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Die Rückkehr der Religion?

Jan-Werner Mueller

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2009-06-29

BUDAPEST – Es ist ein abgedroschener Vergleich: Die Vereinigten Staaten sind religiös, Europa ist weltlich. In mancherlei Hinsicht wurde diese klischeehafte Gegenüberstellung in letzter Zeit jedoch umgekehrt: Die Religion hat bei den letzten amerikanischen Präsidentschaftswahlen praktisch keine Rolle gespielt, während in verschiedenen europäischen Ländern große Kontroversen über Religion aufgelodert sind, die darauf hinweisen, dass Glaubensfragen wieder im Mittelpunkt der europäischen Politik stehen.

Man betrachte zum Beispiel den französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy. Zu zahlreichen Anlässen hat er argumentiert, dass sein Land seine traditionelle, strikte Trennung von Staat und Religion, die als laïcité bezeichnet wird, überdenken muss. Insbesondere sollte Frankreich laut dem zweimal geschiedenen und selbsterklärten „kulturellen Katholiken“ einen „positiven Säkularismus“ entwickeln. Im Gegensatz zur negativen laïcité, die laut Sarkozy „ausschließt und verurteilt“, lädt die positive laïcité zum „Dialog“ ein und erkennt die gesellschaftlichen Vorteile der Religion an.

In einer viel kritisierten Rede in Rom Ende 2007 würdigte Sarkozy die christlichen Wurzeln Frankreichs, „der ältesten Tochter der Kirche“, ebenso lobte er den Islam während eines Besuchs in Saudi-Arabien. Jetzt will er staatliche Subventionen für Glaubensorganisationen – ein politischer Vorschlag, der viele seiner säkularen Kritiker aus der Fassung bringt.

Diese neue Anziehungskraft der Religion – nach einer langen Zeit, in der es als gegeben angesehen wurde, dass die Säkularisierung die Religion politisch immer unwichtiger werden lassen würde – ist kein ausschließlich französisches Phänomen. Die spanische Volkspartei (Partido Popular, PP) versuchte während des Wahlkampfs im März 2008 vehement, die Katholiken zu mobilisieren. Die Kirche unterstützte die PP gegen einen Ministerpräsidenten, José Luis Rodríguez Zapatero, dessen Befürwortung der Homo-Ehe, lockererer Scheidungsgesetze und der Streichung des Religionsunterrichts als Pflichtfach vom nationalen Lehrplan viele religiöse Konservative verärgert hat. Zapatero befand es am Schluss für notwendig, einem Gesandten des Vatikans zu sagen, dass die spanischen Bischöfe aufhören sollten, sich in die Wahlen einzumischen (die er gewann).

In Italien führte Ministerpräsident Silvio Berlusconi eine Verfassungskrise herbei, indem er versuchte, ein Notgesetz durchzupeitschen, mit dem verhindert werden sollte, dass die lebenserhaltenden Geräte einer Komapatientin abgeschaltet wurden. Das hat viele Beobachter an den Versuch der amerikanischen Republikaner erinnert, ihr „Engagement für das Leben“ unter Präsident George W. Bush unter Beweis zu stellen.

Und schließlich gibt es Großbritannien, das normalerweise als das vielleicht säkularste Land in Westeuropa gilt und somit als unwahrscheinlichster Kandidat, um eine Rückkehr der Religion in irgendeiner Form zu erleben (abgesehen von der muslimischen Gemeinde). Unter der Führung von David Cameron hört die neuerlich erstarkte Conservative Party auf verschiedene Denker, die als „red Tories“ – rote Konservative bezeichnet werden und die Partei dazu drängen, sich vom Thatcherismus zu verabschieden und sich der Zivilgesellschaft, den lokalen Gemeinden, der Familie und nicht zuletzt der Religion als wichtiger Kraft zur Förderung von verantwortungsvollem Sozialverhalten zuzuwenden.

Kurz gesagt, es gibt hier ein Muster. Doch ist es nicht so, dass Einzelpersonen in verschiedenen europäischen Ländern religiöser würden – dafür gibt es kaum Indizien. Global mag es gute Gründe dafür geben, von einem Phänomen zu sprechen, das Soziologen als Aufstieg der „postsäkularen Gesellschaften“ beschreiben, aber Europa bleibt die Ausnahme. Was diese neuen öffentlichen Kontroversen zum Thema Religion wirklich erklärt, ist etwas anderes, etwas Politisches: das Dilemma, in dem die Rechts- und Mitte-rechts-Parteien in Europa stecken.

