitalter der Globalisierung ist „die Nation“ eine stärkere Form des Identitätsschutzes, wie auch der Staat nach der Krise des westlichen Finanzkapitalismus heute stärker erscheint, als der durch seine Exzesse destabilisierte „Markt“.

Ebenso wie diese Suche nach Identität manche Staaten zur Fragmentierung veranlasst, drängt sie andere zu neo-imperialer Weltsicht. In jede Richtung spiegelt sich dabei die gleiche Logik wider. In Russland beispielsweise ist der imperiale Charakter der Identität tief verwurzelt. Und ermutigt durch das Machtvakuum rund um die Türkei sowie durch die sture Weigerung der meisten EU-Staaten, das Land in ihren „christlichen Club“ aufzunehmen, beginnen die Türken in neo-osmanischen Dimensionen zu denken. Imperiale Traditionen verschwinden nie gänzlich.

Vielleicht werden die Menschen einst das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts als logische Fortsetzung des letzten Jahrzehnts des 20. Jahrhunderts betrachten. Wenn dem so ist, wird diese Zeit als lohnenswertes Studienobjekt betrachtet werden, als ein Moment, in dem sich Welt inmitten eines schwierigen und ungewissen Prozesses der Neuzusammensetzung befand.

Hide Comments Hide Comments Read Comments (0)

Please login or register to post a comment

Featured