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Ein nachhaltiges Gift

Norman Manea

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2008-11-20

NEW YORK – Im nächsten Jahr jährt sich der Zusammenbruch des Kommunismus in Europa zum zwanzigsten Mal. Die von der Komplexität des zu viel Wissens über die grausame Vergangenheit befreite Jugend der postkommunistischen Generation Osteuropas scheint sich nicht dafür zu interessieren, was ihre Eltern und Großeltern durchgemacht haben.

Dennoch ist die jüngste Enthüllung über die angebliche Mittäterschaft des tschechischen Schriftstellers Milan Kundera im Hinblick auf den Stalinismus lediglich die letzte Neuigkeit von der langen Halbwertzeit einer giftigen Vergangenheit. Es fallen einem andere Beispiel ein: die Anschuldigungen gegen Lech Walesa, mit der Geheimpolizei zusammengearbeitet zu haben; Rumäniens öffentliche Kontroversen um Mircea Eiades faschistische Vergangenheit; und die Angriffe gegen das angebliche „jüdische Leidensmonopol“, die den Holocaust mit dem sowjetischen Gulag gleichsetzen.

Friedrich Nietzsche hat einmal gesagt, dass man, wenn man dem Teufel zu lange ins Auge blickt, Gefahr läuft, selber zum Teufel zu werden. Ein bolschewistischer Antikommunismus, der in seinem Dogmatismus dem Kommunismus selbst ähnelt, ist in Teilen Osteuropas immer wieder ausgeufert. In einem Land nach dem anderen wurde diese manichäische Denkweise mit ihren Vereinfachungen und Manipulationen lediglich etwas umgeformt, um den neuen Machthabern zu dienen.

Selbstverständlich war daran auch der Opportunismus beteiligt. Als die Rote Armee 1945 Rumänien besetzte, hatte die Kommunistische Partei lediglich 1000 Mitglieder; 1989 hatte sie fast vier Millionen. Einen Tag nach Nicolae Ceausescus Hinrichtung wurden die meisten dieser Leute plötzlich zu wütenden Antikommunisten und Opfern des Systems, dem sie seit Jahrzehnten gedient hatten.

Zurückbleibende Spuren des totalitären Denkens kann man auch in der Feindseligkeit ausmachen, die ehemaligen Dissidenten wie Adam Michnik oder Václav Havel entgegenschlägt, die beide argumentierten, dass die neuen Demokratien die Ressentiments nicht ausnutzen oder Rache üben sollten, wie einst der totalitäre Staat, sondern stattdessen zu einer neuen nationalen Übereinkunft kommen sollten, um eine echte Zivilgesellschaft zu bilden und zu ermächtigen. Die ehemaligen Generäle der Geheimpolizei und Mitglieder der kommunistischen Nomenklatura, die in ihren komfortablen Villen und an ihren Rückzugsorten unerreichbar sind, müssen großes Vergnügen daraus ziehen, die heutigen Hexenjagden und die Manipulation alter Akten für unmittelbare politische Zwecke zu beobachten.

Doch scheint der Fall Kunderas anders zu sein – wenn auch nicht weniger irritierend. 1950 zeigte Kundera, damals ein 20-jähriger Kommunist, Berichten zufolge einen Mann, den er nie getroffen hatte, einen Freund der Freundin seines Freundes, bei der Kriminalpolizei als Spion aus dem Westen an. Der Mann wurde später brutal in einer ehemaligen Gestapo-Foltereinrichtung verhört und verbrachte 14 Jahre im Gefängnis. Kunderas Name stand im Bericht des Ermittlungsbeamten, dessen Echtheit bestätigt wurde, nachdem ihn ein angesehener Historiker in einem staubigen Prager Archiv entdeckt hatte.

Der öffentlichkeitsscheue Kundera, der 1975 nach Paris auswanderte, hat erklärt, „es sei nichts geschehen.“ Zudem hat die grausame Geheimpolizei der Tschechoslowakei, die ein großes Interesse daran hatte, den berühmten, regimekritischen Schriftsteller zum Schweigen zu bringen oder bloßzustellen, den Vorfall nie dazu benutzt, ihn zu erpressen oder an die Öffentlichkeit preiszugeben. Bis weitere Informationen verfügbar sind, sowohl von Kundera als auch von den Behörden, wird der Fall nicht „ohne berechtigte Zweifel“ lösbar sein. Doch wenn etwas geschehen ist, macht dieser Fall tiefere Überlegungen notwendig.

