Die Frage, ob sich der Islam mit Modernisierung vereinbaren lässt oder nicht, treibt heutzutage scheinbar jeden um. Bei der Diskussion dieses Themas wird häufig das, was Modernisierung ausmacht, mit Verwestlichung verwechselt. Es ist von entscheidender Bedeutung, den Unterschied zu verstehen.
Indiens Begegnung mit dem Westen in den vergangenen drei Jahrhunderten unterstreicht die Unterschiede zwischen den beiden Entwicklungen - Modernisierung und Verwestlichung -, von denen häufig angenommen wird, dass sie synonym sind. Tatsächlich ist es nicht Verwestlichung, was Modernisierung mit sich bringt, wie das Beispiel des modernen Japan zeigt. Während Modernisierung eine Veränderung der Überzeugung nach sich zieht, wie die materielle Welt funktioniert, bringt Verwestlichung eine Veränderung der kosmologischen Überzeugungen mit sich, über die Art, wie man leben sollte.
Wie China und anders als Japan, hat Indien sich den Veränderungen seiner uralten Überzeugungen widersetzt, wie die Welt funktioniert (und funktionieren sollte), die die Modernisierung mit sich bringt. So, wie viele islamische Länder heute, hat Indien stattdessen fälschlicherweise Ghandis Doktrin geglaubt, dass Modernisierung notwendigerweise Verwestlichung bedeutet. Sporadisch, und unter dem Einfluss des britischen Raj (Herrschaft), wurden während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts des Laisser-faire und Freihandels Teile der Wirtschaft und Gesellschaft modernisiert. Auch einige der traditionell gebildeten Kasten begrüßten die Verwestlichung.
Britische Politik ließ Indien zu einem Vorreiter der Industrialisierung der Dritten Welt werden, mit einer zunehmend auf inländischem Kapital und Unternehmertum kombiniert mit importierter Technologie basierenden Wirtschaft. Doch die Modernisierung geriet ins Stocken, als protektionistischer Druck aus Lancashire und die Dringlichkeiten imperialistischer Finanzen die Briten dazu veranlassten, Freihandel und Laisser-faire aufzugeben. Gleichzeitig beflügelte die Verwestlichung den Aufstieg einer nationalistischen Bewegung.
Die Einführung von Einkommenssteuern und britischen Arbeitsgesetzen Ende des 19. Jahrhunderts führte zu beinahe Hundert Jahren zunehmenden staatlichen Eingreifens in die Wirtschaft, eine Entwicklung, die sich nach der Unabhängigkeit beschleunigte. Indiens Wachstumsaussichten und Hoffnungen, seine uralte Geißel der Massenarmut zu lindern, haben dadurch Schaden genommen. Der Zusammenbruch der Weltwirtschaft in Folge des Ersten Weltkrieges in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, untergrub Indiens beginnende Integration in die Weltwirtschaft während des britischen Raj. Mit Beginn der Wirtschaftsreformen des Jahres 1991, lehnte Indien schließlich die in sich gekehrte Politik endlich ab, und begab sich wieder dahin zurück, wo es Ende des 19. Jahrhunderts aufgehört hatte.
Wir verfügen heute über ein relativ klares quantitatives Bild der Leistung der indischen Wirtschaft während dieses Zeitraums. Während der 130 Jahre von 1868 bis 1999-2000 hat sich das Pro-Kopf-Einkommen mehr als verdreifacht, während das Volkseinkommen mit einem Faktor von acht zunahm und sich die Bevölkerung beinahe verfünffachte. Das lässt darauf schließen, dass die althergebrachte Verbindung von wirtschaftlicher Stagnation mit kultureller Stabilität, die ich das "Hindu-Gleichgewicht" nenne, letzten Endes aufgebrochen wurde. Bei näherer Betrachtung stellt sich jedoch heraus, dass dies größtenteils aufgrund der wirtschaftlichen Leistung der letzten zwanzig Jahre passierte.
