SANTIAGO – Im Juli letzten Jahres hat die Inter-American Development Bank das “lateinamerikanische Jahrzehnt” ausgerufen. Diese Bezeichnung wurde ein paar Monate später vom Economist erneut aufgenommen und seitdem von zahllosen Apologeten und Experten wiederholt.
Um die Fachleute zum Jubeln zu bringen, gibt es nichts besseres als etwas Wirtschaftswachstum. Und dieses findet in Lateinamerika statt: dem Internationalen Währungsfonds zufolge 6% im letzten Jahr und schätzungsweise 4,75% im Jahr 2011. Verglichen mit der eher lahmen Entwicklung der letzten drei Jahrzehnte mutet dies raketengleich an. Und im Vergleich zu den jüngsten Negativrekorden in Nordamerika und Europa wird hier geradezu die Schallmauer durchbrochen. Seit der Krise stiegen die lateinamerikanischen Aktienmärkte stark an, und ebenso die Immobilienpreise (zumindest in den Ländern, in denen es dazu Statistiken gibt). Kein Wunder, dass die Begeisterung groß ist.
Anfang der 1980er Jahre war die Stimmung gegenüber Lateinamerika ähnlich positiv. Es gab reichlich Bankkredite aus den USA, und Länder wie Argentinien, Chile und Uruguay wiesen starkes Wachstum auf. Aber dann hob Paul Volcker die US-Zinssätze an, die Dollars kehrten zurück nach Hause, die meisten Länder gingen aufgrund ihrer Schulden pleite, und die 1980er Jahre wurden für Lateinamerika zu einem “verlorenen Jahrzehnt”..
In den frühen und mittleren 1990ern kam erneut Optimismus auf. Die Rohstoffpreise waren hoch, externe Finanzierung reichlich vorhanden, und viele lateinamerikanische Staaten wuchsen wiederum stark. Nachdem sie die Liberalisierungsreformen des Washingtoner Konsenses übernommen hatten, schienen sie endgültig über den Berg zu sein. Aber dann kam 1994 die mexikanische Tequila-Krise, gefolgt von der Wirtschaftskrise in Asien, die die lateinamerikanischen Volkswirtschaften hart traf. 1998 flog Brasilien in die Luft, und 2001 versank Argentinien im Boden.
Ich möchte keineswegs behaupten, dass Lateinamerika heute erneut am Rande einer Schuldenkrise steht. In vielen Ländern – darunter Brasilien, Peru und Kolumbien – sind die makroökonomischen Umstände viel besser als in den 1980ern oder frühen 1990ern.
Aber die heutige Situation weist zu den vorherigen Phasen finanzieller Euphorie zwei Parallelen auf: Rohstoffpreise in schwindelnder Höhe und billiges internationales Geld. In der Tat sind in vielen Ländern der Region die Handelsbedingungen besser und die relevanten globalen Zinssätze niedriger als je zuvor. Mehr als jede wirtschaftspolitische Verbesserung der letzten Jahre wirken diese Faktoren wachstumsverstärkend.
Tatsächlich ist Lateinamerika heute zweigeteilt: in Südamerika, das reich an natürlichen Ressourcen ist, und in das in dieser Hinsicht arme Mittelamerika zusammen mit Mexiko. Demzufolge wächst Südamerika viel schneller als seine nördlichen Nachbarn – einem aktuellen Bericht der Inter-American Development Bank zufolge zwischen 2010 und 2011 4,4% gegenüber 2,7%. Dieser Bericht schätzt, dass Argentiniens Wirtschaft in diesem Zeitraum um 6,1% wächst, die von Costa Rica um 3,8% und die von El Salvador nur um 1,6%. Gibt es einen einzigen Volkswirt, der glaubt, dass die Wirtschaftspolitik von Argentinien fast viermal besser ist als die von El Salvador?
Auch das im Überfluss vorhandene internationale Kapital macht einen Unterschied. Der Liebling der Finanzmärkte ist im Moment Brasilien, das 2010 mit fast 100 Milliarden US$ Kapitalzufluss rekordverdächtige 7,5% Wachstum hinlegte. Bis Ende 2016 wird Brasilien Gastgeber sowohl der Fußball-Weltmeisterschaft als auch der Olympischen Spiele gewesen sein.
