Exit from comment view mode. Click to hide this space
Email | Print

Neue Erschütterungen der globalen Finanzen und im Handel

PALO ALTO – Während sich die amerikanische Wirtschaft und Volkswirtschaften weltweit nach der Rezession in der Anfangsphase ihrer Erholung befinden, bleiben ernste Fragen nach der Kraft und Nachhaltigkeit dieser Erholung. Zusätzlich zu den üblichen Bedenken hinsichtlich des Konjunkturverlaufs existiert eine lange Liste politischer Spannungen, die das Wachstum gefährden. Hierzu zählen: 1) Protektionismus; 2) Währungen; 3) Exit-Strategien für die Abkehr von einer Lockerung der Geldpolitik und Konjunkturanreizen und 4) die Explosion der Staatsverschuldung.

Die Erholung von tiefen Rezessionen ist normalerweise deutlich – die amerikanische Wirtschaft hat sich von den beiden anderen schweren Rezessionen nach dem Zweiten Weltkrieg mit einem jährlichen realen Wachstum von mehr als 6% über drei Jahre erholt. Gegenwärtig prognostiziert jedoch niemand ein derart kräftiges Wachstum, da die Erholung von Finanzkrisen gewöhnlich langsam und schmerzhaft ist.  

Man sollte sich die tatsächlichen Dimensionen der Weltwirtschaftskrise der 1930-er Jahre   vergegenwärtigen, mit der Politiker diese Rezession vergleichen, um massive Eingriffe durch die Regierungen zu rechtfertigen. Von 1929 bis 1933 fiel das reale BIP in den Vereinigten Staaten um 30% und die Arbeitslosenquote betrug fast 25%, wobei die Wirtschaftskrise selbst mehr als ein Jahrzehnt anhielt – allesamt Werte, die um ein Vielfaches höher sind als beim jüngsten Rückgang und bei dem etwas größeren wirtschaftlichen Verfall, der unter anderem durch die Eingriffe abgewendet worden ist.

Politische Fehler, die von Steuererhöhungen über Fehlentscheidungen von Zentralbanken bis zu einer globalen Welle des Protektionismus reichten (wobei das amerikanische Smoot-Hawley-Zollgesetz als wohl berühmtestes Beispiel zu nennen ist) ließen aus einer tiefen Rezession eine Weltwirtschaftskrise werden. Wir sollten die Fehler von damals nicht wiederholen.

Während globale Staats- und Regierungschefs die Ressourcen des IWF aufstocken und versuchen die Regulierung der internationalen Finanzmärkte zu koordinieren, mehren sich   die Spannungen in den Bereichen Handel und Währung. Der französische Präsident Nicolas Sarkozy und der chinesische Ministerpräsident Wen Jiabao schelten amerikanischen Protektionismus. Indessen gibt es praktisch keinen Fortschritt bei der Wiederaufnahme der Doha-Runde über weltweite Handelsreformen. Wenn keine Fortschritte gemacht werden, wachsen nicht-tarifäre Handelshemmnisse wie Unkraut als Reaktion auf innenpolitische Interessen.

Auch Spannungen in Bezug auf Währungen nehmen zu. In Anbetracht der Ausweitung der Bilanzsumme der US-Notenbank, ihres Ankaufs langlaufender US-Staatsanleihen, ihrer Bekanntheit für späte und allmähliche Erhöhungen der Zinssätze und der Explosion der Staatsverschuldung in den USA herrscht Angst vor der letztendlichen Monetarisierung der US-Staatsverschuldung und einer künftigen Inflation.

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt gibt es in den entwickelten Volkswirtschaften kaum ein kurzfristiges Inflationsrisiko; die Kerninflation wird sowohl in der Eurozone als auch in Amerika sinken und Japans Problem wird Deflation sein. In einigen Schwellenländern besteht allerdings das Risiko einer Inflation, einschließlich Indien und China, dessen Zentralbankgouverneur Zhou Xiaochuan einen Währungskorb vorschlägt, der den Dollar als globale Reservewährung ersetzen soll.

Umgekehrt verspricht US-Präsident Barack Obama „härter gegen Chinas Währung durchzugreifen“ und Amerikas Kongress zieht in Erwägung, das US-Finanzministerium dazu zu zwingen China zum Währungsmanipulator zu erklären, um so Strafzöllen den Weg zu ebnen. Doch Chinas Handelsüberschuss mit den USA ist nicht vorrangig auf eine Unterbewertung seiner Währung zurückzuführen.

Die immens gewachsenen Ungleichgewichte der globalen Leistungsbilanzen haben Probleme vergrößert, die zur Finanzkrise geführt haben. Der Überschuss in den sich entwickelnden Ländern Asiens, in Japan und im Nahen Osten ist von weniger als 200 Milliarden Dollar im Jahr 2001 auf über 1 Billion Dollar im Jahr 2008 in die Höhe geschnellt, während das Defizit der USA und der Europäischen Union von 425 Milliarden Dollar auf über 900 Milliarden Dollar gestiegen ist. Deshalb ist ein Handelskrieg das Letzte, was die Weltwirtschaft jetzt gebrauchen kann.

