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Kosovos Erbsünde

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2009-06-19

PRISTINA – Vor zehn Jahren sind in der ehemaligen serbischen Provinz Kosovo, die jetzt der jüngste Staat der Welt ist, Hunderte von Menschen verschwunden. Dabei handelt es sich nicht um vermisste Personen wie die Albaner, die während des Kosovokonflikts im Jahr 1999 von der serbischen Polizei exekutiert und in geheimen Gräbern verscharrt worden sind. Diese vermissten Personen verschwanden nach dem Konflikt, unter den Augen der NATO und der Vereinten Nationen. Verwandte der meisten berichten, dass sie entführt worden sind.

Das Kosovo verdankt seine Unabhängigkeit zu einem nicht unerheblichen Teil einer militärischen Intervention der NATO, die im Namen der Menschenrechte durchgeführt wurde. Und im Namen der Menschenrechte ist es an der Zeit, dass die Wahrheit über die Menschen ans Licht kommt, die nach Beendigung des Konflikt verschwunden sind, und aufgeklärt wird, warum UN-Vertreter zehn Jahre lang die dringenden Bitten der Angehörigen der Opfer ignorierten und keine strafrechtlichen Ermittlungen eingeleitet haben.

Die albanischen Behörden im Kosovo haben jahrelang keine wichtige Entscheidung ohne die Zustimmung der Europäischen Union und insbesondere der Vereinigten Staaten gefällt. Diese sollten die Regierung im Kosovo dringend ersuchen, eine glaubwürdige Untersuchung in die Wege zu leiten um der Opfer und der Menschen im Kosovo willen, die wollen, dass ihr Staat vom Gesetz regiert wird.

1999 führten die USA die NATO gegen Slobodan Milosevics Serbien in den Krieg, um grobe Verletzungen der Rechte der albanischen Mehrheit im Kosovo zu beenden. Serbische Nationalisten hatten die Autonomie des Kosovo aufgehoben. Serbische Truppen schlugen, ermordeten und verhafteten Albaner, deren Anführer den Aufrufen westlicher Botschaften Folge leisteten und zu Gewaltlosigkeit anhielten.

Nachdem sich ein albanischer Aufstand formiert hatte, die Befreiungsarmee des Kosovo (UCK), führte Milosevic einen gewaltsamen, kompromisslosen Feldzug zur Vertreibung der Albaner aus Kosovo durch. Dörfer wurden niedergebrannt. Serbische Polizeikräfte ermordeten albanische Zivilisten und vertrieben Hunderttausende. (Die Behörden in Belgrad bleiben weiterhin eine Aufklärung über die ermordeten albanischen Zivilisten schuldig, die auf Polizei- und Militärstützpunkten in Serbien begraben wurden.)

Die NATO zwang die serbischen Streitkräfte im Juni 1999 zum Rückzug und internationale Friedenstruppen unter der Führung der NATO besetzten Kosovo. Die UN entsandte eine Mission zur Unterstützung des Aufbaus von Institutionen vor Ort. Die USA und westeuropäische Länder begannen, die neuen albanischen Behörden in Kosovo in die Staatlichkeit zu führen. Im vergangenen Jahr hat Kosovo die Unabhängigkeit erlangt. Sechzig Länder, einschließlich der USA und der meisten EU-Länder, erkannten diese an.

Einer aktuellen Recherche der BBC zufolge, haben Mitglieder der UCK Serben, Albaner, Roma und andere nach dem Eintreffen der NATO entführt. UN-Mitarbeiter, die sich mit der Suche vermisster Personen befassen – nicht etwa Untersuchungsbeauftragte – haben jahrelang nach ihnen gesucht und keine Spur von ihnen im Kosovo finden können. Sie fanden jedoch albanische Zeugen, die versicherten, dass UCK-Mitglieder gefangene Serben, Albaner und Roma nach Albanien brachten, wo diese ermordet wurden.

Jetzt hat die BBC Interviews mit Albanern ausgestrahlt, die in geheimen Lagern der UCK in Albanien inhaftiert waren. Diese Zeugen haben bestätigt, dass in den Lagern ebenfalls Serben, Roma und andere gefangen gehalten worden sind. Die BBC hat Gräber einiger der Vermissten in Albanien lokalisiert. Aus UN-Dokumenten sind Zitate albanischer Quellen durchgesickert, die die Namen beteiligter Personen nennen.

Seit Juni 1999 kalkulieren die UN- und NATO-Kontingente im Kosovo klar ein, dass Stabilität die Justiz übertrumpft hat. Die Führungsköpfe dieser Missionen haben es trotz dringender Appelle von Mitarbeitern unterlassen, Ermittlungen über die Vermissten einzuleiten. Einige UCK-Anführer, die von der albanischen Bevölkerung vor Ort als Sieger des Jahres 1999 gefeiert werden, führen jetzt die Regierungsgeschäfte im Kosovo. Ihr pauschales Leugnen ist nicht länger glaubwürdig.

Kosovo muss dieses Verschwinden untersuchen und seine Verpflichtung zur Rechtsstaatlichkeit beweisen, sonst wird es nicht mehr viele Länder überzeugen können, seine Unabhängigkeit anzuerkennen. (Genauso sollte niemand die albanischen Toten vergessen, die Serbien nicht zurückgegeben hat.) Eine glaubwürdige Untersuchung erfordert die volle Unterstützung der Behörden in Albanien und der neu eingesetzten EU-Mission im Kosovo.

Offiziell behaupten die Führungsköpfe dieser Mission, sie seien an einer Untersuchung interessiert. In inoffiziellen Gesprächen erzählen Diplomaten allerdings etwas anderes, selbst wenn einige albanische politische Führer, einschließlich einiger ehemaliger UCK-Vertreter, eine Untersuchung fordern. Die USA sollten ihrem politischen Einfluss auf Albanien und Kosovo Geltung verschaffen, um eine gründliche Untersuchung und Strafverfahren gegen jeden zu erzwingen, der darin verwickelt ist.

Die Albaner reagieren empört auf die Vorwürfe, dass UCK-Mitglieder in Kriegsverbrechen und anderes kriminelles Verhalten involviert gewesen sein sollen. Einige Albaner behaupten, diese Vorwürfe seien serbische Propaganda. Es gibt jedoch viele Albaner, die anderes wissen und glauben, dass Kosovo es versäumt, die Taten einiger Schurken aufzuarbeiten. Diese Albaner befürchten, dass sich das Kosovo in Ermangelung rechtsstaatlicher Verfahren zu einem Mafia-Staat entwickeln wird.

Die Albaner im Kosovo wollen keinen Staat, der durch solche Vorwürfe besudelt ist. Sie wollen einen Staat, der die Menschenrechte aller respektiert. Und sie wollen Antworten auf die Frage nach dem Schicksal hunderter von Menschen, die seit zehn Jahren verschwunden sind.  

Fron Nahzi ist stellvertretender Vorsitzender für Programme am East West Management Institute und führt seit über 18 Jahren Konfliktlösungsinitiativen auf dem Balkan an. Chuck Sudetic ist Ko-Autor von Im Namen der Anklage, den Memoiren der Chefanklägerin des UN-Kriegsverbrechertribunals Carla Del Ponte.

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AUTHOR INFO

Fron Nahzi   
Fron Nahzi, Vice President for Programs at the East West Management Institute, has spearheaded conflict-resolution initiatives in the Balkans for more than 18 years.
Chuck Sudetic, a former analyst at the ICTY, authored a book on the Srebrenica massacre and is making a film on the trials. He works for the Open Society Institute.