Kaum jemand stellt Brasiliens Vorherrschaft im Bereich Fußball in Frage. Aber die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit des Landes steht auf einem anderen Blatt. In dieser Weltmeisterschaft kommt Brasilien nicht einmal in die Runde der letzten 32. In der vom Weltwirtschaftsforum zusammengestellten Rangfolge der Wettbewerbsfähigkeit erreicht das Land von 139 Plätzen lediglich Rang 58. Brasilien findet sich damit hinter Montenegro, Mauritius und Aserbeidschan wieder.
In der Vergangenheit nahmen die Zeiten spottbilligen Geldes und aufgeblasener Rohstoffpreise für Lateinamerika immer ein böses Ende. Wird es diesmal anders sein?
Die Standardantwort des Volkswirts lautet leider: Kommt darauf an. Zunächst hängt es davon ab, ob die Länder die Entwicklung finanzieller Blasen verhindern können. Der IWF stellte in einem Bericht kürzlich die Frage: “Sind die Bedingungen zur Blasenbildung vorhanden?” Nach dem Hinweis auf überschießendes Kreditwachstum in den meisten südamerikanischen Staaten (in Brasilien stiegen im Jahresverlauf von 2010 die Hypotheken um 40% auf mehr als das Dreifache des Kreditvolumens von 2007) folgerte der IWF, dass “die momentane Ausweitung noch nicht auf das Niveau eines Kreditbooms gestiegen ist”, obwohl “dies der Fall sein wird, sollte die Expansion über einen längeren Zeitraum weitergehen”..
Beachten Sie das “noch nicht”.. Wenn ein Arzt den Familienmitgliedern mitteilt, dass ein Patient “noch nicht” tot ist, sollten diese anfangen, sich Sorgen zu machen.
Im gleichen Bericht läutete der IWF bezüglich möglicher Kapitalmarktblasen die Alarmglocke, und betonte, dass “die Aktienpreise in den meisten Ländern über den Trend hinaus gestiegen sind, und in einigen Ländern (Chile, Kolumbien und Peru) Zeichen von Überbewertung aufweisen”.. In Chile erntete der Bericht empörten Widerspruch der Broker und Fondsmanager, die davon leben, chilenische Aktien an Investoren zu verkaufen.
Ob die momentane Episode in Tränen endet, hängt auch von der Haushaltspolitik ab. Es gab in Lateinamerika einmal eine Zeit, in der die Haushaltspolitik extrem prozyklisch verlief: Wenn die Rohstoffpreise fielen, verloren die Regierungen den Zugang zu den Kapitalmärkten und mussten ihre Defizite genau dann abbauen, wenn die Bedingungen eigentlich eine haushaltspolitische Expansion erfordert hätten.
Dies ändert sich jetzt langsam. Bei deutlich geringeren Staatsschulden als früher haben einige lateinamerikanische Staaten 2009 erstmalig antizyklische Defizite aufgebaut und damit die inneren Auswirkungen des externen Schlags der globalen Finanzkrise abgemildert.
Das Problem ist, dass die dortigen Regierungen erst erkennen müssen, dass antizyklische Haushaltspolitik bedeutet, in beiden Teilen des Zyklus gegen den Strom zu schwimmen: nämlich in schlechten Zeiten mehr auszugeben (der einfache Teil) und in guten Zeiten weniger auszugeben (die große Herausforderung). Momentan ist die Haushaltspolitik in fast allen lateinamerikanischen Staaten weiterhin zu expansiv.
Dieser Impuls befeuert heute gemeinsam mit hohen Rohstoffpreisen und reichlichen Krediten das Wirtschaftswachstum – oft auf Kosten zukünftiger Stabilität und späteren Wachstums. Zu viele Experten werden auch weiter behaupten, dass die Zeit von Lateinamerika endlich gekommen sei. Wenn sie doch nur Recht hätten.


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