Wissenschaftliche Neuerungen sind die wesentliche Grundlage wirtschaftlichen Fortschritts, und doch scheinen viele Nationen häufig darauf zu hoffen, auf den Zug von Entdeckungen, die in wissenschaftlich fortschrittlicheren Ländern gemacht wurden, aufspringen zu können. Dies mag in einer Frühphase der Entwicklung die praktischste und wirtschaftlichste Strategie sein; um jedoch die fortgeschrittenen Stufen wirtschaftlichen Wachstums zu erreichen, ist wissenschaftliche Forschung im eigenen Lande unverzichtbar.
Alle Regierungen versuchen, wissenschaftliche Forschung über die wissenschaftliche Ausbildung zu fördern. Aber die Ausbildung allein ist hier nur von begrenztem Nutzen. Schließlich ist auch die Wissenschaft eine Form des Unternehmertums: Sie erfordert eine weit entwickelte Organisation von Ressourcen und Arbeitskräften, Mut zum Abenteuer und die Bereitschaft, Risiken einzugehen, um möglicherweise große Belohnungen zu erwerben.
Normalerweise wird unternehmerischer Pioniergeist durch den Markt belohnt. Bestünde ein entsprechender Markt für die Wissenschaften, würden Wissenschaftler Firmen gründen, so wie Unternehmen dies tun, und die besten von ihnen würden Erfolg haben, die übrigen scheitern. Das Problem ist, dass die wissenschaftliche Grundlagenforschung überwiegend ein öffentliches Gut ist, das denen, die es verwenden, nicht vorenthalten werden kann, und das auf nicht vorhersagbare Weise Eingang in das Korpus wissenschaftlichen Know-hows findet.
Wenn es jedoch keinen Markt gibt, der wissenschaftliche Leistungen unvoreingenommen bewertet und belohnt, wie kann man dann gute wissenschaftliche Projekte auswählen und belohnen ohne jene weit reichende Verschwendung, die nicht marktbestimmte, bürokratische Lösungen für Probleme der Bereitstellung öffentlicher Güter so häufig kennzeichnet?
Es besteht die Gefahr, dass das wissenschaftliche Establishment zu Lehnsherrschaften degeneriert, die von den die wichtigen staatlich geförderten Labors und Fachbereiche der Universitäten dominierenden wissenschaftlichen Großkopfeten beherrscht werden. Tatsächlich können Wissenschaftler in einer Reihe von Ländern - darunter auch solchen mit früheren wissenschaftlichen Lorbeeren - eine solche Malaise bereits heute an ihren eigenen Instituten feststellen. Der Preis, den diese Länder hierfür zahlen, ist eine zunehmend sklerotische und langsam wachsende Wirtschaft.
Es gibt keinen perfekten Ersatz für den Markt im Bereich der wissenschaftlichen Forschung, aber ein guter Behelf, der Wissenschaftler in die Lage versetzt, wirksam miteinander zu konkurrieren, ist das System des Peer Reviews , d.h., der anonymen Bewertung von Forschungsergebnissen durch Kollegen aus den Wissenschaften. Führende Wissenschaftler, durch Anonymität geschützt, sind in der Regel in der Lage, Originalität zu erkennen und zu beurteilen, welche wissenschaftlichen Ideen echten Wert haben.
Der Peer Review entwickelte sich aus den ersten beiden wissenschaftlichen Zeitschriften, dem Journal des Sçavans in Frankreich und den Philosophical Transactions of the Royal Society in England, die beide im Jahre 1665 gegründet wurden. Diese Zeitschriften warfen ein weites Netz nach der besten Forschung aus und verließen sich auf führende Experten, um die ihnen vorgelegten Ideen zu bewerten. Die von ihnen ausgehende Unterstützung wissenschaftlicher Forschung blieb jedoch auf die Veröffentlichung der Ergebnisse beschränkt.
In den 1940er Jahren sprach sich Vannevar Bush, Dekan am Massachusetts Institute of Technology und wissenschaftlicher Berater von Präsident Roosevelt, für die Schaffung einer staatlichen Agentur aus, die den Einfluss des Peer Reviews drastisch erweitern sollte, indem sie ihn zur Grundlage für die Zuweisung umfangreicher Fördermittel für Forschungsprojekte machte.