In der Zeitspanne von 1868-1900 erfuhr Indien unter dem Raj den Anfang der Industrialisierung und seine teilweise Integration in die Weltwirtschaft. Das Volkseinkommen stagnierte nicht, wie es Nationalhistoriker einst behaupteten, sondern stieg geringfügig mit einer durchschnittlichen Jahresrate von 1,1%. Das zügigste Wachstum gab es von 1870 bis 1890, gefolgt von großen Produktionsschwankungen. Während dieses Zeitraums sorgte eine relativ geringe Bevölkerungszuwachsrate für einen geringfügigen jährlichen Anstieg des Pro-Kopf-Einkommens von etwa 0,7%
In der zweiten Zeitspanne von 1900-1945 erfuhr Indien den Zusammenbruch der Weltwirtschaft und den Beginn seiner Bevölkerungsexplosion. Das Wachstum des Pro-Kopf-Einkommens verlangsamte sich zwischen 1902 und 1930 und ging während der letzten fünfzehn Jahre unter britischer Herrschaft bis 1947 weiter zurück. Nach 1920 war dies ausschließlich auf den Anstieg des Bevölkerungswachstums auf 1,22% pro Jahr zurückzuführen, der das relativ hohe Produktionswachstum während der zehn Jahre bis 1930 hinter sich ließ. Während dieser gesamten, 45 Jahre währenden Zeitspanne, stieg die Produktion um knapp über 1% jährlich - mit der gleichen Rate wie unter dem Raj- doch das jährliche Bevölkerungswachstum schnellte auf 0,8% und verursachte praktisch eine Stagnation des Pro-Kopf-Einkommens.
Die dritte Zeitspanne, 1950-1980, kennzeichnet die Blütezeit wirtschaftlicher Planung. Investitionen in die Infrastruktur - die für den bedrängten britischen Raj schwierig zu finanzieren gewesen waren - boomten plötzlich. Dies, zusammen mit hohen jährlichen Wachstumsraten in der Landwirtschaft, führte zu einem drastischen Produktionsanstieg mit einer durchschnittlichen Jahresrate von 4,5%. Doch die demographische Explosion, die in den 20er Jahren begonnen hatte, hatte die Wachstumsrate der Bevölkerung mittlerweile auf 3% jährlich gesteigert, so dass das jährliche Pro-Kopf-Einkommen nur um 1,5% stieg.
Ein Abschied von dem, was der verstorbene Raj Krishna als "Hindu-Wachstumsrate" betitelte, fand erst innerhalb der vierten Zeitspanne von 1980 bis 1999 statt. Teilweise wirtschaftliche Liberalisierung, durchgeführt von der Regierung Rajiv Gandhi Mitte der 80er Jahre, und die umfangreicheren Wirtschaftsreformen von Narasimha Rao-Manmohan Singh im Jahre 1991, erhöhten das Wachstum des Volkseinkommens auf eine durchschnittliche Jahresrate von 6,8%. Gleichzeitig verlangsamte sich das Bevölkerungswachstum auf durchschnittliche 2,3%, so dass das Pro-Kopf-Einkommen mit einer beeindruckenden Jahresrate von 4,5% stieg, und zum ersten Mal seit Jahrtausenden eine Delle in Indiens struktureller Massenarmut hinterließ.
Wenn Indien das noch unvollendete Werk vollbringen kann, sich jetzt vollständig in die Weltwirtschaft zu integrieren, gibt es keinen Grund, warum es seine jüngste beeindruckende Wachstumsentwicklung nicht verbessern könnte. Wenn es erfolgreich ist, wird Nehrus Versprechen am Tage der Unabhängigkeit Indiens "jede Träne in jedem Auge zu trocknen" endlich eingelöst.
Indiens Wirtschaftsleistung : 1868-2000
Jahr Pro-Kopf-Einkommen
(in Preisen von 1948-49- Rs.) Bevölkerung
(Millionen)
1868 176 209
1900 213 238
1945 244 319
1950 221 359
1980 318 679
1999-00 602 991
Durchschnittliche jährliche Wachstumsraten (Prozent pro Jahr)
1868-200 1868-1900 1900-1945 1950-1980 1980-2000
Pro-Kopf-Einkommen 2.6 0.7 0.3 1.5 4.5
Bevölkerung 3.6 0.4 0.8 3.0 2.3
Volkseinkommen 6.2 1.1 1.1 4.5 6.8


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