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Wirtschaftliche Dynamik erlernen

Warum leiden manche der am höchsten entwickelten Volkswirtschaften - wie Frankreich, Deutschland, Italien und Japan - unter stagnierendem Wachstum und hohen Arbeitslosenzahlen? Oder, noch grundsätzlicher, warum gelingt es diesen Ländern nicht, vor allem in den zukunftsbestimmenden Hochtechnologiebereichen, wirtschaftliche Führerschaft und Innovationsbereitschaft an den Tag zu legen, obwohl man genau das aufgrund ihrer Geschichte von ihnen erwarten würde?

Die schlechte Wirtschaftsleistung in diesen Ländern ist umso rätselhafter angesichts der dramatischen Geburtenrückgänge in den letzten Jahrzehnten. Die Bevölkerungspyramiden zeigen, dass der größte Bevölkerungsteil aus Menschen mittleren Alters in ihren produktivsten Jahren besteht, die die Last der Kindererziehung größtenteils schon hinter sich haben. Ihr Lebensstandard pro Kopf sollte daher eigentlich wesentlich höher sein als der in den USA, wo es massenhaft zu betreuende Kinder gibt und wo neue Investitionen gemacht werden müssen, damit das Kapitalwachstum mit dem der Bevölkerung Schritt hält.

Was heute von Vorteil ist, könnte sich morgen selbstverständlich als Nachteil erweisen. Europa und Japan werden mit massiven demographischen Problemen konfrontiert sein, wenn die Bevölkerungspyramide von alten Menschen dominiert wird, womit der vorübergehende demographische Vorteil gegenüber den USA von heute zunichte gemacht wird. Aber das sind nicht die momentanen Probleme dieser Volkswirtschaften.

Edmund Phelps von der Columbia University meint, dass es diesen langsam wachsenden Ländern an ,,Dynamik" fehlt, die er als Mischung aus Unternehmergeist und Finanzinstitutionen definiert, die diesen Unternehmergeist lenken. Beide Voraussetzungen müssen gegeben sein, um eine ,,schöpferische Zerstörung" zu ermöglichen - jene Kraft, die Josef Schumpeter vor sechzig Jahren als den Motor des kapitalistischen Wohlstandes bezeichnete.

Aber ist dies eine zutreffende Beschreibung langsam wachsender Wirtschaften? Es ist oft zu hören, dass es Kontinentaleuropa und Japan an der in Amerika und Großbritannien traditionell stark vorhandenen Risikobereitschaft mangelt. Tatsächlich ist aber kein großer Unterschied in grundlegenden menschlichen Werten oder Präferenzen zwischen diesen Ländern und den USA auszumachen.

Vor zehn Jahren führte ich gemeinsam mit Maxim Boycko aus Russland und Wladimir Korobow aus der Ukraine eine Studie durch, in der wir die Haltungen gegenüber dem Kapitalismus in den USA, Russland, der Ukraine, Japan sowie in Ost- und Westdeutschland verglichen. Obwohl es zwar unterschiedliche Haltungen gegenüber Märkten und Unternehmungen gab, waren die größten Unterschiede situations- und nicht einstellungsbedingt: In manchen Ländern hatten die Menschen geringere Erfolgserwartungen und dachten, dass staatliche Bestimmungen sie in ihren Aktivitäten behinderten.

Dies - nämlich die Auswirkungen der staatlichen Anreizpolitik - ist die Ursache für das träge Wachstum in manchen Industrieländern und nicht grundlegende kulturelle Unterschiede oder schwache Finanzinstitutionen. Tatsächlich zählen nämlich die Finanzinstitutionen in manchen damals untersuchten Ländern heute zu den am besten entwickelten auf der ganzen Welt.

Der irrationale Überschwang in den späten Neunzigerjahren des vorigen Jahrhunderts führte zu manchen Rückschlägen in der Entwicklung neuer Finanzinstitutionen. Aber viele langsam wachsende Länder entwickelten erst später einen gewissen Eifer bei der Entwicklung von Risikokapitalmärkten und der Förderung von Aktienbörsen, die sich risikoreichen Investments widmen, wie der Nouveau Marche in Frankreich, der Neue Markt in Deutschland, der Nuovo Mercato in Italien und Mothers in Japan.