In seinem 1945 erschienenen Buch Science, the Endless Frontier argumentierte Bush, dass Grundlagenforschung erheblicher und kontinuierlicher finanzieller Unterstützung bedürfe, dass entsprechende Fördermittel potenziell allen Forschern offenstehen sollten und dass über Art und Empfänger der Förderung letztlich auf der Grundlage von Peer Reviews zu entscheiden sei. Diejenigen, die über die Vergabe entschieden, so seine Argumentation, sollten bei ihren Entscheidungen ausschließlich die neuen Forschungsideen berücksichtigen und nicht die Organisationsstruktur von Forschungsinstituten. Sein Buch führte im Jahre 1950 zur Bildung der National Science Foundation (NSF) der USA, die eine grundlegende Rolle für den wissenschaftlichen Erfolg Amerikas spielt.
Der Einsatz anonymer Peer Reviews bei der Beurteilung von Forschungsvorschlägen und der Zuweisung von Fördermitteln für die wissenschaftliche Forschung gewinnt weltweit zunehmend an Anerkennung. Die meisten größeren Länder verfügen heutzutage über Agenturen irgendeiner Form, die allgemeine Ausschreibungen für Forschungsprojekte durchführen und Peer Reviews einsetzen, um deren Förderwürdigkeit zu bewerten.
Noch immer jedoch gibt es Probleme dabei, das ordnungsgemäße Funktionieren neu eingerichteter Peer-Review-Systeme zu gewährleisten. Für kleinere Länder kann es schwierig sein, die erforderliche Anonymität zu gewährleisten, da die Anzahl qualifizierter Wissenschaftler innerhalb eines bestimmten Feldes so klein sein kann, dass Forscher problemlos erraten können, wer welche Vorschläge bewertet. Einflussreiche Personen können sich in solchen Fällen für negative Bewertungen ihrer wenig versprechenden Forschungsideen rächen.
Dies ist ein wichtiger Grund, warum der vorgeschlagene Europäische Forschungsrat eine gute Idee ist. Nach dem Modell der NSF konzipiert, würde er die wissenschaftlichen Stiftungen der einzelnen europäischen Länder ergänzen und eine deutlich größere Forschungsorganisation schaffen - eine, die aus einem größeren Pool von Projekten auswählen könnte.
Die Größe des Marktes ist nicht das einzige Problem beim Peer Review. Länder, deren Universitäten politisiert sind, oder Universitäten, wo Präsidenten mit einflussreichen Beziehungen zu Kräften außerhalb des akademischen Betriebs das Forschungsgeschehen lenken, haben Schwierigkeiten damit, ihre besten Forscher finanziell zu fördern. Entsprechendes gilt in Systemen mit ausgeprägtem bürokratischen Anspruchsdenken.
Japan beispielsweise ist ein Land, wo das wissenschaftliche Establishment nur unzureichend reformiert wurde. Früher entschieden hier staatliche Bürokraten über die Ausrichtung der industriellen Forschung, diese Bemühungen wurden seit dem Zusammenbruch des Aktienmarktes weitgehend aufgegeben. Inzwischen hat der Staat die Fördermittel für die Grundlagenforschung erhöht und an den Universitäten „Centers of Excellence" geschaffen. Er hat es jedoch versäumt, das Koza -System abzuschaffen, innerhalb dessen häufig einflussreiche Senior-Professoren die Forschungsabteilungen beherrschen.
Größere Fortschritte sind in Deutschland erkennbar, wo Bundeskanzler Gerhard Schröder - trotz öffentlichen Widerstandes gegen ein System von Eliteuniversitäten nach dem Vorbild der USA - im vergangenen Jahr die Universitäten aufrief, verstärkt miteinander in Wettbewerb zu treten. Ähnliche Veränderungen sind in anderen Ländern zu erwarten, je stärker sich die Einsicht in die Bedeutung eines wissenschaftlichen Wettbewerbs und Unternehmertums durchsetzt.
Eine Politik, die es den Wissenschaftlern gestattet, miteinander um Ressourcen zu konkurrieren, fördert den kreativen Wettbewerb und ermöglicht die Einrichtung angemessener Anreize und Risiko-Management-Strukturen. Sie ist Teil eines weltweiten Trends, in dessen Rahmen natürliche und kulturspezifische Hemmnisse für einen wettbewerbsstarken, finanziell fortschrittlichen Markt für wissenschaftliche Forschung allmählich ausgeräumt werden. Es kann keinen freien Markt für Grundlagenforschung im strikten Sinne des Wortes geben. Aber die Vorteile des Marktes können und sollten auf anderem Wege verfolgt werden.


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