Viele dieser Parteien haben den Marktradikalismus oder zumindest eine starke Dosierung der wirtschaftlichen Liberalisierung befürwortet. Nicht erst seit der Finanzkrise sind sie von diesen Positionen zurückgewichen und haben versucht, ein freundlicheres Image mit einem stärkeren sozialen Bewusstsein zu formen.

Doch wandeln diese Parteien auf der Suche nach einem neuen „Aussehen, Gefühl und einer neuen Identität“, wie Cameron es nennt, auf einem schmalen Grat: Auf der einen Seite haben sie versucht, moderner zu erscheinen – beispielsweise indem sie eine zunehmende Anzahl an Frauen und Mitgliedern ethnischer Minderheiten ins Kabinett berufen haben. Auf der anderen Seite haben sie sich als die Todfeinde des angeblichen moralischen Relativismus der Linken dargestellt – ein Image, für das das Zurückgreifen auf die Religion offensichtlich hilfreich ist.

Tatsächlich sprechen sich einige Intellektuelle, die der Rechten nahe stehen, seit Langem für eine Öffnung gegenüber den muslimischen Einwanderern in Europa und ihren Nachkommen aus. Wo sie wählen dürfen, so wird argumentiert, würden muslimische Traditionalisten eher eine konservative Partei wählen, selbst wenn sie katholische Wurzeln hat, als eine säkulare linke Partei, die als Befürworterin einer lockeren Moral angesehen wird.

Das soll nicht heißen, dass sämtliche Verweise auf die Religion nur zynische Wahltricks sind. Insbesondere angesichts der Finanzkrise wurde die Religion als Ursprung des von Sarkozy und der deutschen Kanzlerin Angela Merkel als „Moralisierung des Kapitalismus“ bezeichneten Projekts präsentiert.

Das ist keine absurde Idee. Es gibt eine lange und bemerkenswerte Tradition des katholischen Sozialgedankens. Doch wenn man diese Traditionen ernst nimmt, wären erheblich größere Veränderungen des Kapitalismus erforderlich, als selbst bekennende Christdemokraten bereit sind, in Erwägung zu ziehen, z. B. eine wesentlich größere Verteilung des Besitzes sowie Mechanismen, um Arbeiter ins Management einzubeziehen. Die Theorien der „red Tories“ gehen vielleicht ein Stück weit in diese Richtung, doch bleibt abzuwarten, ob sie jemals in die Praxis umgesetzt werden.

Derzeit besteht die Versuchung für die europäischen Rechtsparteien darin, ihr „neues Aussehen“ durch eine selektive Berufung auf die Religion zu finden – und abzuwarten, ob sich dies als Wahlstrategie bewährt. Sie sollten jedoch bedenken, dass sie, wenn Sie einen Kulturkampf beginnen, mit dem Feuer spielen: Es ist vielleicht möglich, religiöse Leidenschaften eine Zeit lang zu instrumentalisieren, doch können solche Leidenschaften nicht ständig von oben kontrolliert werden.

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Gordon 02:52 30 Dec 09

Ugh, the to and fro of intellectual trends reveals how shallow and insincere political thinking is.  It's not that circumstances change and demand radically new approaches - it's that old creeds become more obviously foolish over time and a series of transitory, usually minor reinventions allows political parties to appear adaptive and relevant to those foolish or desperate enough to believe in them.  

 

Surely the fundamentals of the good society have been the same for thousands of years, waiting to be discovered?  

 

'Moralizing capitalism' is surely absurd.  Capitalism is based on the assumption that greed and selfishness is innate and must be diverted like a stream, to where it will do the least harm.  It does not take much examination to see that people do not really believe this consistently about themselves or society.  More or less everyone, rightly or wrongly, believes that somehow we can battle against greed and selfishness.  More or less everyone, if stranded on a desert island with a few others and a limited supply of coconuts, would expect fair division of resources and condemn anyone who hoarded all the coconuts to himself.  

 

To truly moralize capitalism means to replace it in part or whole with something else.  Capitalism is not even a complete or coherent doctrine of how to live; it should not be protected and cherished.  We should not be afraid to do something that is contrary to the spirit of capitalism.  Capitalism is an infantile state we ought to outgrow.  It is obviously unsustainable.  



AUTHOR INFO

Jan-Werner Mueller is Associate Professor of Politics at Princeton University and Open Society Fellow, Central European University, Budapest.