Saturday, September 20, 2014
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Nachbarn

TEL AVIV – Während des Militäreinsatzes in Gaza, der den Codenamen „Gegossenes Blei“ erhielt (nach einem Chanukka-Lied über einen kleinen Kreisel – ein Symbol des Festes – aus gegossenem Blei), wurden wir Israelis an eine grundlegende Tatsache erinnert: Gaza ist nicht Vietnam, Irak, Afghanistan oder selbst der Libanon. Es ist eine Region, die aus einem gemeinsamen Land besteht, das wir mit den Palästinensern teilen. Es ist ein Land, das wir Israel nennen und sie Palästina.

Eineinhalb Millionen Menschen leben im Gazastreifen. Sie sind Teil eines Volkes, von dem weitere 1,3 Millionen in Israel wohnen und noch einmal zwei Millionen im Westjordanland. Die Männer und Frauen aus Gaza sind unsere Nachbarn und haben lange Zeit Rücken an Rücken mit uns gelebt, selbst wenn wir durch eine Grenze von Ihnen getrennt sind.

Unsere Häuser und unsere Städte stehen nur wenige Kilometer voneinander entfernt, unsere Felder berühren die ihren. Die Männer im Gazastreifen, die Aktivisten oder Polizisten der Hamas, die wir durch unsere Militärfeldstecher beobachten, waren in der Vergangenheit die Aktivisten und Polizisten der Fatah.

Sie wurden in Gaza geboren oder im Krieg von 1948 oder in anderen Kriegen als Flüchtlinge dorthin vertrieben. Im Laufe der Jahre waren sie die Maurer, die unsere Häuser bauten, sie spülten die Teller in den Restaurants, in denen wir aßen, sie waren die Händler, von denen wir unsere Waren kauften, und die Arbeiter in den Treibhäusern der Kibbuzim.

Sie sind unsere Nachbarn und werden auch in Zukunft unsere Nachbarn sein. Wenn wir also beschließen, einen Krieg gegen sie zu führen, müssen wir den Charakter dieses Kriegs, seine Dauer und die Auswirkungen seiner Gewalt sorgfältig abwägen. Wir Israelis haben keine Macht, die Hamas-Regierung im Gazastreifen auszumerzen, ebenso wenig wie wir die Macht hatten, die Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) als Stimme der nationalen Bestrebungen des palästinensischen Volkes auszulöschen oder die Hisbollah im Libanon 2006.

Ariel Scharon und Menachem Begin zogen in den frühen 80er Jahren bis nach Beirut und bezahlten einen furchtbaren und blutigen Preis für den Versuch, die PLO auszulöschen – ein Ergebnis, das nie erreicht werden konnte. Und was geschah? Am Ende setzten sich sowohl Scharon als auch später Benjamin Netanjahu mit Jassir Arafat und seinen Vertretern an den Verhandlungstisch und versuchten, zu einer Einigung zu gelangen. Jetzt ist Arafats ehemaliger Stellvertreter Abu Mazen ein häufiger und willkommener Gast in unserem Land.

Wir Israelis müssen anfangen, diese einfache Tatsache zu begreifen: Die Araber sind keine metaphysischen Geschöpfe, sondern menschliche Wesen, und menschliche Wesen sind in der Lage, sich zu verändern. Schließlich ändern wir Israelis unsere Positionen, nehmen gemäßigtere Meinungen an und öffnen uns für neue Ideen. Daher täten wir gut daran, so schnell wie möglich die Illusion aus unseren Köpfen zu verbannen, dass wir die Hamas irgendwie auslöschen oder im Gazastreifen gänzlich ausmerzen können.

Stattdessen müssen wir mit Umsicht und gesundem Menschenverstand arbeiten, um zu einem vernünftigen und detaillierten Abkommen für einen dauerhaften Waffenstillstand zu gelangen, in dem die Perspektive berücksichtigt wird, dass die Hamas sich ändern kann. Eine solche Veränderung ist möglich und könnte eine Handlungsgrundlage schaffen. Derartige grundlegende Sinneswandel und Meinungsänderungen sind im Laufe der Geschichte viele Male eingetreten.

Sicherlich werden, selbst wenn wir heute anfangen, auf eine derartige dauerhafte Waffenruhe hinzuarbeiten, unweigerlich weitere Kriegstage vor uns liegen. Zweifellos werden weiterhin Raketen gegen uns abgefeuert. Doch wenigstens werden wir wissen, dass wir nicht für ein unmögliches Ziel kämpfen, das nur zu Blutvergießen und Verwüstung führen kann – Blutvergießen und Verwüstung, die das kollektive Gedächtnis der Söhne und Enkel unserer Nachbarn belasten werden, die unsere Feinde bleiben werden, selbst wenn sich der Kreisel weiterdreht.

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