Sunday, November 23, 2014
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Nationalismus und Terrorismus

BOSTON – Den 11. September 2001 zur Geschichte des Nationalismus hinzuzufügen, erscheint angesichts der ausdrücklich betonten globalen Machtansprüche Al Qaidas unpassend – zumindest auf den ersten Blick. Aber heute, wo Schock und Verwirrung einer nüchterneren Perspektive Platz gemacht haben, werden die Terroranschläge dieses furchtbaren Tages – zu Recht – immer mehr als ein weiterer der vielen Meilensteine des Nationalismus gesehen.

Auch wenn ursprünglich viele dieser Ansicht waren, scheinen die Anschläge aus dieser Perspektive keine unverständliche, irrationale und unzivilisierte Mentalität oder gar völlig andere Zivilisation mehr widerzuspiegeln – vormodern, unaufgeklärt und durch und durch “traditionell” (mit anderen Worten; unentwickelt). Auf diese unschmeichelhafte Weise wurde die Motivation des Islam für die Anschläge vom 11. September 2001 gesehen, der dominanten Religion eines wirtschaftlich rückständigen Teils der Welt. Und da die Vertreter dieser Sichtweise (so gut wie alle, die sich zu Wort meldeten) deren kränkende Untertöne zu spät wahrgenommen haben, haben die Diskussionen über das Thema in den seitdem vergangenen Jahren erhebliches Leid verursacht.

Die Äußerung der Ansicht, eine der größten Weltreligionen sei eine mörderische, irrationale, für moderne und zivilisierte Menschen unakzeptable Ideologie, kann durch keinen Euphemismus gemildert werden. Und trotzdem haben bereits zwei verschiedene US-Regierungen diese Annahme vertreten – und folgerichtig nach ihr gehandelt.

Aber sobald wir die Tragödie des 11. September 2001 und das umfassendere Phänomen des internationalen Terrorismus in den Zusammenhang anderer historischer Tragödien des letzten Jahrhunderts stellen, bietet die Religion keine befriedigende Erklärung mehr. An diesem Punkt wird der Einfluss des Nationalismus offensichtlich.

Nationalismus war über die gesamte Moderne hinweg das Hauptmotiv westlichen Handelns. Historiker haben seinen Einfluss im elisabethanischen England dokumentiert (wo er den Geist der puritanischen Rebellion und der Auswanderung nach Amerika bestimmte), und erkennen in ihm immer mehr das Motiv hinter der französischen und der russischen Revolution. Unterdessen sehen ihn chinesische Wissenschafter zunehmend als Inspiration hinter Mao Zedongs Kampf gegen die Kuomintang (die selbst ernannte “nationalistische Bewegung”) und der Politik der Volksrepublik China. Und um zu verstehen, dass Nationalismus der Ursprung von Hitlers Nationalsozialismus und daher des zweiten Weltkriegs war, muss man kein Historiker sein.

Tatsächlich wäre es merkwürdig, wenn dies alles nicht der Fall wäre, angesichts dessen, dass Nationalismus die kulturelle Grundlage der Moderne ist – der Rahmen ihres sozialen Bewusstseins. Und gerade deshalb, weil unsere Denkweise derart vom Nationalismus beeinflusst ist, kann seine Rolle bei Phänomenen wie Al Qaidas Anschläge 2001, deren nationalistische Motivation nicht offensichtlich ist, leicht übersehen werden.

Generell bezeichnen sich die meisten Nationalisten selbst nicht als solche. Wie wir alle glauben sie, ihr Nationalismus sei natürlich und müsse nicht betont werden. Aber mit etwas Selbsterforschung sollte jeder denkende Mensch erkennen, dass wir alle Nationalisten sind – wir fühlen, denken und reagieren auf die Welt so, wie es der Nationalismus vorsieht.

Nationalismus ist eine weltliche (und daher trotz häufiger religiöser Rhetorik säkulare) Vision, anhand derer die Menschen in souveräne Gemeinschaften gleichwertiger Mitglieder aufgeteilt werden. Die Gleichwertigkeit innerhalb der nationalen Mitgliedschaft (die gleichzeitig exklusiv definiert werden kann) erhöht den Status jedes Mitglieds auf den der Elite, wodurch es abhängig von der Nation als Ganzer wird.

So bekennen sich diejenigen, die Nationalbewusstsein besitzen, zur Würde der Nation – die im Ansehen oder Prestige verglichen mit anderen Nationen besteht – und sind bereit, diese zu verteidigen. Deshalb war der Wettbewerb um nationales Prestige seit dem Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts das Hauptmotiv der internationalen Politik.

