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Der Mörder der Globalisierung

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2006-07-19

Die erste weltweite Welle der wirtschaftlichen Globalisierung, die im neunzehnten Jahrhundert vom Britischen Empire angeführt wurde, endete an einem Sonntagnachmittag 1914 buchstäblich mit einem Knall, als Gavrilo Princip (mit zwei unheimlich gut gezielten Schüssen) den österreichischen Erzherzog Franz Ferdinand und dessen Frau umbrachte. In den darauf folgenden Jahren wurde die Welt Zeuge eines europaweiten Gemetzels, der Instabilität während der 20er Jahre und des Aufstiegs von Faschismus und Kommunismus, der im Zweiten Weltkrieg im Tod von unzähligen Millionen Menschen gipfelte.

Ist auch die derzeitige Globalisierungsära an ihrem Ende angelangt? Wenn ja, so muss sie nicht zwangsläufig mit einer Wiederholung des Blutvergießens aus dem letzten Jahrhundert enden, sondern vielleicht mit ökonomischen Einsparungen, die wirtschaftliche Stagnation bringen und Milliarden von Menschen der bitteren Armut ausliefern.

Verschiedene Kandidaten sind für die Rolle des Mörders der Globalisierung vorgeschlagen worden. Doch ein kaum bemerkter Anwärter, mit jedoch guten Aussichten, hat sich an die Weltwirtschaft herangeschlichen: der wachsende Trend, die Freizügigkeit von Menschen einzuschränken und die reiche Welt „einzuzäunen“. Heutzutage sind wir ständig mit der Bedrohung durch diesen Trend konfrontiert, nehmen ihn jedoch anscheinend als so unbedrohlich wahr, dass wir uns wohl eher an ihn gewöhnen, als ihn aufzuhalten.

Globalisierung bedeutet Freizügigkeit von Kapital, Waren, Technologie, Ideen und, jawohl, Menschen. Jede Globalisierung, die auf die ersten drei oder vier Freiheiten beschränkt ist, die letzte jedoch auslässt, stellt nur eine Teilglobalisierung dar und ist nicht von Dauer. Sobald die Menschen keine Freizügigkeit mehr genießen, hält die Regierungen nicht mehr viel davon ab, den freien Verkehr von Waren oder anderen Produktionsfaktoren einzuschränken. Warum schließlich sollten überbevölkerte Länder mit hoher Arbeitslosigkeit, wenn sie keine Menschen exportieren können, nicht zu höheren Zollschranken greifen, um die vorhandenen Arbeitsplätze zu schützen?

Doch was wird aus den Arbeitslosen, die in ihren Gesellschaften eingesperrt werden? Der Krieg gegen den Terror hat uns die Gefahren gezeigt, die durch die soziale Frustration entstehen können, die häufig die Folge ist.

Trotzdem geht die „Einzäunung“ der reichen Länder in raschem Tempo weiter. Die Vereinigten Staaten planen, eine regelrechte „mexikanische Mauer“ zu bauen, um Arme davon abzuhalten, die Grenze nach Texas oder Kalifornien zu überqueren. Ebenso sterben jedes Jahr Hunderte, wenn nicht Tausende von Afrikanern bei dem Versuch, die Küsten der Festung Europa zu erreichen.

Die Bemühungen, die Migration von Menschen zwischen verschiedenen Ländern einzuschränken, enthüllen die Achillesferse der Globalisierung: die tiefer werdende Kluft zwischen den Durchschnittseinkommen der einzelnen Länder. Anstatt dass das Einkommen in den armen Ländern schneller wüchse als in den reichen (wie man das nach den Grundregeln der Ökonomie erwarten würde), tritt fast immer das Gegenteil ein.

Zwischen 1980 und 2002 betrug das durchschnittliche jährliche Wachstum des Pro-Kopf-Einkommens in der reichen Welt (definiert als die „alten“ OECD-Mitglieder) fast 2 %, verglichen mit lediglich 0,1 % in den 42 rückständigsten Ländern. Tatsächlich liegt das Durchschnittseinkommen in Lateinamerika kaum über dem Niveau von 1980.

Diese riesige Kluft fördert die Migration. Heutzutage wissen die Menschen viel mehr über die Bedingungen in anderen Ländern als früher, und wenn sie ihr Einkommen vervielfachen können, indem sie eine Grenze überqueren, dann werden sie dies versuchen.

Deshalb trennen derzeit die umstrittensten Grenzen Volkswirtschaften, in denen die Einkommensunterschiede zwischen den Menschen auf beiden Seiten am größten sind. Es gibt vier solche globalen Krisenherde: die Grenzen zwischen den USA und Mexiko, Spanien und Marokko, Griechenland (bzw. Italien) und dem südlichen Balkan sowie zwischen Indonesien und Singapur (bzw. Malaysia). Die Spanne der Einkommensunterschiede beläuft sich auf mehr als sieben zu eins im letzteren Fall, auf 4,5 zu eins im Fall von Spanien und Marokko, auf 4,3 zu eins zwischen den USA und Mexiko und auf vier zu eins zwischen Griechenland und Albanien.

Diese Unterschiede waren nicht immer so gewaltig. 1980 betrug das durchschnittliche Einkommen in den USA etwas mehr als dreimal so viel wie in Mexiko, die Lücke zwischen Singapur und Indonesien belief sich auf 5,3 zu eins und der Unterschied zwischen Spanien und Marokko lag bei 3,5 zu eins. Sogar die Kluft zwischen Griechenland und Albanien war mit drei zu eins kleiner als jetzt. Demnach hat sich die Einkommensschere zwischen all diesen aneinander grenzenden Ländern im letzten Vierteljahrhundert merklich geöffnet.

Also ist es kein Wunder, dass sich genau an diesen Orten am häufigsten illegale Einwanderung und Menschenhandel abspielen – Piraten in der Straße von Malakka, Schnellboote zwischen Italien und Albanien und verzweifelte „Menschenfracht“ aus Afrika und Lateinamerika.

Wenn die heutige Globalisierung die Einkommensunterschiede weiter vergrößert, werden die Migrantenströme wachsen. Also werden die reichen Länder reflexartig noch höhere Schranken errichten, um der Menschenflut Einhalt zu gebieten.

Wenn die Globalisierung, die die wohlhabendsten Länder der Welt so sehr bereichert hat, fortgesetzt werden soll, müssen die Regierungen einen Weg finden, die Einkommen gleichmäßiger zu erhöhen. Andernfalls erhöht die derzeitige „Einzäunung“ der reichen Länder das Risiko einer Gegenbewegung gegen den freien Waren- und Kapitalverkehr sowie die Gefahr der politischen Instabilität, die durch den Terrorismus akzentuiert wird. Die globale Umverteilung des Einkommens durch die reichen Länder sollte nicht als ein Akt der Nächstenliebe, sondern als aufgeklärtes Handeln im eigenen Interesse angesehen werden.

Branko Milanovic ist Ökonom bei der Carnegie-Stiftung (Carnegie Endowment for International Peace).

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AUTHOR INFO

Branko Milanovic is an economist with the Carnegie Endowment for International Peace. His most recent book is Worlds Apart: Measuring International and Global Inequality.