Tuesday, September 2, 2014
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Lasst die Finanzskeptiker ans Ruder

CAMBRIDGE, MASS.: Das Rennen um den wichtigsten wirtschaftspolitischen Job der Welt ist eröffnet. Die Amtszeit von US-Notenbankchef Ben Bernanke läuft im Januar aus, und Präsident Barack Obama muss sich schon vorher entscheiden: Bestätigt er Bernanke im Amt oder sucht er sich jemanden – die am häufigsten genannten Namen sind Larry Summers und Janet Yellen – mit stärker demokratischen Referenzen?

Es ist eine folgenschwere Entscheidung, nicht nur für die USA, sondern auch für die Weltwirtschaft. Als Hüter der Geldmenge ihres Landes und diejenigen, die die kurzfristigen Zinsen festsetzen, spielen die Notenbanker seit jeher eine entscheidende Rolle. Senken sie die Zinsen zu stark, sind Inflation und geldpolitische Instabilität die Folge. Heben sie sie zu stark an, gleitet die Wirtschaft in die Rezession und Arbeitslosigkeit ab.

Die Geldpolitik ist nicht gerade eine Wissenschaft; also muss ein guter Notenbanker bescheiden sein. Er muss sich der Grenzen seines Verständnisses und der Wirksamkeit der ihm zur Verfügung stehenden Instrumente bewusst sein. Und er darf andererseits nicht als entscheidungsscheu wahrgenommen werden, da dies nur zu destabilisierenden Finanzspekulationen einladen würde.

Tatsächlich sind die Notenbanken – so bedeutsam ihre Funktion vorher schon war – infolge der Entwicklungen auf den Finanzmärkten sogar noch wichtiger geworden. Auch wenn sie formell nicht als solche ausgewiesen sind: Sie haben sich zu Hütern der Zurechnungsfähigkeit der Finanzmärkte entwickelt. Welche Gefahren drohen, wenn sie bei dieser Aufgabe versagen, wurde durch das Subprime-Debakel schmerzhaft verdeutlicht. Unter den von Obama vorgeschlagenen neuen Regeln wird die Federal Reserve sogar noch mehr Verantwortung tragen: Sie wird dafür zuständig sein, Finanzkrisen zu verhüten und dafür zu sorgen, dass die Banken keine übergroßen Risiken eingehen.

Dies ist eine Aufgabe, an der der ehemalige Chef der Fed, Alan Greenspan, auf spektakuläre Weise gescheitert ist. Sein blinder Fleck, was die Exzesse der Finanzmärkte anging – sein kleiner Denkfehler, wie er es später nannte – ließ ihn die Gefahren der von den Titanen der Wall Street eingeführten Finanzinnovationen nicht wahrnehmen. Und Bernanke, der unter Greenspan während der Jahre 2002-2005 im Board of Governors der Fed saß, kann man eine Mitschuld geben, weil er dabei mitspielte.

Der Chef der US-Notenbank übt nicht allein mittels der Geldpolitik weltweiten Einfluss aus, sondern auch durch das, was er sagt. Er bestimmt den Tenor politischer Diskussionen und trägt dazu bei, das Glaubenssystem, innerhalb dessen die Politik weltweit agiert, zu gestalten.

Was Greenspan und Bernanke bei der Wahrnehmung der Finanzaufsicht behinderte, war ihre übermäßige Ehrfurcht vor der Wall Street und dem, was sie tut. Die beiden agierten gemäß der Prämisse, dass was gut für die Wall Street sei, auch gut für die Main Street sei. Dies wird sich infolge der Krise unzweifelhaft ändern, selbst wenn Bernanke am Ruder bleibt. Aber was die Welt braucht, ist ein Notenbankchef, der den Finanzmärkten und ihrem gesellschaftlichen Wert mit instinktiver Skepsis begegnet. 

Hier sind einige der Lügen, die die Finanzindustrie sich selbst und anderen erzählt und denen jeder neue US-Notenbankchef widerstehen muss:

Die von den Finanzmärkten festgelegten Preise sind die richtigen, um Kapital und andere Ressourcen ihrem produktivsten Zweck zuzuführen . Dies ist, was die Lehrbücher und Financiers Ihnen erzählen, doch inzwischen haben wir reichlich Grund, skeptisch zu sein.