Vor allem die Aggressoren in vielen internationalen Konflikte dieser Zeit wurden durch das Gefühl verletzter nationaler Würde motiviert. Eine wirkliche Verletzung ist nicht nötig: Die Wahrnehmung, eine andere Nation sei überlegen, genügt.

In einer fortgeschrittenen, modernen Gesellschaft wie Deutschland haben Intellektuelle keine Schwierigkeiten, eine nationalbewusste Bevölkerung mit offen nationalistischer Sprache davon zu überzeugen, das nationale Prestige sei bedroht. In einer Gesellschaft hingegen, in der das Nationalbewusstsein auf die gebildete Schicht beschränkt ist (beispielsweise im arabischen Nahen Osten), muss auf traditionelle Methoden der Mobilmachung zurückgegriffen werden. Im Nahen Osten ist dieser traditionelle Mobilisierer der Islam, also werden Bedrohungen des nationalen Prestiges als Bedrohungen des Islam dargestellt.

Manche Nationen fühlen sich durch eingebildete Beleidigungen der nationalen Würde nicht bedroht – aus verschiedenen historischen Gründen halten sie sich gegenüber anderen für überlegen. Aber wenn ihr Prestige tatsächlich bedroht ist, setzt auch die Wahrnehmung einer Bedrohung ein. Warum sonst liegt Menschen überall in der industrialisierten Welt so viel an ihrer wirtschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit? Reicht es uns nicht, wohlhabend zu sein? Warum muss es uns besser gehen als anderen?

Warum haben sich die Amerikaner nur derart durch den friedlichen wirtschaftlichen Aufstieg Chinas (und zuvor durch Japans wirtschaftlichen Erfolg in den 1980ern) bedroht gefühlt? Nicht länger die “Nummer Eins” zu sein, verletzt Amerikas Würde zutiefst. Dies ist die simple Wahrheit.

Auch China wird heute durch Nationalismus motiviert, und das Land wird so weit aufsteigen, wie es den 1,3 Milliarden motivierten Einwohnern möglich ist. Die Bedrohung der internationalen Stellung Amerikas ist real, aber die Amerikaner sind verblendet genug zu glauben, sie könnten China immer noch als eine unterlegene Macht behandeln. Vielleicht sind die Chinesen im Moment noch zu sehr mit ihrem eigenen Hinterhof beschäftigt, um solchen Kränkungen Beachtung zu schenken, aber es ist dumm, sie absichtlich zu beleidigen.

Weil die USA die Motive hinter den Anschlägen vom 11. September 2001 missverstanden haben, haben sie zwei teure, erfolglose Kriege geführt und den Nahen Osten in einem brisanteren Zustand hinterlassen als jemals zuvor. Blindheit gegenüber der Verbindung zwischen Nationalismus und Würde in China – und gegenüber ihrem eigenen Verhalten gegenüber diesem Land – könnte die USA noch teurer zu stehen kommen.

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff

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    1. CommentedRay Halpin

      Professor Greenfeld, you say religion does not explain the rise of terrorism; nationalism does. But doesn't religion play a decisive role in the formation of a national consciousness? Take Ireland for instance. In 1880, for example, Robert Wellington Halpin (1814 - 1883) - a Post Master in the town of Wicklow - took exception to the way his Catholic neighbours were being treated and convinced the local town council to use illegal methods to seize property belonging to the Lords of the Soil. Their initiative failed to bring about any change to Irish society and was quickly reversed. But the behaviour of the town's council and its postmaster was motivated by a strong sense of religious obligation (protestant, in this case) and a powerful sense of Irish separateness. In other words, in this case at least, religious sensibility and national consciousness were indivisible; the former fed into the latter and provided it with its scale of values, with its sense of civic duty. Robert Wellington Halpin could not be a good protestant, nor a good Irishmen, if he did not do something meaningful to change Irish society and improve the material interests of his catholic countrymen.

      Robert Wellington Halpin's grandson, William Halpin, rejected his grandfather's liberalism (and his protestantism) and took part in the Easter Rising in 1916. He entered that rebellion as a working class socialist, but emerged from it a Catholic nationalist, and used his new-found religious identity not so much to orientate himself in the War of Independence (1919 - 1922), but to fuel his rage and salve his conscience as he detonated one bomb after another in Dublin's north inner city, targeting British forces, but killing and wounding innocent civilians. If you ''can't separate war from tragedy'', as Philip Mudd said recently, can you really separate religion from nationalism? The two, surely, are wedded at the hip.

