Tuesday, July 29, 2014
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Revolutionäre Muse der Freiheit

Große Denker im Bereich der Gesellschaftswissenschaften beginnen fast immer als polarisierende Figuren – von manchen bewundert, von anderen gehasst –, bis ihre radikale Kampfansage an unser Verständnis der Welt sich schließlich durchsetzt. Milton Friedman war ein Gigant unter den modernen gesellschaftswissenschaftlichen Denkern, und zwar aus mindestens zwei Gründen: Erstens übte er einen enormen Einfluss nicht nur in seinem eigenen Fachgebiet, den Wirtschaftswissenschaften, aus sondern auch in den Gesellschaftswissenschaften allgemein. Zweitens veränderte er, sofern man historischer Erfahrung glauben darf, über seinen Einfluss auf die öffentliche Meinung und die Wirtschaftspolitik das Leben zahlloser Menschen zum Besseren.

Für Jahrzehnte blieb Friedman ein Gestrandeter in der intellektuellen Wildnis; er verachtete den Nachkriegskonsens, dass Regierungen die Finanzpolitik nutzen sollten, um die Gesamtnachfrage zu steuern – eine Sicht, die die dirigistische Wirtschaftspolitik während der gesamten 1970er Jahre stützte. In der Tat war Friedman, im Zusammenhang seiner Zeit betrachtet, ein wahrer intellektueller Revolutionär: Er verknüpfte stringente akademische Forschung und elegant abgefasste populäre Bücher und journalistische Schriften, um für die freie Marktwirtschaft zu argumentieren – und um die von Schriftstellern von Adam Smith bis hin zu Friedrich von Hayek verteidigte Verbindung zwischen wirtschaftlicher und politischer Freiheit zu bekräftigen.

Im Bereich der Ökonomie belebte Friedman die monetaristische Theorie, wonach die im Verkehr befindliche Geldmenge die hauptsächliche Determinante für die Entwicklung einer Volkswirtschaft ist, neu und entwickelte sie weiter. In seinem Meisterwerk, A Monetary History of the United States, 1867-1960 (verfasst zusammen mit Anna Schwartz), führte er in berühmt gewordener Weise Rezessionen, einschließlich der Großen Depression der 1930er Jahre, auf eine Abnahme der Geldmenge zurück. In ähnlicher Weise argumentierte er, dass ein Überangebot an Geld Inflation verursache.

In den 1960er Jahren zeigte Friedman, dass die keynesianische Nachfragesteuerung durch Steigerung der Staatsausgaben die umlaufende Geldmenge fortlaufend erhöht und so Lohn- und Preissteigerungen beschleunigt. Zusammen mit Edmund Phelps – dem diesjährigen Nobelpreisträger – bewies er, dass keine stabile Wechselbeziehung zwischen Arbeitslosigkeit und Inflation besteht. Die beiden zeigten auf, dass jeder Versuch, mittels expansionistischer staatlicher Strategien die Arbeitslosigkeit unter ein bestimmtes Niveau zu drücken, Inflationserwartungen anheizt und Wirtschaftswachstum wie Beschäftigung untergräbt. Diese Analyse sah die Kombination wachsender Inflation und wachsender Arbeitslosigkeit während der 1970er Jahre, die in der Folge als „Stagflation“ bekannt werden sollte, vorher und erklärte sie zugleich.

Friedman war der Auslöser eines profunden Wandels in der Art und Weise, wie Regierungen ihre Wirtschaftspolitik gestalten. Statt finanzpolitischer Anreize und Kontrolle ist das wichtigste Hilfsmittel der Wirtschaftslenkung heute eine von unabhängigen Zentralbanken durchgeführte Geldpolitik. Die Steuerung der Nachfrage nach Keynes wurde damit durch eine neue – überwiegend Friedman geschuldete – Auffassung ersetzt, wonach Finanzdisziplin und Preisstabilität die beste Gewähr für makroökonomische Nachhaltigkeit bieten.

Gleichermaßen bedeutsam war Friedmans Beitrag bei der Beeinflussung der öffentlichen Meinung durch Veröffentlichungen, die die Rolle des Staates in der Gesellschaft zum Inhalt hatten. An der Seite von Hayek, seinem Kollegen an der University of Chicago, startete Friedman einen stärker allgemeinen Angriff auf den Keynesianismus, wobei er argumentierte, dass von jeder Regierung, der man es gestatte, die Wirtschaft im Namen der Gleichheit zu regulieren, eine Gefahr für die Freiheit des Individuums ausgehe.

In seinen von 1966 bis 1983 in Newsweek erscheinenden Kolumnen und in seinen Werken Capitalism and Freedom , Free to Choose und The Tyranny of the Status Quo (verfasst zusammen mit seiner Frau Rose) legte Friedman eine Vision von Freiheit dar, die gleichermaßen attraktiv und erreichbar war. Tatsächlich wurde Free to Choose – später die Grundlage für eine beliebte von Friedman selbst moderierte Fernsehreihe – während der 1980er Jahre in Polen illegal veröffentlicht und trug dazu bei, mich und viele andere dazu zu inspirieren, während der dunkelsten Jahre der kommunistischen Herrschaft von einer Zukunft in Freiheit zu träumen. Mit bemerkenswerter Klarheit entwickelte Friedman in seinen populärwissenschaftlichen Arbeiten eine überzeugende politische Philosophie, die er mit konkreten politischen Vorschlägen verband. So war er beispielsweise der Erste, der die Idee von Gutscheinen für den Schulbesuch aufbrachte, wobei er argumentierte, dass privater Wettbewerb eine bessere Bildungsleistung gewährleisten würde als staatliche Systeme.

Friedmans Ansichten machten ihn zum leuchtenden Vorbild für Wirtschaftskonservative weltweit. Sein Einfluss auf die Regierung von Margaret Thatcher trug dazu bei, Großbritannien von einem von Klassenkämpfen beherrschten postindustriellen Tollhaus in Europas führende Wirtschaftsmacht zu verwandeln. Als Vietnam in den 1980er Jahren seinen marktwirtschaftliche Reformen einleitete, studierten die führenden Regierungsvertreter genauestens seine Schriften. Er löste auch die inzwischen gängige Praxis aus, politische und wirtschaftliche Freiheit zu messen und grenzüberschreitend zu vergleichen, und trug so zur Meinungsbildung in Ländern bei, die als freiheitsbeschränkend gelten.

Aber Friedmans konsequent antidirigistische Haltung führte auch dazu, dass er sich Positionen zu Eigen machte, die die politischen Empfindlichkeiten vieler Konservativer vor den Kopf stießen – was die intellektuelle Integrität unterstreicht, die so bezeichnend für seine Karriere war. So erstreckte sich beispielsweise sein Widerstand gegen die Befugnis des Staates, menschliches Verhalten zu verbieten oder zu regulieren, selbst auf die Lizenzanforderungen an Ärzte und Führer von Kraftfahrzeugen, aber auch auf Antidrogengesetze, die seiner Meinung nach eine Subventionierung des organisierten Verbrechens darstellten. Ebenso unternahm er beträchtliche Anstrengungen, gegen die amerikanische Wehrpflicht zu polemisieren.

Obgleich er nicht alle seine intellektuellen Kämpfe gewann, kann man selten mit gleicher Sicherheit von einem großen Mann sprechen wie im Falle Friedmans, und die von ihm hinterlassenen Werke werden von bleibendem Einfluss sein. Ich lebe heute in einem freien Polen, und ich betrachte Milton Friedman als einen der wichtigsten intellektuellen Architekten unserer Freiheit.

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