CHICAGO – Nun, da sich der Staub nach der Wahl der geschäftsführenden Direktorin des Internationalen Währungsfonds gelegt hat, kann sich die Organisation wieder ihrer Kernaufgabe der Krisenbewältigung zuwenden. Christine Lagarde, eine kompetente und renommierte Technokratin, wird angesichts dreier wichtiger Herausforderungen alle Hände voll zu tun haben.
Die erste und wahrscheinlich einfachste Herausforderung besteht in der Wiederherstellung des öffentlichen Image des IWF. Obwohl das Strafverfahren gegen Dominique Strauss-Kahn aufgrund von Vergewaltigungsvorwürfen nun höchst ungewiss ist, lässt das damit verbundene Augenmerk auf den IWF das Bild einer unkontrollierten internationalen Bürokratie entstehen, an der Spitze Männer mit wenig Gespür für Zurückhaltung, aber dafür unbegrenzten Spesenkonten stehen.
Glücklicherweise ist die Wahrheit prosaischer. Die Führungspersonen des IWF verfügen lediglich über streng limitierte Spesenkonten (keine 3.000 Dollar für eine Nacht im Hotel trotz anders lautender Pressemitteilungen). Überdies sind sie im Vergleich zu ähnlich qualifizierten und erfahrenen Führungskräften in der Privatwirtschaft insgesamt unterbezahlt.
Wie in vielen Organisationen, wo Mitarbeiter gemeinsam auf lange Geschäftsreisen gehen, gibt es auch beim IWF einen gewissen Anteil an Büro-Romanzen. Dennoch ist das Umfeld professionell und nicht frauenfeindlich. Ein Vorfall aus der Vergangenheit - Strauss-Kahn hatte eine ungebührliche Beziehung zu einer Untergebenen, entkam aber glimpflich - signalisiert allerdings, dass der Fonds eindeutigere Richtlinien hinsichtlich akzeptablen Verhaltens und strengere Strafen bei deren Übertretung braucht. Auch andere Organisationen hatten sich mit ähnlichen Problemen zu beschäftigen. Der IWF muss die nötigen Änderungen umsetzen und – ebenso wichtig – vermitteln, dass der DSK-Vorfall eine Verirrung und nicht die Spitze des sprichwörtlichen Eisbergs war.
Die zweite und vielleicht schwierigste Herausforderung für Lagarde ist der Schlamassel in Europa, wo der IWF übermäßig in die Politik der Eurozone verstrickt ist. Normalerweise beurteilt der IWF, ob ein Land nach Umsetzung angemessener Sparmaßnahmen seine Schulden bedienen kann. Kredite gibt es erst, wenn dies in den Augen des IWF der Fall ist. Das Ziel der IWF-Kredite ist die teilweise Finanzierung eines Landes, während Anpassungen vorgenommen werden, um somit wieder Zugang zu privaten Krediten zu erhalten. Das heißt auch, dass ein Land mit zu hohen Schulden über eine Schuldenverringerung verhandeln sollte, bevor es Hilfe vom IWF bekommt, um auf diese Weise eine untragbare Rückzahlungslast zu vermeiden.
Möglicherweise beeinflusst durch finanzielle Hilfsversprechen aus der Eurozone (und dem Wunsch Europas, eine von einem Zahlungsausfall geschürte Ansteckung auf Länder wie Spanien und vielleicht Italien zu verhindern), malte sich der IWF ein rosigeres Bild von der Schuldentragfähigkeit in Ländern wie Griechenland als er es im Falle von Schwellenmärkten tat. Aber das hat diesen Ländern nicht „geholfen“, denn die Verfügbarkeit von so genannten weichen Krediten aus der Eurozone oder vom Fonds ermöglicht nur die Anhäufung eines noch größeren Schuldenbergs.
Letztlich können Schulden nur zurückgezahlt werden, wenn ein Land mehr produziert als es ausgibt. Und je höher die Schulden, desto weniger wahrscheinlich wird es, dass ein Land jene Mischung aus Sparmaßnahmen und Wachstum erreicht, die es ihm ermöglicht, die nötigen Überschüsse zu erwirtschaften. Eine verspätete Umschuldung ist letztlich eine mit größeren Schmerzen verbundene Umschuldung – nach vielen Jahren verlorenen Wachstums.
