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Latin America

Reformprioritäten in Lateinamerika

Bjørn Lomborg

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2007-11-08

SAN JOSÉ, COSTA RICA – Wir erkennen selten, dass die Ausgabenentscheidungen politischer Verantwortungsträger und internationaler Hilfsorganisationen durch einen Mangel an Wissen – oder Ignoranz, wenn man so will -  beeinträchtigt werden. Doch die Prioritäten werden oftmals aus dem Stegreif festgelegt ohne darüber nachzudenken, wie man den größtmöglichen Nutzen erzielt.

Vor Kurzem wurde ein seltener Versuch unternommen, die Qualität der Entscheidungsfindung in Lateinamerika und der Karibik zu verbessern. Die Consulta de San José in Costa Rica lud eine Gruppe führender Wirtschaftsexperten ein, eine Rangliste der Lösungen für die größten Herausforderungen der Region zu erstellen. Zum ersten Mal wurden Kosten und Nutzen von über vierzig verschiedenen Strategien einander gegenübergestellt. Die Ergebnisse waren überaus aufschlussreich.  

Drei Tage lang wurden den Experten Ausführungen über die größten Herausforderungen der Region vorgetragen. Es wurde klar, dass Politiker ihre Entscheidungen oftmals auf Grundlage begrenzten Wissens treffen. Sie investieren Geld in nicht erprobte Strategien.

So gibt es beispielsweise keinerlei Belege dafür, wie man die Qualität der Ausbildung an den Schulen verbessern kann. In Mexiko wurde kürzlich ein Programm eingeführt, das den Lehrern finanzielle Anreize und berufliche Weiterbildung bietet, aber Forschungsergebnisse zeigten keinerlei signifikante Auswirkungen auf die Bildungsergebnisse.

In Lateinamerika ist häusliche Gewalt ein großes Problem. Die dadurch entstehenden Kosten und der Schaden erreichen beträchtliche Höhen. Dennoch besteht ein bestürzender Mangel an Forschungsergebnissen, die zeigen, welche Strategien in der Region bereits funktioniert haben.

Die Regierungen in Lateinamerika und der Karibik müssen also Informationen darüber bekommen, wie man die Qualität der Bildung steigert und häusliche Gewalt bekämpft. Es ist erschreckend, dass man in dieser Hinsicht über keinerlei erprobte Strategien oder relevante Kosten-Nutzen-Rechnungen verfügt. Sowohl für den Bereich häusliche Gewalt als auch für Bildungsqualität unterstrich die Consulta den dringenden Bedarf nach Forschung. Aber die von den Experten erstellte Rangliste der Prioriäten enthüllte auch so manch spannende und vielversprechende Möglichkeit.

An erste Stelle gereiht wurden Programme zur Förderung der frühkindlichen Entwicklung. Es gibt zwingende Gründe für höhere öffentliche Investitionen in die ersten Lebensjahre eines Kindes. Dabei könnte es sich um die Finanzierung von Kindertagesstätten und vorschulischen Aktivitäten handeln sowie um eine Verbesserung der hygienischen Situation und der Gesundheitsversorgung sowie um die Vermittlung von Erziehungsratschlägen für Eltern.

Forschungsergebnisse zeigen, dass diese Programme zur Förderung der frühkindlichen Entwicklung in Lateinamerika zu besserer Schulreife, höheren Schulbesuchsraten und einer Verbesserung der schulischen Leistungen führen. Mütter und ältere Geschwister können dadurch selbst arbeiten oder sich ihrer eigenen Weiterbildung widmen. Derartige Programme sollten in der gesamten Region Anwendung finden. Sie sind relativ billig und ihr Nutzen ist zwischen fünf und 19 Mal größer als die Kosten.

Die vom Expertenrat an zweiter Stelle gereihte Strategie – nämlich bessere haushaltspolitische Bestimmungen – mag zwar nicht besonders sexy klingen, ist aber trotzdem attraktiv, weil sie im Grunde nichts kostet. Obwohl es den lateinamerikanischen Ökonomien aufgrund von Reformen und hohen Rohstoffpreisen gut geht, hat man dennoch mit grundsätzlichen Problemen zu kämpfen.

Das Ziel ist, umfassende gesetzliche Bestimmungen im Bereich haushaltspolitischer Verantwortlichkeit einzuführen, die verhindern, dass Gesetzgeber und Minister die Ausgaben rücksichtslos in die Höhe treiben. Mit diesen Bestimmungen müssen Obergrenzen für Defizite, Ausgaben und Schulden eingeführt und Transparenz eingemahnt werden, damit die Öffentlichkeit weiß, was vor sich geht. Kommt noch echtes Engagement hinsichtlich  haushaltspolitischer Glaubwürdigkeit hinzu, könnten die Länder ihr Wirtschaftswachstum substanziell verbessern.

An dritter Stelle der Rangliste des Expertenrates stehen höhere Investitionen in den Bau und die Erhaltung der Infrastruktur. Die meisten Länder Lateinamerikas und der Karibik geben dafür weniger als 2 % ihres BIP aus. Im Vergleich dazu beträgt dieser Wert in China 3 % und in Korea 6 %.  Vor allem in das Straßennetz muss dringend investiert werden, um lebensnotwendige Verbindungen zu schaffen, die Jobs und Wohlstand bringen. Die meisten der extrem armen ländlichen Gemeinden Lateinamerikas befinden sich fünf oder mehr Kilometer von der nächsten asphaltierten Straße entfernt.

Zu den weiteren prioritären Zielen gehören die Schaffung von unabhängigen Agenturen zur rigorosen Überprüfung der Ausgaben für Regierungsprogramme und der verstärkte Einsatz von bedingten Transferzahlungen, die an arme Haushalten überwiesen werden, um es ihnen beispielsweise zu ermöglichen, ihre Kinder in die Schule zu schicken.

Ganz unten auf der Liste des Expertengremiums stehen die Einschränkung des Alkoholverkaufs (eine vorgeschlagene Lösung für Gesundheitsprobleme), Bildungsgutscheine, Drogentherapien in Gefängnissen sowie Resozialisierungsprogramme. 

Das heißt nicht, dass diese Maßnahmen nicht funktionieren würden, aber ihr Nutzen ist weit geringer als der jener der an vorderster Stelle platzierten Strategien. Außerdem gibt es Diskussionen darüber, wie wirksam manche dieser Programme wirklich sind. Bildungsgutscheine beispielsweise erwiesen sich nach der sorgfältigen Analyse eines chilenischen Programmes als nicht zielführend, da kein positiver Effekt auf die Leistungen der Schüler zu registrieren war. 

Obwohl Klimawandel und Artenschutz anderswo zu bedeutsamen Fragen wurden, kam das Gremium zu dem Schluss, dass Maßnahmen zur Erhaltung des Regenwaldes, um dort CO2–Senken zu schaffen, international betrachtet zwar von Nutzen wären, aber zu lokalen Kosten führen würden. Bei diesen Fragen handelt es sich also weniger um spezifisch lateinamerikanische als vielmehr um globale Probleme.  

Der Consulta gelang es, die kostenwirksamsten Möglichkeiten zur Bekämpfung der größten Probleme der Region aufzuzeigen. Es wurden aber auch jene Bereiche hervorgehoben , wo Politiker ohne entsprechende Forschung im Dunklen tappen. Die Consulta schuf einen Maßstab, anhand dessen man die Ausgabenentscheidungen der Politiker beurteilen kann.

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AUTHOR INFO

Bjørn Lomborg is the author of The Skeptical Environmentalist and Cool It, head of the Copenhagen Consensus Center, and adjunct professor at Copenhagen Business School.