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Eine Steuer gegen Ungleichheit

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2005-10-25

Die Wirtschaftsbooms in China und Indien haben dazu beigetragen, die globale Ungleichheit zu verringern. In den letzten beiden Jahrzehnten haben Massen von Indern und Chinesen (relativ gesehen) die Lücke zur reichen Welt geschlossen.

Doch gleichzeitig sind viele der wirklich armen Länder der Welt noch weiter zurückgefallen (besonders in Afrika, wo die Entwicklung oft als katastrophal beschrieben wird), und in den meisten Ländern ist die Ungleichheit gewachsen. In einigen Ländern wurde eine Verschärfung der Ungleichheit verzeichnet: in den Vereinigten Staaten (seit der Regierung Ronald Reagans), in Großbritannien (seit Margaret Thatcher), in Russland während seiner Privatisierung und seit neuestem in China und Indien.

Diese Entwicklungen scheinen die globale Ungleichheit zu erhöhen. Unterm Strich hat es also den Anschein, dass die globale Ungleichheit in den letzten zwei Jahrzehnten relativ stabil geblieben ist.

Sollte irgendetwas dagegen unternommen werden? Viele meinen, dass keine globalen Maßnahmen notwendig seien, um die wirtschaftliche Ungleichheit zu bekämpfen. Sie behaupten, dass es lediglich auf die Verringerung der Armut ankomme. Mit den Worten Anne Kruegers, der stellvertretenden geschäftsführenden Direktorin des IWF: „Die Armen wollen unbedingt ihre materiellen Bedingungen verbessern, ... anstatt auf [der Leiter] der Einkommensverteilung nach oben zu klettern.“

Also, warum sollte man sich Sorgen machen, auch wenn sich die Einkommenskluft zwischen einem durchschnittlichen Amerikaner und einem durchschnittlichen Afrikaner vergrößert? Schließlich, so argumentieren diese Leute, wäre der durchschnittliche Afrikaner ein bisschen weniger arm.

Doch wird dabei davon ausgegangen, dass es nicht darauf ankommt, wie hoch unser Einkommen im Vergleich zum Einkommen anderer ist. Dagegen belegen psychologische Studien ausnahmslos, dass für Menschen nicht nur ihr absolutes Einkommen wichtig ist, sondern auch, wo sie in der sozialen Pyramide stehen und ob ihre Position gerecht ist.

Früher hat ein armer Afrikaner vielleicht zu seinen Landsleuten geschaut und sich über ihren Wohlstand geärgert, jetzt schauen er und seine wohlhabenderen Landsleute zur reichen Welt und ärgern sich über die riesige Einkommenskluft, die sie sehen. Am deutlichsten werden diese Unterschiede da, wo Menschen aus verschiedenen Ländern zusammen arbeiten, z. B. in vielen multinationalen Unternehmen. Unter Umständen wird ein im Ausland lebender Mitarbeiter für dieselbe Arbeit zehnmal besser bezahlt als eine Ortskraft.

Ein Lohnzuschlag, der allein auf der Staatsangehörigkeit beruht, ist irritierend. Doch selbst, wenn die Menschen nicht zusammen arbeiten, haben sie durch die Globalisierung, die die Welt in jedes Wohnzimmer (bzw. jede Hütte) bringt, wesentlich größere Vergleichsmöglichkeiten, was ihre Lebensstandards angeht. Dies untergräbt die relative Sicherheit, in die sich die reiche Welt wie in einen Kokon zurückziehen konnte. Jetzt kann jeder diese Einkommensunterschiede sehen.

Deshalb sind internationale Maßnahmen erforderlich, um sowohl Armut als auch globale Ungleichheit anzugehen. Die weltweite Umverteilung durch Steuern, die von einer internationalen Behörde erhoben würden, mag heute weit hergeholt erscheinen, doch die Logik der Entwicklung, die wir derzeit miterleben – insbesondere die Bewegung weg von den Nationalstaaten als Sitz der Souveränität –, legt nahe, dass sich eine derartige Umverteilung am Ende möglicherweise durchsetzt.

Eine solche Gelegenheit wurde in den frühen 1990er Jahren verpasst. Als Russland vor seiner schlimmsten Krise stand, flossen Hilfsgelder an Jelzins korruptes Regime. Doch diese hätten direkt in bar an die bedürftigsten Russen ausbezahlt werden sollen: an Rentner, deren Einkommen aufgrund von Inflation und Wirtschaftsabschwung eingestürzt waren. Eine internationale Organisation hätte einfach die bestehende Infrastruktur des russischen Staates nutzen können, um Hilfsmittel in bar an etwa 20 Millionen Rentner zu verteilen – Geld, das so wesentlich gezielter ausgegeben worden wäre, als dies durch Aushändigung desselben Betrages an die Regierung der Fall war.

Wenn dies getan worden wäre, hätten die Russen die Hilfsgelder der internationalen Gemeinschaft in bester Erinnerung behalten, anstatt ihr vorzuwerfen, Geld an korrupte Machthaber zu überweisen. Doch derselbe oder ein ähnlicher Ansatz könnte heute in vielen Ländern von Angola bis Simbabwe umgesetzt werden.

Der Ansatz ist einfach und effektiv und beinhaltet drei Schritte: Geld von den Reichen der Welt beschaffen, nicht mit Regierungen verhandeln und Hilfsmittel in bar an die Armen verteilen.

Diejenigen, die dafür sind, die Globalisierung ausschließlich dem privaten Sektor zu überlassen, werden möglicherweise Einwände gegen die Idee haben, einer globalen Behörde das Recht zur Steuererhebung zu verleihen. Doch müssen auch sie feststellen, dass die von ihnen unterstützten Prozesse ihre eigene Position untergraben, indem sie die Wohlstandslücke noch deutlicher hervortreten lassen und die Gerechtigkeit der tatsächlichen globalen Verteilung fragwürdiger machen. Sie werden letztendlich erkennen, dass es in ihrem eigenen Interesse liegt, irgendeine Form der globalen Maßnahmen gegen Armut und Ungleichheit zu unterstützen.

Branko Milanovic ist Ökonom bei der Stiftung Carnegie Endowment for International Peace und bei der Weltbank. Sein jüngstes Buch heißt Worlds Apart: Measuring International and Global Inequality.

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AUTHOR INFO

Branko Milanovic is an economist with the Carnegie Endowment for International Peace. His most recent book is Worlds Apart: Measuring International and Global Inequality.