LONDON – Während sich die Welt von der großen Rezession erholt, ist es immer schwieriger geworden zu erkennen, in welche Richtung sich die Dinge wirklich entwickeln. Einerseits messen wir die Erholung an unserem Erfolg, erneut ein Wachstums-, Produktions- und Beschäftigungsniveau zu erreichen, das der Zeit vor der Rezession gleichkommt. Andererseits gibt es ein beunruhigendes Gefühl, dass langsameres Wachstum und höhere Arbeitslosigkeit vielleicht die „neue Normalität“ von heute sein könnten.
Deshalb besteht die Herausforderung nunmehr darin, politische Maßnahmen zu formulieren, die Beschäftigung für alle gewährleisten, die diese wünschen, in Volkswirtschaften, die dazu − so wie sie gegenwärtig organisiert sind − vielleicht nicht in der Lage sind. Diese Problematik ist in Industrieländern wesentlich akuter als in Entwicklungsländern, auch wenn wechselseitige Abhängigkeiten das Thema bis zu einem gewissen Grad zu einem gemeinsamen Problem werden lassen.
Es gibt zwei Aspekte bei diesem Problem. Man würde erwarten, dass die Wachstumsraten von Ländern nachlassen, während diese wohlhabender werden. Früher wurde Wachstum von Kapitalmangel beflügelt: Kapitalanlagen brachten eine hohe Rendite und so entwickelte sich ein positiver Kreislauf aus Sparen und Investition.
Heutzutage ist Kapital im Überfluss in der entwickelten Welt vorhanden; die Sparquote geht zurück, während die Leute mehr konsumieren und die Produktion verlagert sich zunehmend auf Dienstleistungen; ein Bereich mit begrenzten Möglichkeiten der Produktivitätssteigerung. Also lässt das Wirtschaftswachstum – der Anstieg der Realeinkommen – nach. Das war schon vor der großen Rezession der Fall, deshalb ist es erst recht schwierig geworden, Vollzeitarbeitsplätze zu schaffen, die angemessen entlohnt werden. Daraus folgt die Zunahme geringfügiger, nicht kontinuierlicher Teilzeitbeschäftigung.
Der andere Aspekt des Problems ist die langfristige Zunahme der Arbeitslosigkeit durch den technologiegetriebenen Umbau der Arbeitswelt, die weitgehend auf Automatisierung zurückzuführen ist. Einerseits ist das ein Zeichen für wirtschaftlichen Fortschritt: Die Leistung jeder Arbeitseinheit steigt stetig. Es bedeutet aber auch, dass weniger Arbeitseinheiten benötigt werden, um die gleiche Warenmenge zu produzieren.
Die Lösung des Marktes besteht darin, freigesetzte Arbeitskräfte im Dienstleistungssektor zu beschäftigen, aber viele der Branchen im Bereich der Dienstleistungen sind ein Sammelbecken für aussichtslose Tätigkeiten, die keine Möglichkeiten der Weiterentwicklung bieten.
Immigration verschärft die beiden Aspekte des Problems. Ein Großteil der Migration ist unbeständig, insbesondere innerhalb der Europäischen Union – heute hier, morgen fort – und nicht mit den Kosten verbunden, die bei Vollzeiteinstellungen anfallen. Das ist zwar für Arbeitgeber attraktiv, aber es handelt sich um Tätigkeiten mit geringer Produktivität und der Mehrheit der Erwerbsbevölkerung eines Landes wird es zunehmend erschwert, dauerhafte Beschäftigungsverhältnisse zu finden.
Sind wir demzufolge zu einer wirtschaftlichen Erholung ohne Beschäftigungszuwachs verurteilt? Werden Arbeitsplätze in Zukunft so rar sein, dass viele Arbeitskräfte einen Hungerlohn akzeptieren müssen, um überhaupt eine Anstellung zu finden, und werden sie zunehmend auf Transferleistungen angewiesen sein, während markträumende Löhne unter das Existenzniveau sinken? Oder sollten westliche Gesellschaften auf eine weitere Runde technologischer Zauberei wie die Internet-Revolution hoffen, die eine neue Welle der Arbeitsplatzbeschaffung hervorbringen und für Wohlstand sorgen wird?
