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Örtliche Wissenschaft für große Katastrophen

Die Erde produziert einen stetig fließenden Strom an Katastrophen. Einige, wie etwa AIDS, sind chronischer Art; andere, wie etwa Erdbeben oder der Hurrikan Katrina, sind plötzliche Demonstrationen der Macht der Natur. In jedem Fall wird erwartet, dass finanziell gut ausgestattete Hilfsanstrengungen aus einer wohlhabenderen Region auf die Betroffenen herabfallen. Allerdings ist ein derartiger Hilfsimport möglicherweise nicht nur weniger effektiv; er könnte tatsächlich langfristig mehr Schaden als Nutzen anrichten.

Wenn ein Tsunami zuschlägt, ist der erste Impuls, Experten aus der Ersten Welt hinzuzuziehen. Rettung ist die erste Priorität, gefolgt von der Sicherstellung von Lebensmitteln, Obdach und medizinischer Hilfe. Es geht nur darum, die anstehenden Probleme schnell und auf möglichst effektive Weise in den Griff zu bekommen – also werden die Maßnahmen gemäß den institutionellen Philosophien der Geberländer durchgeführt.

Doch wenn während eines Wiederaufbauprozesses die Gewohnheiten einer Kultur in eine andere hineingesaugt werden, so kann dies gesellschaftliche Veränderungen auslösen, die beinahe so schädlich sind wie die Katastrophe selbst – so geschehen etwa in ein paar kleinen Fischerdörfern auf den Philippinen Ende der 1970er Jahre.

Im Jahre 1978 zerstörte der Taifun Rita die Flotte handgefertigter hölzerner Fischerboote in einer Reihe von von der See abhängigen philippinischen Ortschaften. Die Hilfe erfolgte schnell und effektiv; sie umfasste zunächst Nahrungsmittelhilfen, gefolgt dann von der „Wiederherstellung“ der Fischereiflotte. Die alten Boote, die alle paar Jahre verrotteten, wurden durch moderne Glasfaserboote mit kleinen Benzinmotoren ersetzt. Zum damaligen Zeitpunkt wurde dies als Musterbeispiel dafür angepriesen, wie man es richtig macht.

Die Fischwirtschaft erholte sich und florierte – aber nur für etwa zehn Jahre. Danach kam es zum Zusammenbruch der gesamten Gesellschaft. Über tausende von Jahren hatte sich in dieser Gesellschaft eine Abhängigkeit von der zentralen Rolle der Bootsbauer entwickelt. Sie waren der gesellschaftliche Anker, agierten in der Tat als Priester, Lehrer und Richter. Das gesellschaftliche Dasein verlief jeweils nach ihrem Wohlwollen und wurde durch Konventionen gemeinsamer Nutzung und des Vertrauens gestützt.

Nach der Hilfsmaßnahme wurde dieses komplexe gesellschaftliche Gleichgewicht durch die Geldwirtschaft ersetzt, und die einflussreichsten Akteure waren nun diejenigen, die das seltene, kostbare Benzin zuteilen konnten. Eine gesamte Kultur wurde de facto durch eine einzige effiziente Hilfsmaßnahme zerstört.

Dies Szenario hat sich in den unterschiedlichsten Zusammenhängen immer wieder wiederholt. Der erste Impuls besteht darin, die Probleme auf möglichst vertraute Weise zu lösen. Doch wo es an Sensibilität für die örtliche Dynamik fehlt, ist der Erfolg schwer gefährdet.

Die Lösung erscheint einfach. Sie  liegt in der Schaffung und Subventionierung kleiner wissenschaftlicher Zentren in jenen Regionen, in denen Katastrophenrisiken bestehen. Das übergeordnete Ziel dieser Zentren läge in der „normalen“ wissenschaftlichen Arbeit; Aufgaben und Profil würden auf dem örtlichen Zusammenhang beruhen. Gefahrenregionen würden so kulturell angemessene Wege entwickeln, um mit den Katastrophen, von denen sie am ehesten betroffen werden könnten, fertig zu werden. Darüber hinaus würden örtliche Talente in ihrem Heimatzusammenhang gefördert.

