Wir leben in einer Welt, die kreuz und quer von Grenzen durchzogen ist. Im Laufe der Geschichte wurden diese Grenzen immer wieder neu festgelegt, häufig aus der Laune oder aus Willkür heraus, und dann allzu oft blutig verteidigt. Sie waren nie perfekt; und heute werden ihre Fehler auf neue Weise sichtbar.
Wellen von durch Armut und Verzweiflung aus ihrer Heimat vertriebenen Immigranten vermengen die Probleme der einen Nation mit denen anderer. Durch Umweltzerstörung an einem Ort verursachte Klimaveränderungen können überall auf der Welt Überflutungen, Stürme, Dürren und Hungersnöte hervorrufen, und der problemlose weltweite Reiseverkehr führt dazu, dass sich Krankheiten schneller verbreiten. Zunehmend müssen wir erkennen, dass unsere Grenzen keine Schutzwälle sind; sie sind einfach Linien, die wir in der Luft gezogen haben.
Kurz gesagt: Auf diesem sich wandelnden, schrumpfenden Planeten kann kein einziges Land seine eigenen Probleme allein lösen. Nirgends gilt dies mehr als in Lateinamerika und der Karibik, wo die unausgewogenen Schläge der Geschichte und die uneinheitliche Politik der einzelnen Staaten die Schicksale unserer vielen Völker zu einem Flickwerk verwoben haben. Einst unvorstellbarer Reichtum geht heute – manchmal grenzübergreifend, manchmal grenzintern – mit extremer Armut und all ihren sozialen Übeln einher. Unsere Region ist eine Region grausamer Gegensätze.
Glücklicherweise haben inzwischen viele Länder in diesem Teil der Welt erkannt, dass das regionale Wohl eine Herausforderung ist, die regional bewältigt werden muss. Ich bin stolz, dass Costa Rica zu ihnen gehört. Unsere Nation mag klein sein, doch unser Engagement für das Wohl der Region ist alles andere als klein.
Wir haben eine wichtige Rolle dabei zu spielen, die Prinzipien fundierten Wissens, hochwertiger Entscheidungen sowie der Transparenz voranzutreiben. Costa Rica ist die die stabilste Demokratie der Region – ein Ort, an dem Frieden, Bildung und die Natur mehr als alles andere geschätzt werden. Und während wir uns über unsere Erfolge freuen, ist uns seit langem bewusst, dass unsere Zukunft fest mit den Schwierigkeiten unserer Nachbarn verknüpft ist, egal, ob es sich dabei wie vor 20 Jahren um militärische Konflikte handelt oder um den Hunger und die Krankheiten unserer Tage.
Daher bin ich sehr froh, dass die Interamerikanische Entwicklungsbank und das Copenhagen Consensus Center in unserer Hauptstadt San José eine vom Copenhagen-Consensus-Gipfel 2004 inspirierte Konferenz ausrichten werden. Auf jener früheren Tagung wurde eine aus den führenden Wirtschaftsdenkern der Welt bestehende Expertengruppe herausgefordert, die folgende schwierige Frage zu beantworten: Falls zusätzliche 50 Milliarden Dollar zur Verfügung stünden, um den Zustand unserer Welt zu verbessern, wie müsste man dieses Geld verteilen, um so viel Gutes wie möglich zu tun?
Die Experten erkannten, dass die meisten wenn nicht alle Lösungen für die großen Herausforderungen unserer Welt durch ihre örtlichen oder regionalen Zusammenhänge bedingt sind. Daher wird die Veranstaltung in San José eine globale Perspektive durch eine regionale ersetzen, bei der eine neue Expertengruppe sich auf die größten Herausforderungen für Lateinamerika und die Karibik konzentriert.
Diese Herausforderungen lassen sich in zehn Kategorien aufgliedern – eine bekannte Liste zentraler Probleme in diesem Teil der Welt: Demokratie, Bildung, Beschäftigung, die Umwelt, Finanzprobleme, Gesundheit, Infrastruktur, Armut und Ungleichheit, öffentliche Verwaltung, und Verbrechen.
Die Experten stehen dabei vor offensichtlichen Beschränkungen. Unsere Ressourcen sind knapp. Es ist uns nicht möglich, die Anforderungen aller zu erfüllen oder all unsere Probleme auf einmal zu lösen. Wir müssen uns zwischen unterschiedlichen guten Ideen entscheiden, ganz gleich, wie schwierig dies sein mag. Die Expertengruppe wird eine Prioritätenliste von Lösungen erstellen, die den politischen Entscheidungsträgern der Region als Leitlinie dienen kann und uns hilft, gleichermaßen ehrgeizig wie realistisch zu sein.
Das Consulta de San José – so der Titel der Veranstaltung – wird praktische Ideen hervorbringen, die unsere politischen Führungen umsetzen können, und uns helfen, kosteneffiziente Initiativen zu ermitteln und zu fördern. Am wichtigsten freilich: Es wird dazu dienen, die Bedeutung gemeinsamen Handelns herauszustellen. Mit einem echten Gefühl regionaler Zusammengehörigkeit zusammenzuarbeiten, ist schon für sich allein eine Herausforderung, aber eine, der zu stellen sich lohnt.
Es heißt: „Gute Zäune schaffen gute Nachbarn.“ An diesen Worten ist unbestreitbar etwas Wahres, doch es ist Zeit, neu zu bewerten, was „gute Zäune“ wirklich sind. In unserer heutigen Welt müssen sie niedrig genug sein, damit wir die Hand unseres Nachbarn schütteln, seine Probleme ganz wie unsere eigenen begreifen und machbare Lösungen finden können. Sie müssen mit dem Wissen errichtet sein, dass kein Zaun, keine Mauer – ja, nicht einmal ein Ozean oder Kontinent – uns wirklich von den Problemen der anderen abschotten kann.
Dies ist der Geist, in welchem die anstehende Konferenz stattfindet. Ich hoffe, dass dieser Geist sich weit über San José hinaus verbreitet und dass andere Regionen sich uns in der Erkenntnis anschließen werden, dass, auch wenn unsere Grenzen unsere jeweiligen Territorien regeln mögen, es der Mut, über sie hinauszureichen, ist, der unseren Charakter bestimmt – und letztlich unseren zukünftigen Erfolg oder unser zukünftiges Scheitern.


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