Anfang dieses Monats feierte Michail Gorbatschow seinen 75. Geburtstag – mit einem Konzert und einer Konferenz seiner Stiftung in Moskau. Leider ist Gorbatschow beim russischen Volk, das ihn für den Verlust der Sowjetmacht verantwortlich macht, nicht beliebt. Aber, wie Gorbatschow jenen antwortet, die ihn beschimpfen: „Denken Sie daran: Ich bin derjenige, der Ihnen das Recht gab, zu schimpfen.“
Als er 1985 an die Macht kam, versuchte Gorbatschow zunächst, das sowjetische Volk zu stärkerer Disziplin anzuhalten, um die wirtschaftliche Stagnation zu überwinden. Als sich das Problem mit Disziplin nicht lösen ließ, führte er die Perestroika („Umgestaltung“) ein. Und als die Bürokraten seine Anordnungen kontinuierlich hintertrieben, setzte er auf Glasnost („offene Diskussion“ oder „Demokratisierung“). Aber als Glasnost es den Menschen erst einmal erlaubte, frei ihre Meinung zu sagen, sagten viele: „Wir wollen raus.“ Im Dezember 1991 war es mit der Sowjetunion vorbei.
Gorbatschows Außenpolitik, die er das „Neue Denken“ nannte, trug außerdem zum Ende des Kalten Krieges bei. Gorbatschow äußerte, dass Sicherheit ein Spiel sei, von dem durch gegenseitige Kooperation alle profitieren könnten. Statt so viele Atomwaffen wie möglich zu bauen, verkündete er eine Doktrin der „Hinlänglichkeit“ und hielt nur eine zum Schutz erforderliche Mindestanzahl vor. Er glaubte außerdem, dass die sowjetische Kontrolle über ihr Reich in Osteuropa zu teuer sei und zu wenig Nutzen böte und betrachtete die Invasion in Afghanistan als kostspieliges Desaster.
Bis zum Sommer 1989 erhielten die Osteuropäer schrittweise mehr Freiheiten. Gorbatschow weigerte sich, den Einsatz von Gewalt zu sanktionieren, um Demonstrationen aufzulösen. Im November fiel die Berliner Mauer.
Einige dieser Ereignisse beruhten von Fehlkalkulationen Gorbatschows. Schließlich wollte er den Kommunismus reformieren, nicht ihn ersetzen. Aber seine Reformen liefen aus dem Ruder und mündeten statt in eine von oben kontrollierte in eine von unten angetriebene Revolution. In seinem Versuch, den Kommunismus zu reparieren, hatte er ein Loch hineingeschlagen, und wie bei einem Dammbruch weitete sich diese Öffnung, als der aufgestaute Druck durch sie entwich, und riss das System auseinander.
Hätte sich das Politbüro der Kommunistischen Partei im Jahre 1985 statt für Gorbatschow für einen der neben ihm zur Auswahl stehenden Hardliner entschieden, so ist andererseits vorstellbar, dass sich die im Niedergang befindliche Sowjetunion vielleicht ein weiteres Jahrzehnt gehalten hätte. Der Zusammenbruch hätte nicht derart rasch erfolgen müssen. Gorbatschows humanitäres Gebastel trug außerordentlich zum Zeitpunkt dieses Niedergangs bei.
Aber es gab auch tiefer gehende Ursachen für den Niedergang der Sowjetunion. Eine davon war die „Soft Power“ (weiche Macht) des liberalen Gedankenguts, dessen Verbreitung durch die Ausweitung transnationaler Kommunikation und Kontakte erleichtert wurde und dem der Vorzeigeeffekt der wirtschaftlichen Erfolge des Westens zu zusätzlicher Attraktivität verhalf. Darüber hinaus begann das enorme sowjetische Verteidigungsbudget, andere Aspekte der sowjetischen Gesellschaft in Mitleidenschaft zu ziehen. Das Gesundheitswesen verfiel und die Sterberate nahm zu (was in keinem anderen Industrieland der Fall war). Letztlich wurde sich sogar das Militär der enormen Belastungen bewusst, die durch die imperiale Überdehnung verursacht wurden.