Gelingt es problembelasteten Ländern der Eurozone, vor allem Spanien, rasch wieder in die Wachstumszone zu gelangen, hätte dies ein „Durchwurstel-Ergebnis“ zur Folge, das funktionieren könnte. Haben Länder wie Spanien, die zu groß sind, um sie zu retten, wieder Boden unter den Füßen, könnten die Schulden der hoch verschuldeten Peripherie-Länder wie Griechenland durch Zinsverzichte, Laufzeitverlängerungen und Schuldentausch abgeschrieben werden. Die Eurozone – und die Europäische Union – könnten die Haushaltskrise intakt überleben.
Weil aber der IWF nicht auf einer Umschuldung im Voraus beharrte, steht er nun vor Problemen. Nachdem private Anleger nicht willens sind, noch mehr Geld zu verleihen, ja nicht einmal die Fristen bestehender Schulden zu verlängern, wird der Großteil der griechischen Schulden zum Zeitpunkt irgendeiner Umschuldung (oder wie man es euphemistisch nennen wird) wohl dem öffentlichen Sektor zuzurechnen sein. Darüber, wie die Verluste für die Gläubiger auf die verschiedenen Institutionen der Eurozone und den IWF aufgeteilt werden, kann nur spekuliert werden. Zum ersten Mal in der Geschichte, wird der Fonds einen erheblichen „Haircut“ seiner Kredite hinnehmen und seine außereuropäischen Mitglieder darauf vorbereiten müssen.
Ein noch größeres Dilemma wird entstehen, wenn es mit der Strategie des Durchwurstelns nicht klappt. Die Strategie des IWF, die auf die Bürger des Not leidenden Landes und dessen Gläubiger ausgerichtet sein müsste, sollte sich ab einem gewissen Punkt von der Strategie der Eurozone entfernen, wo man eher bereit ist, die Interessen einzelner Länder zugunsten der größeren Interessen der Währungsunion zu opfern. Lagardes Herausforderung wird darin bestehen, für den IWF eine von der Eurozone unabhängige Strategie zu konzipieren, obwohl sie persönlich in die Konzeption letzterer eng eingebunden war.
Die dritte Herausforderung für Lagarde betrifft die Umstände ihrer Wahl. Es ist nicht ausgeschlossen, dass in den nächsten Jahren einige Schwellenländer in Schwierigkeiten geraten werden. Wird der Fonds jene strikten politischen Änderungen fordern, die er den Ländern in der Vergangenheit abverlangte oder wird Lagardes Bedürfnis, ihre Unabhängigkeit von Europa zu zeigen, dazu führen, dass zukünftige IWF-Interventionen expansiver und weniger strikt verlaufen? Ein netterer, sanfterer Fonds ist in niemandes Interesse, am allerwenigsten der in Schwierigkeiten geratenen Länder und der Steuerzahler dieser Welt.
Schließlich besteht noch eine Herausforderung, die zwar dringlich erscheint, es aber nicht ist. Während ihrer Bewerbungskampagne betonte Lagarde, wie notwendig Vielfalt in der Führungsriege des IWF sei. Wirklich notwendig ist allerdings eher die Auswahl und Förderung der Besten, ungeachtet ihrer Herkunft, ihres Geschlechts oder ihrer ethnischen Zugehörigkeit.
Aufgrund der Unternehmenskultur und Geschichte des IWF wird man sich bei der Auswahl und Förderung des Personals natürlich auch in Zukunft auf einen gewissen Typus konzentrieren (beispielsweise promovierte Abgänger von US-Universitäten). Dieser gemeinsame Hintergrund der IWF-Mitarbeiter ermöglicht dem Fonds schnelle Rettungsaktionen und vermeidet die Zeitverschwendung endloser Debatten. Langfristig ist mehr Vielfalt notwendig. Geht man in dieser Hinsicht aber zu rasch vor, um von der Tatsache abzulenken, dass schon wieder eine Person aus Europa an der Spitze steht, riskiert der Fonds, seine größte Stärke in Gefahr zu bringen.
Der IWF ist vielleicht die zentrale, globale multilaterale Wirtschaftsinstitution in einer Zeit, da es solcher Institutionen mehr als je zuvor bedarf. Lagarde übernimmt die Führung in schwierigen Zeiten. Wir haben alle ein Interesse an ihrem Erfolg.


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