Von dieser Philosophie würden Orte wie New Orleans eben so sehr profitieren wie etwa Phuket in Thailand. Tatsächlich belegt – auch wenn es zunächst so scheinen könnte, als ob ein Problem kultureller Transposition im Falle des Hurrikans Katrina nicht vorliegt – eine Untersuchung der Tragödie genau das Gegenteil.

Es ist mit überwältigender Mehrheit bemerkt worden, dass die am schlimmsten betroffenen Menschen in New Orleans die armen Afroamerikaner waren, die in den tief gelegenen Bezirken der Stadt lebten. Zugestanden, vielen dieser Bewohner des Stadtzentrums fehlten schlicht die Ressourcen für eine problemlose Evakuierung. Aber es zeigt sich zunehmend, dass viele es außerdem vorzogen, in einem sozialen Umfeld auszuharren, dem sie vertrauten, statt in eine sicherere, aber ihnen fremde Umgebung zu flüchten.

Kritiker verweisen auch darauf, dass die Umschichtung von Infrastrukturmitteln und die Verlegung von Truppen der Nationalgarde Louisianas in den Irak für die Notlage mitverantwortlich seien. Diese Faktoren spielten eindeutig eine Rolle, aber insgesamt hätten die Folgen des Hurrikans Katrina mit Sicherheit wirksamer bewältigt werden können, wenn ein aus Personen aus der Innenstadt mit wissenschaftlichen Neigungen bestehendes Gremium an der Flutregelungs- und Evakuierungsplanung beteiligt gewesen wäre. Im Gegensatz hierzu ist die Unangemessenheit der Verlegung von Truppen aus dem Irak für eine Notrettungsoperation offensichtlich.

Der Kampf gegen AIDS – ein Kampf, der stark von einem geänderten Sozialverhalten abhängig ist – zeigt vielleicht am klarsten die Probleme, die immer dann auftreten, wenn eine örtliche Kultur ignoriert wird. Gesellschaftliche Mechanismen lassen sich schlicht und einfach nicht anpassen ohne ein klares, eingeübtes Verständnis der jeweiligen Kultur. Und dies kann nicht einfach ein intuitives Verständnis sein. Es muss ein wissenschaftliches Verständnis sein, d.h., es muss auf den besten Methoden und Modellen beruhen.

Aus diesem Grund sollte es zwei Kontaktpunkte während einer Katastrophe geben. Gruppen kritischer Denker – die „Experten“ – sollten verfügbar sein, um Empfehlungen abzugeben, wie sich Katastrophen zweiter Ordnung vermeiden lassen. Auch wenn viele von ihnen die örtliche Kultur nicht studiert haben werden, können sie trotzdem eine durch die teuerste Infrastruktur der Welt geprägte Beratung bieten. Gleichzeitig sollten die Hilfsanstrengungen durch ein örtliches wissenschaftliches Zentrum verwaltet werden, das den gefährdeten Personen bekannt ist und dem sie vertrauen.

Die aus diesem Ansatz zu ziehenden logischen Schlussfolgerungen reichen weit über die Katastrophenhilfe hinaus. Ein robustes wissenschaftliches Establishment ist die Wurzel jeder Wirtschaft, und es wird ohne ein solches in der Dritten Welt keine echte Entwicklung geben. Eine Investition in die örtliche Wissenschaft stellt daher eine direkte Stärkung für das Wachstumspotenzial einer Gemeinschaft dar und wird die Anleger langfristig mit neuen Durchbrüchen belohnen. Schließlich ist nichts besser für die Innovation als ein Wissenschaftler, der außerhalb der herkömmlichen Institutionen arbeitet und die Lösung für ein Problem findet, die ihn und seine Familie retten wird.

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