Die tief greifendsten Gründe für den Zusammenbruch der Sowjetunion waren letztlich der Niedergang der kommunistischen Ideologie und das wirtschaftliche Scheitern, zu denen es auch ohne Gorbatschow gekommen wäre. In der Frühphase des Kalten Krieges hatten der Kommunismus und die Sowjetunion eine beträchtliche Soft Power. Viele Kommunisten waren an führender Stelle am Widerstand gegen den Faschismus in Europa beteiligt gewesen, und viele Menschen glaubten, dem Kommunismus gehöre die Zukunft.
Aber die Soft Power der Sowjetunion wurde durch die Aufdeckung der Verbrechen Stalins im Jahre 1956 und durch die Unterdrückungsmaßnahmen in Ungarn (1956), der Tschechoslowakei (1968) und Polen (1981) ausgehöhlt. Obwohl der Kommunismus der Theorie nach darauf abzielte, ein System der Klassengerechtigkeit zu begründen, erhielten Lenins Erben die Macht im eigenen Lande mittels eines brutalen Sicherheitsapparates aufrecht, der tödliche Säuberungsaktionen, Gulags, eine umfassende Zensur und allgegenwärtige Spitzel umfasste. Unterm Strich wirkten sich diese brutalen Maßnahmen als allgemeiner Vertrauensverlust in Bezug auf das System aus.
Der Niedergang der sowjetischen Wirtschaft andererseits spiegelte die verminderte Fähigkeit der zentralen Planung wider, auf den weltweiten wirtschaftlichen Wandel zu reagieren. Stalin hatte eine Kommandowirtschaft geschaffen, die den Schwerpunkt auf die Schwerindustrie legte und daher äußerst unflexibel war – nur Daumen, aber keine Finger.
Wie der Ökonom Joseph Schumpeter gezeigt hat, ist Kapitalismus „kreative Zerstörung“ – eine Methode, flexibel auf große Wellen technologischen Wandels zu reagieren. Am Ende des 20. Jahrhunderts bestand die wesentliche Veränderung im Rahmen der dritten industriellen Revolution in der wachsenden Bedeutung der Informationen als knappstem Wirtschaftsgut. Das Sowjetsystem war im Umgang mit Informationen besonders unbeholfen: Die Geheimniskrämerei des politischen Systems führte zu einem langsamen und schwerfälligen Informationsfluss.
Die wirtschaftliche Globalisierung führte am Ende des 20. Jahrhunderts überall auf der Welt zu chaotischen Zuständen. Die westlichen Marktwirtschaften jedoch waren imstande, die Arbeitskraft auf den Dienstleistungssektor umzuschichten, ihre Schwerindustrie umzustrukturieren und sich auf Computer umzustellen. Die Sowjetunion konnte nicht Schritt halten.
Tatsächlich gab es, als Gorbatschow 1985 an die Macht kam, in der Sowjetunion 50.000 PCs; in den USA waren es 30 Millionen. Vier Jahre später gab es in der Sowjetunion etwa 400.000 PCs und in den USA 40 Millionen. Laut den Berechnungen eines sowjetischen Ökonomen waren am Ende der 1980er Jahre lediglich 8% der sowjetischen Industrie weltweit konkurrenzfähig. Es ist schwierig für ein Land, Supermacht zu bleiben, wenn die Welt 92% dessen, was es herstellt, nicht haben will.
Die Lektionen hieraus für unsere heutige Welt sind klar. Während militärische Macht weiter wichtig bleibt, ist es – für jedes Land – ein Fehler, wirtschaftliche Macht und Soft Power unterzubewerten. Aber es ist auch ein Fehler, die Bedeutung politischer Führer mit humanitären Werten gering zu schätzen. Die Sowjetunion mochte zum Untergang verdammt gewesen sein, aber die Welt verdankt es Gorbatschow, dass das Reich, das ihm unterstand, ohne blutigen Flächenbrand zu Ende ging.


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