    2. Commenteds l

      Professor Greenfeld --

      I think you are correct in describing China's rise, at this point, as a "peaceful economic" one. However, People from the US might justifiably afraid of the facts that China is building the world's largest standing army and has a nationalism that is at odds with others in the region (Tibet, Taiwan, Japan). We can't forget that China's rise was not peaceful for the Tibetans.

      China also owns over $1 trillion of the US sovereign debt, though the implications of that aren't quite the same as its military implications. That's more of the blow to national pride especially given the state of the US economy.

      So, yes the US should avoid acting disrespectfully and offending China's nationalistic pride. But should the US stand idly by if they march into Taiwan the same way they marched into Tibet?

    3. CommentedSalil Patil

      Nice article which emphasize past/future problems of the world but in west people are already coming together and removing national boundaries and forming human civilization. Rather its the eastern, african nations which are still teaching its population subjective history and try to make them nationlists/religious rather than universal humans hence West which has once created and nurtured submissive religions, imperialism, imposed world wars on human civilization has learned from its mistakes and moved forward. Now its time for all of us to move ahead and make better and safe human civilization.

      About the middle east I guess the only solution is get out of gas/oil dependency and move to safe and environment friendly new energy sources. Without Oil revenues Middle East might get into cycles of destruction like yemen, somalia. West can't bring any solution. The problem lies in inherent destructive nature of ideology people are following in that part of the world. And their recent success based on natural resources made them assertive of their inhuman ideology and nurturing and funding hardliner hatred against all others.

    4. CommentedPaul Kerouac

      Truth be told Liah, whilst I may broadly agree with the brave sentiment you're expressing here, I don't see an answer, just an explanation. When I say brave, by that I mean you're brave because what you're saying about nationalistically motivated wars in the Middle East is something most people would rather not hear. I don't include myself amongst that number.

      Whilst most would say it's enough to help engender understanding as part of the solution, as you quite rightly say, the kind of nationalistic 'brainwashing' most people receive by growing up anywhere in the west (and beyond) is something that's been happening and used as a motivating tool for centuries. People such as yourself have been shouting this kind of article in to the void for just as long too.

      So, in a roundabout kind of way, you've identified the problem. Can you help with the solution?

      My own choices in life was to escape the west, any sense of national mooring and simply sail wherever the tide takes me. By doing so, one ends up receding in to a small circle of friends who 'get it' too, and choosing simply not to partake in mainstream society. That doesn't help the political global landscape but then I'm not a Professor.

      My own answer beyond that of the self is to simply quote Bill Hicks:

      "The eyes of fear want you to put bigger locks on your doors, buy guns, close yourselves off. The eyes of love, instead, see all of us as one. Here's what you can do to change the world, right now, to a better ride. Take all that money that we spend on weapons and defence each year, and instead spend it feeding, clothing and educating the poor of the world, which it would many times over, not one human being excluded, and we could explore space, together, both inner and outer, for ever, in peace."
      Bill Hicks

      I don't see that happening in my life time, do you?

    5. CommentedM Patel

      Characteristics of Nationalism terrorism are as following:
      1) Members are citizen of same nation or at least have some form of Ethnic and Linguistic affinity.
      2) Real or imaginary grievances are based on assault on a nation or it's dignity.
      3) Limited targeting:Target is the real or perceived assaulter.

      Caliphate terrorism shares none of this characteristics of Nationalist terrorism.
      Firstly, It's support base transcends Nationalist, Ethnic, Geographic, and Linguistic boundaries. The sole affinity among members is religion.
      Secondly, None of the real or imaginary grievances, like withdrawal of American forces from Islamic holy land, are national in nature.
      Thirdly, Targeting is unlimited. Almost anyone who fails to submit is a target.

      Al Queda type organizations draw inspiration from the concept of Caliphate, Dar-ul-Islam and Dar-ul-Hurb.
      This has a historic precedence. In 1921, Moplah Muslims in Southern region of India killed thousands of hindus ( check Malabar Rebellion in Encyclopedia ) because British abolished Caliphate in Turkey. It did not matter that Hindus are not British. It did not matter that under leadership of Mahatma Gandhi Hindus supported and participated in the movement to restore Caliphate in Turkey. They were all branded as Hindu Kaffirs. Mophal Muslims of southern India have absolutely no nationalist, ethnic, linguistic or political tie with distant Turkey. They were never subject of Turkish Global Caliphate.

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