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Geist gegen Märkte

MAILAND: In den 66 Jahren seit Ende des Zweiten Weltkrieges sind praktisch alle zentralen Planwirtschaften verschwunden – überwiegend aufgrund von Ineffizienzen und niedrigem Wachstum. Heute charakterisieren fast überall Märkte, Preissignale, Dezentralisierung, Anreize und ertragsgesteuerte Investitionen die Ressourcenzuweisung.

Der Grund hierfür ist nicht, dass die Märkte moralisch überlegen sind, auch wenn sie der Entscheidungsfreiheit bedürfen, um effektiv zu funktionieren. Märkte sind Instrumente, die im Vergleich zu den Alternativen große Stärken im Bereich der Anreize, Effizienz und Innovation aufweisen. Aber sie sind nicht perfekt; in Bezug auf externe Faktoren (die nicht mit einem Preis bewerteten Folgen – wie z.B. Luftverschmutzung – einzelner Handlungen), Informationslücken und -asymmetrien sowie Koordinierungsprobleme im Falle mehrerer Gleichgewichtszustände, von denen einige anderen überlegen sind, bleiben sie hinter den Ansprüchen zurück.

Aber Märkte haben noch grundlegendere Schwächen. Oder, vielmehr, die meisten Gesellschaften verfolgen wichtige wirtschaftliche und soziale Ziele, auf die Märkte und Wettbewerb nicht ausgerichtet sind. In unserer heutigen, sich mit hohem Tempo globalisierenden Welt sind die wichtigsten dieser Ziele – die in vielen Ländern im Rahmen des politischen und Politik gestaltenden Prozesses auf verschiedene Weise Ausdruck finden – Stabilität, Verteilungsgerechtigkeit und Nachhaltigkeit.

Betrachten wir die Stabilität. Wir leben in einer Welt überwiegend dezentralisierter Netze von zunehmender Komplexität: elektronischen Netzwerken, Lieferketten- und Handelsnetzen, Finanznetzen, die die Bilanzen völlig verschiedener Unternehmen verknüpfen. Die Marktanreize bringen Akteure dazu, Teile des Netzes in einer Weise zu betreiben oder zu ändern, die deren Effizienz vor Ort erhöht. Doch die Annahme – häufig ein Glaubengrundsatz –, dass das ganze Netz weiter stabil und belastbar bleibt, lässt sich weder theoretisch noch empirisch belegen. Tatsächlich scheint sie falsch zu sein.

So ist beispielsweise seit einiger Zeit bekannt, dass effiziente Netze häufig nicht besonders belastbar sind, weil belastbare Netze ineffiziente Redundanzen aufweisen. Belastbarkeit ist ein öffentliches Gut, das auf der richtigen Art von Redundanzen beruht.

In einer dezentralisierten Struktur werden Redundanzen im Prozess der lokalen Optimierung tendenziell nicht ausreichend zur Verfügung gestellt. Dies ist der Grund, warum der Tsunami, der im vergangenen Jahr in Japan zuschlug, viele globale Lieferketten unterbrach: Um Erschütterungen widerstehen zu können, waren sie (und sind sie noch immer) zu effizient.

Auf den Finanzmärkten scheint lokale Optimierung zu übermäßiger Fremdkapitalisierung und anderen Formen der Risikoübernahme zu führen, die die Stabilität des Systems untergraben. Es sind noch eine Menge Untersuchungen nötig, um zu begreifen, welche Interventionen oder Einschränkungen in Bezug auf individuelle Entscheidungen nötig sind, um die Stabilität bestimmter Gleichgewichtszustände am Markt zu gewährleisten. Eindeutig jedoch ist, dass die Märkte selbst dies nicht besonders gut tun.

Betrachten wir als Nächstes, wie arbeitssparende technologische Veränderungen und die Integration mehrerer hundert Millionen neuer Arbeitnehmer in die globalen Märkte die Einkommensverteilung, den Bildungsertrag und die Beschäftigungschancen fast überall auf der Welt beeinflusst haben. Insbesondere der Anteil des Volkseinkommens, der an das Kapital und Humankapital (hochgebildete Leute) geht, steigt auf breiter Front, was eine zunehmende Vermögenskonzentration anheizt.

Trotzdem gibt es große Unterschiede bei der Einkommensverteilung in den entwickelten Ländern. In den USA etwa verdienen die obersten 20% durchschnittlich 8,4 Mal mehr als die untersten 20%. In Großbritannien beträgt das Verhältnis 7,2 und in Deutschland nur 4,3 (verglichen mit kolossalen 12,2 in China). Diese Differenzen spiegeln jeweils klar unterschiedliche Kombinationen aus Marktkräften und Gesellschaftsverträgen wider.

