WEEKLY SERIES

INTERNATIONAL ECONOMICS

STRATEGIC SPOTLIGHT

GLOBAL FINANCE

ECONOMICS OF DEVELOPMENT

ECONOMIC AND REGULATORY POLICY

ECONOMIC HISTORY

ECONOMIC PERSPECTIVES

PUBLIC INTELLECTUALS

GLOBAL OUTLOOK

REGIONAL EYE

SPECIAL SERIES

PROJECT SYNDICATE

China World

Die Kontrolle des chinesischen Fernsehens

English Spanish Russian French German Chinese Arabic

2004-08-06

Im von den Reportern ohne Grenzen herausgegebenen Bericht zur Lage der Pressefreiheit weltweit 2003 rangiert China auf Platz 161 von 166 Nationen, irgendwo zwischen Iran und Nordkorea. Die chinesische Fernsehkost besteht jedoch, immerhin, nicht mehr aus prüden Melodramen und unbeholfenen Indoktrinationsprogrammen der maoistischen Vergangenheit. Sieht man heutzutage zufällig die heutzutage unbekümmert dargebotenen Programme mit Sex, Krimi, Drogen und Gewalt und die banalen Quizsendungen im chinesischen Fernsehen, könnte man den Eindruck gewinnen, dass die meisten Beschränkungen bei den übertragenen Sendungen aufgehoben wurden.

Konzentriert man sich auf ausdrücklich politische Sendungen, verschwindet dieser Eindruck. Standpunkte, die auch nur im mindesten von der Parteidoktrin abweichen, sucht man im chinesischen Fernsehen immer noch vergeblich. Trotz der oberflächlichen Vielseitigkeit der Programme, hat sich die starre Kontrolle des politischen Diskurses seit den Fünfzigerjahren kaum verändert.

Der bloße Umfang der Programme im chinesischen Fernsehen erschwert es allerdings diese Kontrolle zu wahren. China Central Television (CCTV) allein sendet auf 12 Kanälen (viele davon 24 Stunden täglich) und beschäftigt 300 Mitarbeiter. CCTV obliegt der Kontrolle der Propagandaabteilung und des Ministeriums für Radio, Film und Fernsehen. Unzählige provinzweite und städtische Fernsehsender haben ebenfalls die Auflage einige Programme des CCTV auszustrahlen. Diese Kombination erfordert einen enormem verwaltungstechnischen Aufwand. In Anbetracht der unglaublichen Menge an Programmen, die notwendig ist, um die Sendezeit zu füllen, muss die Überwachung der Inhalte mit einem Höchstmaß an Effizienz umgesetzt werden.

In den Neunzigerjahren entschied die Regierung, sich bei Unterhaltungsprodukten auf eine Strategie des freien Marktes zu verlagern. Dies hat die Zensur vereinfacht, nicht erschwert. Umfangreiche Subventionen für Fernsehsender wurden größtenteils eingestellt und der neue Ansatz des "untergehen oder schwimmen" zwang Fernsehstationen um Werbeeinnahmen zu konkurrieren, was zu Programmen führte, die eine stärkere Anziehungskraft auf die breite Masse ausüben.

Somit gab die Regierung, mit einer Strategie, die sich in anderen Bereichen des kulturellen Umfelds spiegelt, die Kontrolle über den moralischen Aspekt der Fernsehinhalte einfach größtenteils auf. Die Anti-Pornografie-Kampagnen saohuang , die in den Achtzigern und Anfang der Neunziger durchgeführt wurden sind Vergangenheit. Möglicherweise hat die Partei erkannt, dass eine unterhaltene und abgelenkte Bevölkerung weniger dazu neigt, sich über den politischen Kurs zu beschweren, und deshalb gestattet, dass Unterhaltungsprogramme dem westlichen Modell folgen, was den Bedarf an bis ins Kleinste geregelte Zensur verringert.

Das Ergebnis ist eine de facto Trennung zwischen Nachrichten und allem anderen. So können die Behörden Nachrichtenprogramme bequem mit eiserner Hand kontrollieren und die Masse der anderen Programme einem lockereren und weniger arbeitsintensiven Überwachungssystem überlassen. In Anbetracht der hochgradig politisierten Atmosphäre in China, kann Politik natürlich sogar in die harmlosesten Bereiche des Diskurses durchsickern und die vielen Talkshows und Formate mit Publikumsbeteiligung machen ein weniger aufdringliches aber dennoch effektives System der Steuerung von Inhalten erforderlich.

