Wednesday, October 22, 2014
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Haushaltsdisziplin und Bildungsqualität

ANKARA – Die Welt ist auf dem Weg in ein postindustrielles Zeitalter, in dem die Produktion immer komplexer wird und ein globaler Wettbewerb herrscht. Um erfolgreich zu sein, brauchen Länder zunehmend eine hochkompetente und gebildete Erwerbsbevölkerung. Daher ist es für Entwicklungsländer und entwickelte Länder gleichermaßen inzwischen eine dringende Priorität, das in weiterführenden Schulen vermittelte Fertigkeitsniveau zu steigern.

Die Frage der Bildung ist für mich keine rein akademische Angelegenheit. Meine Eltern hatten neun Kinder. Sie waren Analphabeten, und keine meiner Schwestern besuchte mehr als die Grundschule. In der nächsten Generation meiner Familie jedoch haben alle meine Nichten und Neffen einen Schulabschluss, und die meisten waren auf der Universität.

Die Verbesserung des Bildungssystems eines Landes mit mehr als 16 Millionen Grund- und Sekundarschülern – mehr als in 20 Mitgliedstaaten der Europäischen Union zusammen – bringt beträchtliche finanzielle Herausforderungen mit sich. Daher ist der erste Schritt, eine solide gesamtwirtschaftliche Grundlage für Reformen zu schaffen.

Viele Jahre lang zwangen hohe Staatsverschuldung und makroökonomisches Missmanagement die Türkei, an den internationalen Finanzmärkten einen hohen Zinsaufschlag zu zahlen – Geld, das man ansonsten in Schulen hätte investieren können. Seit ihrer Amtsübernahme im Jahr 2003 jedoch hat die Regierung von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan das Haushaltsdefizit als Anteil vom BIP um fast zehn Prozentpunkte reduziert – von 10,8% im Jahr 2002 auf 1% im Jahr 2013 – und die staatliche Schuldenquote von 74% im Jahr 2002 auf 36,3% im Jahr 2013 gesenkt. Infolgedessen sind die staatlichen Zinszahlungen als Anteil des Steueraufkommens während dieses Zeitraums von 85,7% auf 15,3% gesunken.

Diese Haushaltsverbesserungen haben das Geld für beträchtliche Investitionen in die Bildung freigesetzt, ohne die Staatsverschuldung zu erhöhen. Von 2002 bis 2014 hat die Türkei den Anteil der Bildungsausgaben am Gesamthaushalt auf 18% verdoppelt, ohne die Haushaltslage zu verschlechtern. Dieses zusätzliche Geld hat es der Regierung erlaubt, seit 2003 rund 410.000 zusätzliche Lehrer einzustellen, 205.000 neue Klassenräume zu bauen und 1,8 Milliarden kostenlose Schulbücher zu verteilen.

Doch um mit den wirtschaftlichen Kraftzentren der Welt wie China zu konkurrieren, müssen wir zugleich die Gesamtqualität unserer Arbeitskräfte verbessern. Vom Schuljahr 2002/03 bis zum Schuljahr 2012/13 sind die Brutto-Einschulungsraten (die auch diejenigen Schüler umfassen, die aus der offiziellen Altersgruppe herausfallen, weil sie älter oder jünger sind) für die Grundschule von 96,5% auf 107,6%, für die weiterführenden Schulen von 80,8% auf 96,8% und für den Hochschulbereich von 35,8% auf 92,1% gestiegen.

Auch die Schülerzahl pro Lehrkraft ist gesunken. Im Schuljahr 2002/03 kamen in der Grundschule 28 Schüler auf einen Lehrer und in den weiterführenden Schulen 18; im Jahr 2012-13 waren diese Zahlen auf 20 bzw. 16 gefallen. Und 2012 hat die Türkei die Schulpflicht auf 12 Jahre verlängert. Dies ist eine wichtige Reform angesichts der Tatsache, dass die durchschnittliche Beschulungsdauer der über 25-jährigen in der Türkei bei nur 6,5 Jahren liegt, verglichen mit einem OECD-Durchschnitt von mehr als 11 Jahren.

Zudem hat die Regierung die Bildungschancen verbessert. Im Rahmen des FATIH-Projekts zur Unterstützung unterprivilegierter Schülerinnen und Schüler hat die Türkei 2014 1,4 Milliarden Lira (665 Millionen Dollar) bereitgestellt, um ihre Schulen mit Breitbandinternet und neuester Informationstechnologie auszustatten. Andere Initiativen wie „Baba Beni Okula Gönder“ (Papa, bitte schick mich zur Schule) und „Haydi Kızlar Okula“ (Mädchen, lasst uns zur Schule geh’n) haben das Geschlechterverhältnis von 91,1 Mädchen pro 100 Jungen im Jahr 2002 auf 101,8 Mädchen pro 100 Jungen im Jahr 2012 verbessert. Dies dürfte die Beteiligung der Frauen am Arbeitsmarkt in der Türkei verbessern, die im Durchschnitt bei rund 30% liegt, für Universitätsabsolventinnen jedoch bei 72%.

Angesichts der geografischen Größe der Türkei (sie ist doppelt so groß wie Deutschland bei annähernd gleicher Bevölkerungszahl) war es eine Herausforderung, dafür zu sorgen, dass alle Schülerinnen und Schüler unabhängig von ihrem Wohnort oder sozioökonomischen Hintergrund eine gute Bildung erhalten. Aber einer der bemerkenswertesten Erfolge der Türkei seit 2003 war es, die nicht hinnehmbare Verknüpfung zwischen der häuslichen Situation eines Kindes und seinen Aussichten auf schulischen Erfolg zu durchbrechen.

Man betrachte etwa, dass 2003 die Testwerte von 28% der türkischen Schülerinnen und Schüler durch ihre sozioökonomische Stellung erklärt werden konnten – anders ausgedrückt, je ärmer das Kind, desto niedriger seine PISA-Werte. Dies entsprach dem OECD-Durchschnitt. Doch im OECD-Bericht 2012 wird festgestellt, dass nur 15% der niedrigen Testwerte türkischer Schulkinder durch ihre sozioökonomische Stellung erklärt werden konnten – ein Ergebnis, das über dem OECD-Durchschnitt lag.

Die Türkei ist zudem dabei, die Kluft gegenüber den OECD-Ländern in Bezug auf die Bildungsqualität zu verringern. Im Jahr 2006 erzielte die Türkei durchschnittlich 76 Punkte weniger bei naturwissenschaftlichen Tests als der OECD-Durchschnitt und 74 Punkte weniger in Mathematik. Im Jahr 2012 waren diese Werte in den Naturwissenschaften auf 38 Punkte und in Mathematik auf 46 Punkte gesunken.

Angesichts dieser Leistungen ist es möglicherweise kein Zufall, dass die Arbeitslosenquote bei den Jugendlichen ebenfalls gesunken ist, und zwar von 25,3% im Jahr 2009 auf 17,3% im Januar 2014. Das ist weniger als der EU-Durchschnitt von 22,8%. Die Verbesserung der Bildung und die Steigerung des Wirtschaftswachstums gehen eindeutig Hand in Hand.

Natürlich müssen wir noch mehr tun, um das Potenzial der Türkei im Bereich der menschlichen Entwicklung zu realisieren. Doch das vergangene Jahrzehnt der Bildungsreformen und ihrer nutzbringenden wirtschaftlichen Auswirkungen zeigen, dass die Grundlagen für ein hohes, nachhaltiges und alle Teile der Gesellschaft umfassendes Wachstum gelegt sind.

Aus dem Englischen von Jan Doolan

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