Die Einkommensverteilung wird unmittelbar durch Steuern und Fiskalpolitik, die gewöhnlich Umverteilungseffekte haben, sowie durch Sozialleistungen und Sozialversicherungen beeinflusst. Sie wird aber auch durch politische Strategien und Investitionen beeinflusst, die sich auf die Angebotsseite konzentrieren und Kenntnisse und Fertigkeiten hervorbringen, die der Arbeitsnachfrage einer sich mit hohem Tempo herausbildenden globalen Struktur entsprechen (oder nicht entsprechen).

Ein Teil der Herausforderung besteht darin, dass sich die Arbeitsnachfrage auf das Angebot zubewegt und nicht umgekehrt, weil die Arbeitsmobilität in der Weltwirtschaft beschränkt ist. Anzunehmen, dass Niveau und Zusammensetzung der Arbeitsnachfrage konstant sind, wäre genauso falsch, wie bei der Planung öffentlicher Verkehrssysteme die gegenwärtige Fahrgastnachfrage als festen Bezugspunkt anzunehmen. In diesem und anderen Fällen beeinflusst das Angebot mit der Zeit die Nachfrage (Steve Jobs etwa hat dies besser als die meisten verstanden).

Dies ist der Grund, warum es so wichtig ist, beim Versuch der Lösung dieser Art von Abstimmungsproblem über die potenzielle Nachfrage nachzudenken. Wie schon bei der Stabilität kann man sich nicht darauf verlassen, dass die Märkte allein das Problem wirksam bewältigen. Öffentliche Ordnung und Investitionen des öffentlichen Sektors sind ebenfalls wichtig.

Immer mehr Aufmerksamkeit wird – meiner Ansicht nach zu Recht – der Rolle des Staates zuteil, und insbesondere den staatlichen Bilanzen. Erfahrungen sowohl in den Entwicklungsländern als auch den hochentwickelten Ländern legen nahe, dass Staaten mit umfangreichen, gesunden Bilanzen besser aufgestellt sind, mit den heutigen Stabilitäts-, Verteilungs- und Nachhaltigkeitsproblemen fertigzuwerden. Sie sind u.a. besser in der Lage, Erschütterungen zu bewältigen und antizyklisch darauf zu reagieren, und sie können in Zeiten wie diesen, in denen der Anteil der Einnahmen, der an das Kapital geht, steigt (mit negativen Verteilungskonsequenzen), Einnahmen an die Haushalte weiterleiten.

Darüber hinaus müssen Länder in der Lage sein, in Abständen öffentliche Investitionen in Technologien vorzunehmen und aufrechtzuerhalten oder Risiken teilweise zu übernehmen, um sich an die sich wandelnde Wettbewerbslage anzupassen oder auf Erschütterungen zu reagieren. Über staatliche Minderheitsbeteiligungen lassen sich unter Beibehaltung der Vorteile des Wettbewerbs Ressourcen bereitstellen, und sie gewährleisten, dass über die staatlichen Einnahmen ein Teil der Erträge der Öffentlichkeit zugutekommt.

Einiges hiervon widerspricht der orthodoxen Lehre und könnte möglicherweise eine gesunde Debatte provozieren. Ein relativ enger Fokus auf Effizienz und Wachstum mag zumindest in vielen hochentwickelten Ländern in den ersten Jahrzehnten nach dem zweiten Weltkrieg funktioniert haben, als die Verteilungsmuster günstig waren und Instabilität selten. Heute reicht er nicht aus. Stabilitäts-, Gerechtigkeits- und Nachhaltigkeitsprobleme sind inzwischen von zentraler Bedeutung, und möglicherweise müssen wir deshalb die Rolle des Staates gegenüber den Märkten neu überdenken.

Eine Neuausrichtung des politischen Rahmens auf längere Zeithorizonte mit einem ausgewogeneren und stärker zukunftsgerichteten Fokus auf Stabilität und Gerechtigkeit (aber ohne Effizienz und Innovation aus den Augen zu verlieren) scheint unverzichtbar, um die Anforderungen, Hoffnungen und Erwartungen der Menschen überall auf der Welt zu erfüllen. Tatsächlich ist dies der Schlüssel, um die Frage der Nachhaltigkeit anzugehen, mit der ich mich im nächsten Monat befassen werde.

Michael Spence ist Professor für Ökonomie an der Stern School of Business der New York University, Distinguished Visiting Fellow beim Council on Foreign Relations und Senior Fellow der Hoover Institution der Stanford University. Zuletzt ist als Buch von ihm erschienen: The Next Convergence – The Future of Economic Growth in a Multispeed World (www.thenextconvergence.com).

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  1. Commented

    Jacob Geller

    I wonder if what Mr. Spence calls "resilience" is the same as what Nassim Taleb calls "anti-fragility." Mr. Taleb thinks there's a difference, but I guess we won't really know for another 6 months or so.

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