An diesen, der amerikanischen NASDAQ nachempfundenen neuen Börsen, waren letztendlich zahlreiche wenig solide Unternehmen notiert und durch den Zusammenbruch der Aktienpreise im Jahr 2000 gerieten sie endgültig in die Abwärtsspirale. Den Neuen Markt gibt es mittlerweile nicht mehr und die anderen sind schwach, wenn nicht gar todgeweiht. Aber bei der Verbesserung der Risikobereitschaft müssen Rückschläge in Kauf genommen werden und es ist wichtig, auf Fehler nicht überzureagieren. Fest steht, dass inadäquate Finanzinstitutionen nicht das Wachstum verlangsamen.

Wo liegt aber nun das Problem? In diesem Herbst sind etliche Bücher erschienen, die sich mit den schwachen Volkswirtschaften in Europa auseinandersetzen. Eines dieser Werke, das durch seine überzeugende Argumentation besticht, ist Hans-Werner Sinns Buch ,, Ist Deutschland noch zu retten?"

Sinn behauptet, dass die träge Wirtschaft in Deutschland hauptsächlich auf schlechte Anreize durch die Regierungspolitik zurückzuführen ist - ein Problem, das weit über den berüchtigt starren Arbeitsmarkt hinausgeht - und das bisher von den Reformen Schröders noch nicht erfasst und eliminiert wurde.

Sinn zeigt auf, dass die Auswirkungen des deutschen Steuer- und Sozialsystems dafür sorgen, dass in Deutschland kein Familienerhalter mit zwei Kindern unter einem Monatseinkommen von 1.300 Euro bleibt, selbst wenn er überhaupt nicht arbeitet. Diese Einkünfte liegen beispielsweise um etliches über den Löhnen ungelernter Arbeiter in der Eisen- und Stahlindustrie. Deutschland teilt seinen ungelernten Arbeitskräften also eigentlich mit, dass sich Arbeit nicht lohnt.

Die Auswirkungen des Sozialsystems sind vor allem im Osten Deutschlands auffallend spürbar, wo die Sozialleistungen trotz weit hinterher hinkender wirtschaftlicher Entwicklung auf westdeutschem Niveau liegen. Sinn schätzt, dass eine von Sozialhilfe lebende ostdeutsche Familie über viermal so viel Einkommen verfügt wie eine vergleichbare polnische Familie und über sechsmal soviel wie eine Familie in Ungarn. Wenn bei der Einstellung von Mitarbeitern solche Hürden zu überwinden sind, ist es kein Wunder, dass die Industrie zögert, sich im Osten anzusiedeln und die Region durch Subventionen unterstützt wird, die 45 % ihres Bruttoprodukts ausmachen.

Aufgrund dieser destruktiven Anreize, so Sinn, wird Ostdeutschland eine Region mit chronischer Arbeitslosigkeit bleiben, ähnlich der italienischen Mezzogiorno-Region, die die italienischen Staatsfinanzen schon seit Jahrzehnten belastet. Überdies verbietet der Entwurf der Europäischen Verfassung, Einwanderer aus anderen EU-Ländern hinsichtlich der staatlichen Sozialleistungen zu diskriminieren. Wird diese Bestimmung angenommen, dann prophezeit Sinn ,,zwanzig Mezzogiornos in Europa".

Sinns Vorschlag - Anpassung der Steuersätze und Sozialleistungen - sind technischer Natur und hätten keine unmittelbaren oder dramatischen Auswirkungen auf das Verhalten der Menschen. Längerfristig muss ein gutes Anreizsystem geschaffen werden, um die Erwartungen der Menschen hinsichtlich ihres wirtschaftlichen Erfolges zu ändern und um ihre Chancen zu verbessern. Junge Menschen werden verstehen, dass sich die Übernahme von Verantwortung für ihren wirtschaftlichen Erfolg auszahlt und dass sich harte Arbeit und kurzfristige Risikoübernahme lohnen. Wo immer sich diese Haltung durchsetzt, werden Finanzsektoren - und dynamisches Wachstum - folgen.