Für mich war die erste Überraschung bei meiner Arbeit als Programmplaner für CCTV, wie minimal dieses System ist. Hierarchische Anweisungen und direkte Zensur sind selten. Einige wenige schriftlichen Vorgaben existieren, in denen verbotene oder sensible Themen umrissen werden. Es gibt keine dauerhaft gültigen Memoranden, die Inhalt diktieren. Es gibt keine Parteifunktionäre, die jeden Schritt des Ablaufs begleiten und fertige Produkte werden so gut wie nie auf Befehl der Partei geschnitten.

Oberflächlich betrachtet scheinen Autoren, Regisseure und Darsteller ihre Shows mit wenig oder ohne Aufsicht oder Überwachung planen und produzieren zu können. Wie aber blockiert ein solches System Anstoß erregende Inhalte?

In erster Linie arbeitet das System größtenteils reaktiv. Die Abteilungsleiter und Aufsichtsräte, die zusammentreffen, um Programme zu beurteilen, diktieren selten den Inhalt, sondern leiten ihre Beschwerden oder Empfehlungen lediglich an die Programmchefs weiter. Die von oben nach unten gegliederte Hierarchie ist autokratisch und willkürlich; Mitarbeiter auf niedrigeren Ebenen können sich kaum einbringen und haben kein Recht Einwände zu erheben. Ernste Verstöße können zu Abmahnungen oder Entlassungen führen.

Das System ist eigentlich größtenteils selbstregulierend geworden. Meiner Erfahrung nach nehmen die Autoren und Produzenten 99% der Zensur selbst vor. Durch sporadische Beschwerden und Warnungen von oben entwickeln sie ein intuitives Gespür für die Grenzen akzeptabler Inhalte und produzieren Sendungen, die von vornherein frei von Anstoß erregendem Material sind. Das Fehlen ausdrücklicher Vorgaben lässt die Inhalte zudem konservativer sein, als sie es sein müssten, denn Produzenten irren sich lieber auf der sicheren Seite.

Vage aber durchdringende Einschüchterung ist der wichtigste Faktor, der die Mitarbeiter des Fernsehens nicht aus der Reihe tanzen lässt. Es gibt aber noch eine andere Kraft, die den Parteiinteressen ebenfalls dienlich ist: die tiefsitzende chinesische kulturelle Unbeweglichkeit, die besonderes Gewicht auf kollektives, gruppenorientiertes Verhalten legt. In einer solchen Atmosphäre ist die Einbeziehung politisch inkorrekter Inhalte nicht nur ein riskantes Vorgehen, sondern verstößt gegen den gesellschaftlichen Anstand. Bei meiner täglichen Arbeit mit chinesischen Fernsehschaffenden bemerkte ich eine unterschwellige, beinahe instinktive Tendenz, jeglichem Inhalt oder Format aus dem Weg zu gehen, dass ungewöhnlich, neuartig oder unorthodox, geschweige denn subversiv ist.

Ausnahmen gibt es, wenn die Partei eine Propagandakampagne startet, so wie die im Zusammenhang mit der Übergabe Hongkongs im Jahr 1997 oder der weniger lange zurückliegende Anti-Falun Gong-Blitzkrieg. In solchen Zeiten werden Direktiven ausgegeben, Programme mit spezifischem ideologischen Inhalt zu produzieren und diese Sendungen - renwu (Pflichten) genannt - werden oberflächlich von Fernsehproduzenten beaufsichtigt. Danach kehrt die eher von unten nach oben geregelte Arbeitsweise wieder ein.

Viele Fernsehproduzenten haben diese Kontrollen so gründlich verinnerlicht, dass sie unbewusst als gegeben hingenommen werden und Zuschauer, die heutzutage von endlosen Kostümfilmen und Seifenopern unterhalten werden, stellen keine lautstarken Forderungen nach freieren politischen Sendungen. Wenn keine dramatischen Veränderungen eintreten, kann man davon ausgehen, dass diese Methode der Informationskontrolle noch weit bis ins 21. Jahrhundert Bestand haben wird.

David Moser hat an der Beijing Foreign Studies University Übersetzung und Linguistik unterrichtet und arbeitet zur Zeit als Berater für Programme und englische Sprache beim CCTV in Beijing.

You might also like to read more from or return to our home page.

Der Nachdruck von auf dieser Website veröffentlichen Materialien ohne schriftliche Einwilligung durch Project Syndicate stellt eine Verletzung internationalen Urheberrechts dar. Um eine entsprechende Nutzungsbewilligung einzuholen, wenden Sie sich bitte an distribution@project-syndicate.org.
English Spanish Russian French German Chinese Arabic

You must be logged in to post or reply to a comment.
Please log in or sign up for a free account.



AUTHOR INFO

David Moser has taught translation and linguistics at the Beijing Foreign Studies University, and is currently a program advisor and English consultant at CCTV in Beijing.