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Aus Krisen lernen

PRINCETON – Krisen, insbesondere  sehr schwere Krisen, sind oft Lernchancen. Leider scheint die Welt bisher sehr wenig aus der jüngsten Finanzkrise gelernt zu haben. Tatsächlich ist die Situation heute genauso gefährlich wie 2007: die USA sind jetzt in höchster Sorge über ihre kraftlose wirtschaftliche Erholung, Europa lähmt die Angst um das Überleben der Währungsunion, und die Schwellenländer haben mit Spekulationsblasen zu kämpfen.

Um aus einer Krise zu lernen, muss man zunächst einmal analysieren, was schief gelaufen ist. Aber es geht auch darum, Lösungen zu finden. Als Gemeinschaft haben wir den ersten Teil sehr gut gemacht, den zweiten sehr schlecht.

Die meisten Analysen der Finanzkrise nach 2007 machen fünf Ursachen für Instabilität aus. Erstens wurde die Krise ausgelöst durch die Besonderheiten des US-amerikanischen Immobilienmarktes, durch staatliche Anreize für  generelles Eigentum von Immobilien und durch die unvorsichtige Kreditvergabe von Banken.

Zweitens haben perverse Anreize Kreditinstitute dazu verleitet, übermäßige Risiken einzugehen. Intern hatten Banker ein enormes Potenzial, an hohem Risiko viel Geld zu verdienen, mussten aber die Kosten eines Scheiterns nicht tragen. Für einzelne Unternehmen wurde das nicht als Problem angesehen, denn sie wurden beschützt durch das Motto: „too big to fail“. Als die Krise ausbrach - nach einem Einbruch des Immobilienmarktes in den USA, der völlig vorhersehbar war, aber absichtlich übersehen wurde – musst der öffentliche Sektor die Eventualverbindlichkeiten übernehmen, die im Finanzsystem aufgelaufen waren.

Drittens führten globale Ungleichgewichte zu billigem Geld. Langfristige Leistungsbilanzüberschüsse in einigen Ländern (China, andere schnell wachsende asiatische Volkswirtschaften und die Ölproduzenten aus der Golfregion) ließen die langfristige Finanzierung von Defiziten in anderen Ländern (Großbritannien, Australien, Spanien, Irland und natürlich die USA) zu.

Viertens verfolgten Zentralbanken, besonders die der USA fälschlicherweise eine lockere Geldpolitik. Mit einer für große Institutionen verfügbare Dollarfinanzierung durch die amerikanische Notenbank wurde die Fed so etwas wie ein Welt-Zentralbank.

Schließlich führten die finanziellen Konsequenzen der Rettungspakete für große Kreditinstitute nach Ausbruch der Krise schnell zu einer unkontrollierten Staatsverschuldung, die dem Bankensektor möglicherweise auf die Füße fällt.

Vielleicht mit Ausnahme des ersten wurde keines dieser Probleme gelöst. Natürlich gibt es hier und da in einigen Zirkeln Diskussionen über eine Reform des Finanzsektors, wobei sich langsam ein Konsens herausbildet, dass Regeln für die Eigenkapitalanforderungen aufgestellt werden müssen. Aber viele systemrelevante Banken sind eher größer als kleiner aus der Krise herausgegangen.

Zudem wurden die globalen Ungleichgewichte im Zuge der anfänglichen Krise zwar sofort reduziert, als die USA ihr Defizit schnell anpasste, aber sie kommen jetzt zurück.

Die größten Volkswirtschaften der Welt behalten derweil ihre sehr niedrigen Zinssätze. Vor 2007 wurde eine solche Finanzpolitik im schlimmsten Fall als Fehler angesehen, jetzt ist es eine unheilvolle Strategie. Es herrscht allgemein der Verdacht, dass die USA den Dollar absichtlich abwerten (ein „Währungskrieg“, wie es Brasiliens Finanzminister ausdrückte.)

Wir wissen nicht, wie wir mit den finanziellen Problemen umgehen sollen, die sich aus der Krise ergeben haben. Zweifel über die Nachhaltigkeit von Staatsverschuldung erzeugen plötzliche Erhöhungen der Zinssätze, während Risikozuschläge angesichts der Wahrscheinlichkeit von Zahlungsunfähigkeiten dramatisch zunehmen. Solche Erhöhungen sind per definitionem abrupt – und damit extrem störend.

Für Länder am Rand folgt daraus eine gnadenlose Logik. Der staatliche Schuldendienst ist im Allgemeinen aufgrund der niedrigen Zinssätze einfacher geworden. Aber Hinweise auf neue staatliche Unvorsichtigkeiten oder auf Rückzieher hinsichtlich einer langfristigen Haushaltskonsolidierung und Schuldensenkung können die Kreditkosten dramatisch in die Höhe treiben. Unter diesen Umständen überwiegen die zusätzlichen Kosten des Schuldendienstes alle Einnahmen, die aus einer Lockerung der Haushaltspolitik kommen könnten.

Als Ergebnis betrifft die steuerliche Ungewissheit alle großen Industrieländer und erzeugt politische Lähmung. Obwohl wir also sehr gut verstehen, wodurch die Finanzkrise erzeugt wurde, sind wir hilflos, wenn es darum geht, daraus unsere Lehren zu ziehen.

Aus einer längeren historischen Perspektive betrachtet, ist diese politische Lähmung gar nicht so überraschend. Es hat sehr lange gedauert, bis man die Lehre aus der Weltwirtschaftskrise zwischen den Weltkriegen zog. Erst 30 Jahre später, in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts, galt die Steuerpolitik nach Keynes als allgemein anerkannt. Im gleichen Jahrzehnt formulierte Milton Friedman auch erst die geldpolitischen Lehren aus der Weltwirtschaftskrise.

Einzig in der Handelspolitik hatte man die Lektion schneller gelernt. Während der Weltwirtschaftskrise wurde die Deflation mit protektionistischen Handelsquoten bekämpft. Damals musste einerseits die allgemeine Forderung nach politischem Handeln erfüllt werden, andererseits hatten die politischen Repräsentanten der verschiedenen Gruppen ganz unterschiedliche und oft lokal orientierte Prioritäten. Die Analyse des Politikwissenschaftlers E. E. Schattschneider hat dazu beigetragen, dass die Verantwortung für Handelsmaßnahmen vom Kongress auf den Präsidenten übertragen wurde.

Das moderne Äquivalent dieses Lernprozesses in Bezug auf Handelspolitik wäre es, über Mechanismen nachzudenken, die eine langfristige Verbesserung der Steuerpolitik zur Folge hätten. Es wäre besonders hilfreich, herauszufinden, wie potentielle Risiken identifiziert werden könnten (z. B. Risiken durch mit einem zu mächtigen Banken- und Finanzsystem einhergehen). Zudem muss der Gesetzgebungsdruck in Bezug auf zusätzliche Ausgaben für lokal wichtige Projekte, die einer allgemeinen steuerlichen Dysfunktion Vorschub leisten, beschränkt werden.

Die konstruktive (und relativ schnelle) handelspolitische Reaktion nach der Weltwirtschaftskrise hat sich nicht sofort ausgezahlt. Aber langfristig hat sie den Weg geebnet für ein erheblich verbessertes Umfeld für Politikgestaltung. Jetzt ist der Moment gekommen, eine analoge Anstrengung zu unternehmen, um den politischen Prozess, der Finanzpolitik hervorbringt, zu reformieren.

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