Es wäre dumm, die letzte Möglichkeit von vornherein auszuschließen. Kapitalismus hat die Gabe, sich neu zu erfinden. Er hat all seine Herausforderer verabschiedet und neue sind nicht in Sicht. Außerdem kann niemand die Entdeckung neuen Wissens vorhersagen; wenn man das könnte, wäre es bereits entdeckt worden. Es gibt allerdings auch eine beunruhigendere Möglichkeit: Wenn wir weiter so verschwenderisch wie bisher sind und die natürlichen Ressourcen knapp werden lassen, werden wir eine neue Welle technologischer Innovationen nötig haben, ohne Rücksicht auf die Kosten, um uns vor der Katastrophe zu bewahren.
Doch lassen wir diese düsteren Aussichten beiseite und denken darüber nach, wie eine zivilisierte Lösung für das Problem technologiegetriebener Arbeitsplatzverluste aussehen könnte. Die Antwort ist sicherlich in der Umverteilung von Arbeit zu finden. Dem angloamerikanischen Ökonomen ist ein derartiger Vorschlag ein Gräuel, weil er nach dem gefürchteten Trugschluss der „Lump-of-Labor-Fallacy“ riecht – der einst in Gewerkschaftskreisen populären Vorstellung, dass nur eine bestimmte Arbeitsmenge gegeben ist, die gerecht verteilt werden sollte.
Das ist natürlich ein Trugschluss, wenn Ressourcen knapp sind, aber selbst Ökonomen haben nie gedacht, dass das Wachstum ewig weitergehen würde. Die Begründer dieser Disziplin haben erwartet, dass die Menschheit irgendwann in der Zukunft einen „stationären Zustand“ des Nullwachstums erreichen würde. Dann würden wir nur eine bestimmte Menge an Arbeit benötigen – weitaus weniger als wir heute leisten –, um alle angemessenen Bedürfnisse zu erfüllen. Sodann müsste man sich zwischen uneingeschränkter technologiegetriebener Arbeitslosigkeit und der Verteilung der Arbeit entscheiden, die getan werden muss.
Nur ein Workaholic würde die erste Lösung vorziehen. Leider wird die Politik in den Vereinigten Staaten und Großbritannien offenbar von solchen Leuten gemacht. Viele andere europäische Länder wählen die zweite Lösung. In Holland und Dänemark werden
ganz unterschiedliche gestaltete Programme zur Arbeitsumverteilung zur Norm und in Frankreich und Deutschland sind sie auf dem Vormarsch.
Das Schlüsselelement bei einem solchen Ansatz ist die Trennung der Arbeit vom Einkommen. Ein dänisches Gesetz aus dem Jahr 1993 erkennt das Recht an, nicht kontinuierlich zu arbeiten und gewährt zugleich das Recht auf ein kontinuierliches Einkommen. Arbeitnehmer haben alle vier oder sieben Jahre die Möglichkeit, sich für ein „Sabbatjahr“ zu entscheiden, das auch in kürzere Abschnitte unterteilt werden kann.
Arbeitslose treten an die Stelle derjenigen, die eine Auszeit nehmen und die ihrerseits 70% der Arbeitslosenunterstützung bekommen, die sie erhalten würden, wenn sie ihren Arbeitsplatz verlören (normalerweise 90% des Gehalts). Dänischen Gewerkschaften ist es gelungen solche gesetzlichen Rechte des Einzelnen zu nutzen, um die Arbeitszeiten ganzer Fimenbelegschaften zu verringern und die Anzahl der festen Arbeitsplätze so zu erhöhen. Die Idee eines universellen Grundeinkommens, das an alle Bürger unabhängig von ihrer Position auf dem Arbeitsmarkt bezahlt wird, ist der logische nächste Schritt.
Das wird nicht jedermanns Sache sein. Und, wie ich oben angedeutet habe, laufen alle Modelle, die darauf abzielen die Arbeitsbelastung zu verringern und die arbeitsfreie Zeit auszudehnen, Gefahr unserer Gabe zum Opfer zu fallen, neue Katastrophen heraufzubeschwören. Schließlich sind sowohl der Kapitalismus als auch die Wirtschaft auf Knappheit angewiesen, um ihre Existenz zu rechtfertigen und werden diese nicht bereitwillig aufgeben.


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