Soweit wir wissen, war Kundera vor oder nach diesem Vorfall nie ein Informant, und wir können nicht unbeachtet lassen, dass er sich später selbst vom obligatorischen totalitären Glück befreite, welches der Kommunismus propagierte. In der Tat erinnert sein Fall auch daran, dass die frühen 50er Jahre die brutalste Periode der „Diktatur des Proletariats“ in Osteuropa waren – eine Zeit der großen Begeisterung und der furchtbaren Angst, welche die Köpfe und Seelen der treuen Gläubigen, heftigen Gegner und teilnahmslosen Zuschauer gleichermaßen vergifteten.

Zudem ist Kunderas Fall kaum einmalig. 2006 eröffnete der deutsche Autor und Nobelpreisträger Günter Grass, dass er 60 Jahre zuvor als Jugendlicher Mitglied der Waffen-SS war. Ebenso war die Welt schockiert, als sie wenige Jahre davor erführ, dass der berühmte italienische Schriftsteller Ignazio Silone in seiner Jugend mit der faschistischen Polizei kollaboriert hatte. Der Alltag unter dem Totalitarismus, ob kommunistisch oder faschistisch, beruhte generell auf einer tiefen Duplizität, deren Auswirkungen noch lange spürbar sind.

Ich stimme nicht mit denjenigen überein, die der Meinung sind, wir sollten uns nicht für die dunklen Episoden im Leben eines großen Schriftstellers interessieren. Warum nicht? Wir sollten uns nicht zum Zweck der Verfolgung dafür interessieren, sondern um ein tieferes Verständnis für eine blutige, demagogische und tyrannische Utopie zu erlangen – und für menschliche Schwäche und Verwundbarkeit. Wir könnten es sogar als lohnenden Beweis für die Fähigkeiten eines Künstlers ansehen, wenn er seine vergangenen Fehler überwindet und weiterhin unschätzbare Werke schafft.

Aber ist es gerechtfertigt, moralisch kompromittierte Künstler und Intellektuelle aufgrund der Meriten ihrer Arbeit zu verteidigen, dagegen aber einfache Menschen für häufig weniger schwerwiegende Taten zu verurteilen? Ein unerhörtes Beispiel hierfür war, wie die Anhänger des rumänischen Philosophen Constantin Noica seine Unterstützung für die faschistische Eiserne Garde und seine spätere Kollaboration mit den Kommunisten verteidigten, während sie gleichzeitig selbst eine gewöhnliche Putzfrau dafür verurteilten, die Böden in den Büros der Geheimpolizei geschrubbt zu haben. Sollte nicht die Schufterei der Putzfrau, um ihre Familie, Kinder und sich selbst zu ernähren, ebenso in Betracht gezogen werden?

Das Leben unter dem Totalitarismus war eine extreme Situation, die von uns verlangt, dass wir besondere, differenzierte Regeln auf alle Gefangenen dieses Martyriums anwenden. Um diese Epoche zu verstehen, müssen wir die häufig unklaren und unermesslichen Umstände kennen und sorgfältig einschätzen, wobei wir niemals eine vielschichtige tägliche Realität im Namen aktueller politischer Ziele vereinfachen dürfen. Zumindest müssen wir, um zu vergeben, wissen, was wir vergeben.

In Osteuropa können heute Alt und Jung gleichermaßen von dieser Lektion profitieren. Moses zog 40 Jahre lang mit seinem Volk durch die Wüste, bis es sich selbst von der schädlichen Sklavenmentalität befreit hatte.

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viccheng 03:20 06 Jun 09

To reconcil, we have to understand that we are human not angels. We can never deny the past. To admit we are human and dark spisodes does not bother the greatness of those who made progress to the humanity.


Gordon 06:51 30 Dec 09

"To admit we are human and dark spisodes does not bother the greatness of those who made progress to the humanity."

 

 - Viccheng, I think 'does not bother' is an overstatement.  I agree with the author that these dark episodes should be taken into account.  My own sins are paltry in comparison and my voice is not widely heard, yet even I examine my own life and reproach myself for any hypocrisies.  That is only sane and proper.  



AUTHOR INFO

Norman Manea is a Romanian novelist and essayist. He was recently awarded the Legion d’Honeur by France. His new novel is Vizuina (The Bunker).