Nicht nur ist der Euro in letzter Zeit in Turbulenzen geraten, manch einer stellt jetzt auch sein langfristiges Überleben in Frage. Alles in allem ist der Euro ein Erfolg gewesen, doch er wägt Gewinne aus Preistransparenz und gesunkenen Transaktionskosten gegen den Verlust einer unabhängigen Währungspolitik und eines Stoßdämpfers für Währungsanpassungen ab.

Da es keine unterschiedlichen Wechselkurse gibt, die angepasst werden könnten, bleibt als einziger Stoßdämpfer die Arbeitskräftewanderung in Gegenden mit geringerer Arbeitslosigkeit – etwa von Süd- nach Nordeuropa. Eine solche Migration ist in den USA einfacher als innerhalb des Euroraums oder auch nur innerhalb europäischer Länder. Somit werden Länder an der Peripherie der EU – Portugal, Italien, Griechenland und Spanien –, die eine hohe Staatsverschuldung und hohe Leistungsbilanzdefizite aufweisen noch einige Zeit mit niedrigeren Reallöhnen und hoher Arbeitslosigkeit konfrontiert sein.

Das größte Systemrisiko für die Weltwirtschaft, ein wesentlich größeres Risiko als in Verbindung mit jedwedem Finanzinstitut, ist die Explosion der öffentlichen Verschuldung. Der IWF prognostiziert einen Anstieg der Schuldenquote im Verhältnis zum BIP auf 85% in den USA bis zum Jahr 2014 (was die Ratingagentur Moody’s veranlasst hat, vor einer Herabstufung der Bonitätsnoten für US-Bonds zu warnen), auf 82% in Deutschland, 85% in Frankreich, 126% in Italien und 144% in Japan.

Während sich die Erholung fortsetzt, werden diese Schulden des öffentlichen Sektors zunehmend die Kreditaufnahme im privaten Sektor, auf kommunaler Ebene und von Entwicklungsländern verdrängen. Unsicherheit über die Lösung des Schuldenproblems wird wahrscheinlich politische Instabilität bei Steuererhöhungen und Ausgabenkürzungen und somit Volatilität auf den Finanzmärkten heraufbeschwören.

Schlimmer noch ist, dass eine hohe Staatsverschuldung, wie hohe Steuern, ernste Probleme für die Wirtschaftsleistung aufwirft. Der IWF schätzt, dass jede Erhöhung der Schuldenquote im Verhältnis zum BIP um zehn Prozentpunkte das langfristige Wachstum um einen viertel Prozentpunkt verringert. Anders gesagt, könnte die prognostizierte Erhöhung der Verschuldungsraten das langfristige jährliche Wachstum um 0,6 Prozentpunkte in der Eurozone verlangsamen, um fast einen Prozentpunkt in den USA, um über einen Prozentpunkt in Großbritannien und um 1,3 Prozentpunkte in Japan.

Das sichere Ergebnis einer Einschränkung der Wachstumsraten um 40-70% werden stagnierende Gesellschaften mit einem Wachstum sein, das nicht ausreicht, um private und öffentliche Bedürfnisse zu befriedigen. Hinzukommt, dass eine solche Verlangsamung verheerende Auswirkungen auf die Entwicklungsländer hätte, da eine schwächere Wirtschaftsleistung in den entwickelten Volkswirtschaften das Wachstum der Exportmärkte verringert.

Diese Erschütterungen im internationalen Finanzsystem sind gravierend und müssen eingedämmt werden. Eine lange Phase schleppenden Wachstums infolge ausgeuferter Staatsverschuldungen würde einer schwerwiegenden Krebserkrankung nach einem Herzanfall gleichkommen, den unsere Volkswirtschaften gerade noch überlebt haben. Vorbeugung beginnt, besser früher als später, mit einer Beilegung der Reibereien im Handel und der Entwicklung vernünftiger Strategien für die Abkehr von einer Lockerung der Geldpolitik und Konjunkturanreizen, die infolge der Krise realisiert wurden.

Reprinting material from this Web site without written consent from Project Syndicate is a violation of international copyright law. To secure permission, please contact us.

Exit from comment view mode. Click to hide this space

Comments (0)

You need to login in order to leave a comment. If you do not yet have an account, please register.

Show comments of
close

The two commenting options explained

Watch a 1 minute video
to discover how you can comment on the entire article or a specific paragraph. The two images below also explain the two ways of commenting.

1) Entire article comment
Once logged in, simply click inside the comment box where it says "Enter text here." Enter and post your comment.

2) Paragraph comment
Please log in first. Then click to the left of the desired paragraph. Your cursor will automatically move to the comments box. Enter and post your comment.

Top Project Syndicate commentaries

Email this article

Your name is required.

Your email is required.


Your friend's name is required.

Your friend's email is required.


A message is required.