Um es mit den Worten der Ökonomen zu sagen: Es gibt viel zu viele Fälle von „Marktversagen“ im Finanzbereich, als dass diese Preise ein guter Maßstab für die Allokation von Ressourcen sein könnten. Es gibt „Agency-Probleme“, die einen Keil zwischen die Interessen der Kapitaleigner und jene der Bankvorsitzenden und anderer Führungskräfte im Finanzbereich treiben. Eine asymmetrische Informationsverteilung zwischen den Verkäufern und Käufern von Finanzprodukten kann die Käufer leicht der Gefahr eines Missbrauchs aussetzen – wie wir es bei den mit Hypotheken unterlegten Wertpapieren erlebt haben.

Stillschweigende oder ausdrückliche Rettungsgarantien führen darüber hinaus zu überzogener Risikobereitschaft. Große Finanzmittler gefährden das gesamte System, wenn sie die falschen Risikomodelle verwenden und schlechte Entscheidungen treffen. Regulierung ist bestenfalls eine Teillösung für derartige Probleme. Also senden die Preise, die die Finanzmärkte hervorbringen, mit gleicher Wahrscheinlichkeit falsche wie richtige Signale aus.

Die Finanzmärkte disziplinieren die Regierungen. Dies ist einer der am häufigsten genannten Vorteile der Finanzmärkte. Doch ist diese Behauptung offenkundig falsch. Wenn die Märkte in einem euphorischen Zustand sind, sind sie nicht in der Lage, irgendeinen Kreditnehmer zur Disziplin anzuhalten, schon gar nicht eine Regierung mit einem leidlichen Kreditrating. Falls Sie dies bezweifeln, fragen sie jene Dutzende von Schwellenlandregierungen, die keine Schwierigkeiten hatten, auf den internationalen Märkten Geld aufzunehmen – in der Regel im Vorfeld einer letztlichen Zahlungskrise.

In vielen dieser Fälle – jener der Türkei während der 1990er Jahre ist ein gutes Beispiel – versetzen die Finanzmärkte unverantwortliche Regierungen in die Lage, einem nicht aufrecht zu erhaltenden Verschuldungsrausch nachzugeben. Wenn die „Marktdisziplin“ einsetzt, tut sie dies in der Regel zu spät, zu stark und in wahlloser Weise.

Die Ausweitung der Finanzmärkte ist uneingeschränkt positiv zu betrachten. Ehrlich gesagt, nein. Die Finanzglobalisierung sollte es armen, unterkapitalisierten Ländern ermöglichen, Zugriff auf die Ersparnisse der reichen Länder zu erhalten. Und sie sollte eine weltweite Risikoteilung fördern.

Tatsächlich wurden beide Erwartungen nicht erfüllt. In den Jahren vor dem Finanzzusammenbruch wanderte das Geld von den armen Ländern in die reichen Länder, und nicht umgekehrt. (Dies muss nicht zwangsläufig schlecht gewesen sein, da große (Netto-) Kreditnehmer an den internationalen Märkten tendenziell langsamer wachsen als andere Länder.) Und die wirtschaftliche Schwankungsanfälligkeit in den Schwellenländern hat im Rahmen der Finanzglobalisierung tatsächlich zugenommen, teilweise aufgrund der häufigen Krisen, die durch die Mobilität des Kapitals hervorgerufen wurden.

Finanzinnovation ist ein großartiger Motor für Produktivitätswachstum und wirtschaftlichen Wohlstand . Stimmt auch nicht. Man stelle sich vor, wir hätten vor fünf Jahren nach Beispielen wirklich nützlicher Finanzinnovationen gefragt. Wir hätten eine lange Liste hypothekenbezogener Instrumente erhalten, die angeblich Eigenheimkäufern, die andernfalls nicht in der Lage wären, sich ein Eigenheim anzuschaffen, zu einer Finanzierung verhelfen würden. Wir wissen inzwischen, wohin uns dies geführt hat. Paul Volckers Ansicht, dass der Geldautomat den meisten Menschen mehr Vorteile gebracht hätte als alle strukturierten Finanzanleihen zusammen, liegt näher an der Wahrheit.

Die Weltwirtschaft ist schon zu lange von Finanzenthusiasten gelenkt worden. Es ist Zeit, dass die Finanzskeptiker übernehmen.

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