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Nationalismus und Terrorismus

BOSTON – Den 11. September 2001 zur Geschichte des Nationalismus hinzuzufügen, erscheint angesichts der ausdrücklich betonten globalen Machtansprüche Al Qaidas unpassend – zumindest auf den ersten Blick. Aber heute, wo Schock und Verwirrung einer nüchterneren Perspektive Platz gemacht haben, werden die Terroranschläge dieses furchtbaren Tages – zu Recht – immer mehr als ein weiterer der vielen Meilensteine des Nationalismus gesehen.

Auch wenn ursprünglich viele dieser Ansicht waren, scheinen die Anschläge aus dieser Perspektive keine unverständliche, irrationale und unzivilisierte Mentalität oder gar völlig andere Zivilisation mehr widerzuspiegeln – vormodern, unaufgeklärt und durch und durch “traditionell” (mit anderen Worten; unentwickelt). Auf diese unschmeichelhafte Weise wurde die Motivation des Islam für die Anschläge vom 11. September 2001 gesehen, der dominanten Religion eines wirtschaftlich rückständigen Teils der Welt. Und da die Vertreter dieser Sichtweise (so gut wie alle, die sich zu Wort meldeten) deren kränkende Untertöne zu spät wahrgenommen haben, haben die Diskussionen über das Thema in den seitdem vergangenen Jahren erhebliches Leid verursacht.

Die Äußerung der Ansicht, eine der größten Weltreligionen sei eine mörderische, irrationale, für moderne und zivilisierte Menschen unakzeptable Ideologie, kann durch keinen Euphemismus gemildert werden. Und trotzdem haben bereits zwei verschiedene US-Regierungen diese Annahme vertreten – und folgerichtig nach ihr gehandelt.

Aber sobald wir die Tragödie des 11. September 2001 und das umfassendere Phänomen des internationalen Terrorismus in den Zusammenhang anderer historischer Tragödien des letzten Jahrhunderts stellen, bietet die Religion keine befriedigende Erklärung mehr. An diesem Punkt wird der Einfluss des Nationalismus offensichtlich.

Nationalismus war über die gesamte Moderne hinweg das Hauptmotiv westlichen Handelns. Historiker haben seinen Einfluss im elisabethanischen England dokumentiert (wo er den Geist der puritanischen Rebellion und der Auswanderung nach Amerika bestimmte), und erkennen in ihm immer mehr das Motiv hinter der französischen und der russischen Revolution. Unterdessen sehen ihn chinesische Wissenschafter zunehmend als Inspiration hinter Mao Zedongs Kampf gegen die Kuomintang (die selbst ernannte “nationalistische Bewegung”) und der Politik der Volksrepublik China. Und um zu verstehen, dass Nationalismus der Ursprung von Hitlers Nationalsozialismus und daher des zweiten Weltkriegs war, muss man kein Historiker sein.

Tatsächlich wäre es merkwürdig, wenn dies alles nicht der Fall wäre, angesichts dessen, dass Nationalismus die kulturelle Grundlage der Moderne ist – der Rahmen ihres sozialen Bewusstseins. Und gerade deshalb, weil unsere Denkweise derart vom Nationalismus beeinflusst ist, kann seine Rolle bei Phänomenen wie Al Qaidas Anschläge 2001, deren nationalistische Motivation nicht offensichtlich ist, leicht übersehen werden.

Generell bezeichnen sich die meisten Nationalisten selbst nicht als solche. Wie wir alle glauben sie, ihr Nationalismus sei natürlich und müsse nicht betont werden. Aber mit etwas Selbsterforschung sollte jeder denkende Mensch erkennen, dass wir alle Nationalisten sind – wir fühlen, denken und reagieren auf die Welt so, wie es der Nationalismus vorsieht.

Nationalismus ist eine weltliche (und daher trotz häufiger religiöser Rhetorik säkulare) Vision, anhand derer die Menschen in souveräne Gemeinschaften gleichwertiger Mitglieder aufgeteilt werden. Die Gleichwertigkeit innerhalb der nationalen Mitgliedschaft (die gleichzeitig exklusiv definiert werden kann) erhöht den Status jedes Mitglieds auf den der Elite, wodurch es abhängig von der Nation als Ganzer wird.

So bekennen sich diejenigen, die Nationalbewusstsein besitzen, zur Würde der Nation – die im Ansehen oder Prestige verglichen mit anderen Nationen besteht – und sind bereit, diese zu verteidigen. Deshalb war der Wettbewerb um nationales Prestige seit dem Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts das Hauptmotiv der internationalen Politik.

Vor allem die Aggressoren in vielen internationalen Konflikte dieser Zeit wurden durch das Gefühl verletzter nationaler Würde motiviert. Eine wirkliche Verletzung ist nicht nötig: Die Wahrnehmung, eine andere Nation sei überlegen, genügt.

In einer fortgeschrittenen, modernen Gesellschaft wie Deutschland haben Intellektuelle keine Schwierigkeiten, eine nationalbewusste Bevölkerung mit offen nationalistischer Sprache davon zu überzeugen, das nationale Prestige sei bedroht. In einer Gesellschaft hingegen, in der das Nationalbewusstsein auf die gebildete Schicht beschränkt ist (beispielsweise im arabischen Nahen Osten), muss auf traditionelle Methoden der Mobilmachung zurückgegriffen werden. Im Nahen Osten ist dieser traditionelle Mobilisierer der Islam, also werden Bedrohungen des nationalen Prestiges als Bedrohungen des Islam dargestellt.

Manche Nationen fühlen sich durch eingebildete Beleidigungen der nationalen Würde nicht bedroht – aus verschiedenen historischen Gründen halten sie sich gegenüber anderen für überlegen. Aber wenn ihr Prestige tatsächlich bedroht ist, setzt auch die Wahrnehmung einer Bedrohung ein. Warum sonst liegt Menschen überall in der industrialisierten Welt so viel an ihrer wirtschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit? Reicht es uns nicht, wohlhabend zu sein? Warum muss es uns besser gehen als anderen?

Warum haben sich die Amerikaner nur derart durch den friedlichen wirtschaftlichen Aufstieg Chinas (und zuvor durch Japans wirtschaftlichen Erfolg in den 1980ern) bedroht gefühlt? Nicht länger die “Nummer Eins” zu sein, verletzt Amerikas Würde zutiefst. Dies ist die simple Wahrheit.

Auch China wird heute durch Nationalismus motiviert, und das Land wird so weit aufsteigen, wie es den 1,3 Milliarden motivierten Einwohnern möglich ist. Die Bedrohung der internationalen Stellung Amerikas ist real, aber die Amerikaner sind verblendet genug zu glauben, sie könnten China immer noch als eine unterlegene Macht behandeln. Vielleicht sind die Chinesen im Moment noch zu sehr mit ihrem eigenen Hinterhof beschäftigt, um solchen Kränkungen Beachtung zu schenken, aber es ist dumm, sie absichtlich zu beleidigen.

Weil die USA die Motive hinter den Anschlägen vom 11. September 2001 missverstanden haben, haben sie zwei teure, erfolglose Kriege geführt und den Nahen Osten in einem brisanteren Zustand hinterlassen als jemals zuvor. Blindheit gegenüber der Verbindung zwischen Nationalismus und Würde in China – und gegenüber ihrem eigenen Verhalten gegenüber diesem Land – könnte die USA noch teurer zu stehen kommen.

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff